Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 52 (1.7.1886)
- Date
- 1886-07-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Tempel »iiilc»scheiden sich mir di'ich ihre Höhe von geivölmlichei» Häuser»», der Baustil ist so nüchtern als möglich und ftcht in schneidendem Gegensatz zu dem prachtvollen, neuerdings in Deutschland in manrischcm Stil erdanten Synagogen; mir an Hoden Festtagen, wenn das Innere vollständig erleuchtet ist, gewährt der sreie Platz einen zauberhaften Anblick: aus den Fenstern an beiden Seiten strahlen unzählige Lichter in die Nacht hinaus, die den massiven in die Hohe strebenden Gebäuden im Dunkel ein eigenthümliches Gepräge geben. Dann sind aber auch die sonst von Leben und Bewegung strotzenden Straßen »vic ansgcstorbcn, die männliche Bevölkerung betet in den Synagogen — denn außer den drei genannten befinden sich in diesem Viertel noch etwa sechs größere oder kleinere Bethäuser —, wer keinen eignen Platz hier hat oder durch andere Umstände verhindert ist, die Wohnung zu verlassen, genügt -zu Hause beim Schein der ^abbatlampe seinen religiösen Pflichten. Bon dem genannten Platze ziehen sich strahlenförmig verschiedene Straßen mit vielen Parallclstraßcn nach allen Himmelsgegenden: nach Süden die Wccsperstraße, durchschnitten von der Kerkstraat, der längsten Straße Amsterdams, deren letztes Dritte! von der Amstcl au beinahe ausschließlich jüdisch ist; nach Norden die Watcrlooplein, früher der Houthafen, und ihr parallel laufend die Joodenbrceftraat, die eigentliche Verkehrsader des Viertels: in östlicher Züchtung nach dem I und der Prinshcndrikkade zieht sich die Rapenburgerftraat hin, eine schmutzige, enge Straße, die aber im Vergleich zu ihren Parallclstraßcn, der Batavier- und Focliesiraat, noch ein Pariser Boulevard heißen mag; westlich läuft die Amstclstraat über eine schöne neue Brücke und diese setzt sich bis zum Reinbrandlplatz fort. In diesem Revier trägt alles einen augenfällig jüdischen Charakter. Was in diesem Viertel an alten Trödelwaaren aufgespeichert ist, übersteigt selbst die kühnste Phantasie, aber wer in der Woche anr sogenannten Markttag über das Amstclveld oder den Nicuwmarkt oder auch über die Watcrlooplcin geht, der bekommt einen ungefähren Begriff davon, wie in diesen Schichten der Gesellschaft der Kampf ums Dasein gestritten wird. Vom einfachen rostigen Nagel an bis zum kunstlosen, von Alter und Feuchtigkeit gelb angclauseneu Holzschnitt, der sich hinter einem zerbrochenen Glas verbirgt, liegt der Hausrat!) bunt durcheinander: hier prüft eine ärmlich gekleidete Frau mir forschcndcnl Auge ein aus einem Brande gerettetes und mit Brandflecken und feuchtem Schutt bedecktes Umschlagtuch, das sie für ein paar Cents zu ersteigern hoch», dort marktet eine dicke, behäbige Jüdin, die mit der schwer bestene» ten Seife äußerst sparsam imizngehen scheint,Hinein Bett oder einen alten bsen; einem Knaben kaust der Vater zum bevorstehenden Var'Mizmahfest eine neue Mütze oder Stock und Stiesel, welche vielleicht eine ebenso reiche Berga,lgenheit hinter »ich haben, wie der Frack, in dem der Srländer seine Schweine füttert. Hier geht alles noch verhültniß- »naßig still zu, luev aber einen Griff in das echte, volle Treiben dieser Welt machen will, der muß sich am Freitag Mittag, ehe der Sabbat beginnt, die Foodcnbrecstraat anschen, nnfreiwillige Rippenstöße und schwere Mißhandlung der Hühneraugen muß man dabei allerdings mit in den Kauf nehmen, aber ein ohrbctünbcndcs Geschrei, mit dem jeder die von ihm hoch in der Hand gehaltenen Waaren anpreift, von der jugendlichen Stimme' des Mädchens an, das Porzellanknopfe oder Garn und Band feilbietct, bis zum kreischenden Schreien des Früchte- oder Gemüsehändlers und seiner Frau, welche ihren Karren, auf dem vorn oft noch ein paar kleine Kinder sitzen, mit Mühe durch das Gewühl hinschicbcn, das plötzlich vor einem daherkommenden schweren Frachtwagen oder vor einer Micthkutsche anseinandcrstänbt. Man irrt, »venn man hierin eine dem Volke Israel zur zweiten Natur gewordenen Schachergeist erblicken will, es ist vielmehr die zwingende Noth, für den Sabbat, an dem nicht gearbeitet, folglich auch nichts verdient wird, einige Dubbcltjes zu verdienen, mit denen das Leben gefristet »vird. Denn das Betriebskapital eines solchen Trödlers beträgt vielleicht kaum einige Gulden, er muß dagelbe also täglich wenigstens einoderzwSmal Umschlagen, wen» er für sich und seine in der Ziegel zahlreiche Familie den allerdürftigstcn Lebensunterhalt erhaschen will. Cinc Stunde vor dem Beginne des Sabbats beginnt das Getümmel schwächer und schwächer zu weiden, und ist die im jüdischen Kalender für jeden Lramftag genau angegebene Stunde und Minute da, dann »vürde man sich in einen unbewohnten Stadtthcil versetzt glauben, »venn nicht die hell erleuchteten Wohnungen das Gegeutheil bezeugten. Dafür erwacht aber am Samstag nach 12 Uhr, wenn die „Schule" aus ist, neues Leben. Bei halbwegs ordentlichem Wetter scheint sich die gesamutte Ioodenbuurt über die Stadt' Amsterdam zu ergießen: einzeln oder in Gruppen und Familien werden die belebteste» Straße» der Stadt, besonders die Kalverstraat, durchzogen, nicht nur ein-, sondern oft vier- bis fünfmal; das schönste Geschlecht — und darunter sicht man Gesichter von blendender Schönheit — hat seinen besten Staat angelegt, und manche Diamantschleiferm oder Rojenschneiderin — denn Frauen und Mädchen bilden *