Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1886)
- Date
- 1886-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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mmmm 1018 Wer bist Du, meine Tochter? fragte er sie. - Anfangs wollte die Angeredete sich nicht zu erkennen geben; als aber der Rabbi in sie drang, gestand sie ihm, daß sie die Tochter des einst so reichen Nikodemos den Gorwn sei. Rabbi Jochanan benSackai haue ihren HeirarKScontrakt mitunterzeichner, der ihre Mitgift auf eine Million Goldgulden beftiuunte. — Meine Tochter, fragte der Weise, schmerzlich berührt, wohin ist das große Vermögen deines Vaters gekommen 4 — Rabbi, antwortete dieU nglücklichc, besagt doch ein in Jerusalem gebräuchliches Sprichwort: Das Salz des Geldes ist die Verringerung desselben durch Wohlthätigkeit. (Das heißt: Wie man das Fleisch salzt, um es auf lauge Zeit zn conserviren, so muß man einen Theil seines Vermögens, um das ganze zu erhalten, zu wohlthätkgen Zwecken verwenden.) — Und, fragte der Weise, wohin ist das Vermögen deines reichen Schwiegervaters gekommen? — Ach, sprach sie, das eine hat das andere mitvernichtet. — Als die Unglückliche sich entfernt hatte, sprach Rabbi Jochanan zu seinen Schülern: Nehmt Euch ein Beispiel an dem traurigen Geschicke dieses jungen Weibes. Wenn die Voreltern dieses jungen Weibes den heiligen Tempel besuchen wollten, so kamen jedesmal zuvor die Diener und breiteten kostbare Teppiche auf dem ganzen Wege aus, damit ihr Fuß nicht den Erdboden berühre. - Wahrscheinlich war auch Rabbi Jose bei diesem traurigen Begegniffe, und dies mag ihn veranlaßt haben, stets den Wahlspruch im Munde zu führen: Es sei das Geld deines Genossen dir soviel werth wie das deinige. Tenn auch der Zehnte, den die religiöse Pflicht uns auflegt, vou unserem Einkommen zu sondern und zu wohlthatigen Zwecken zu verwenden, ist nicht mehr unser Geld, sondern das unserer armen Mitmenschen. Aber nicht nur die Wohlthätigkeit ist es. die Rabbi Jose hier empfiehlt, das, was er lehrt, ist viel umfassender. Es gibt tausend Verhältnisse, die nicht in den Bereich der Wohlthätigkeit gehören, wohl aber in den des Lehrsatzes, der uns hier beschäftigt. Jemand hat dir etwas aufzubewahren gegeben: hüte es so, wie du dein Eigenthum hütest; schütze es vor Räubern und Dieben; bei Fenersgefahr oder Wassersnot!), im Kriege oder bei andern Urisällensuche cs ebenso zu retten, wie du dein Eigenthum zu retten bemüht bist. — Sei ein guter Nachbar! Sehr häufig sind RachbarvEoncurrenten, die einander denVerdienst abzujagen bemüht sind. Thue das nicht; es sei vielmehr das, was dein Rachbar erwirbt, dir so lieb, wie wenn du es selbst erworben hättest. — Mit Neid und Mißgunst betrachten die meisten Menschen das Emporblüheu der Geschäfte und des Vermögeiks ihrer Nachbarn und Genossen. Gehöre nicht zu diesen, sondern freue dich des Glückes deiner Mitmenschen, wie wenn dn es selbst errungen hättest. — Die meisten Streitigkeiten, Haß und Zwietracht entspringen daher, daß ein Mensch dem andern seine Erfolge nicht gönnt. Würden alle Menschen sich wohlwollend des Wohlstandes der Nebenmenschen freuen, das Loos der Armen aber nach Kräften besser zu gestalten suchen, so würden Friede und Eintracht auf Erden herrschen. — Ein deutsches Sprichwort sagt: Bei Geldsachen hört die Gemüthlichkeit aus. Wir aber sollen dieses Sprichwort nicht zur Norur unseres Lebens machen; sowie wir uns selbst vor Schaden zu hüten suchen, so sollen wie auch das Vermögen unseres Mitmenschen vor Schaden zu schützen uns bestreben. — Nur zu oft sieht man, wie bittere Feindschaft im Schooße der Familie die Oberhand gewinnt: fragt man nach dem Grunde, so sind es meistens Geldangelegenheiten, Erbschaftsstreitigkeiten, Eoncurrenzneid und dergleichen Tinge, welche den Bruder mit dem. Bruder verfeinden. Unsere Weifen lehren, Jerusalem sei nur deßwegen zerstört worden, weil jeder seiner Bewohner sich auf den Standpunkt des strengen Rechts stellte, davon nicht weichen wollte und die Billigkeit und das Wohlwollen nicht vorwalten ließ. Daraus entsprang dann der Haß, welcher die Brüder verfeindete und am Ende das ganze Staatswesen dem fremden Eroberer überlieferte. Jeder Mensch ist geneigt, in zweifelhaften Fällen sich Recht und seinem Genoffen Unrecht zn geben. Beharren Beide auf dieser Meinung, so sind die Zwietracht und der Haß da. Rabbi Jose aber lehrt: Stelle dich aus den Standpunkt deines Gegners und betrachte die Angelegenheit so, wie wenn d» an der Stelle des Gegners stündest. Dann wirst dn geneigt sein, nachzugeben. die Billigkeit und das Wohlwollen vorherrschen zu taffen, und wenn auch nach dem strengen Recht dein Eigenthum vor dem deines Genossen den Vorzug hat» so übe du pn rrora gebe über das strenge Recht hinaus zuur Besten-deiues Gegners: Du kannst nur dabei gewinnen, selbst wenn dn dabei Geld verlieren solltest: du erringst die erhabene Tugend der llitekgennützigkeit und der Menschenliebe. (Fortsetzung folgt:» Die Schächtpetition in der H^etilions- «Lommifüon des Reichstages. Berlin. 15. Juli. Durch die Güte eines befreundeten Abgeordneten in den Besitz des Be-