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Der Israelit · 1886-07-01 · Heft 52 (1.7.1886) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 52 (1.7.1886)
Date
1886-07-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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tut ftiJdic dticit fcfir bcbeittcubcit Ptoccntsatz ', die während der Woche in« Atbeilskleide teilte desottdere liebreizende Erschein»»« darbol, spazirt mttt mit stolzem, glänzenden Besicht, wie eine Rose vom Thale Saron, beit (brachten etttlang, nm bei der bekannten „Pantoffelparade" auf der Hecrengracht nicht zu fehlen. Bis in die etltlegcnsten Stadtiheile, in den Bondelpark. über die Haarlemntecpoort hinaus, der Amstcl entlang werden die Spaziergänge ausgedehnt, nnd Cafüs wie „Krasnapolski" und „Mille Colonncs" gleichen jetzt und noch viel mehr am Abend ausschließlich jüdischen Gesellschastslokalen. Man kann das so recht behäbige Selbstgefühl bemerken, mit bem der Mann neben seiner iyrau nnd mit seinen Kindern im weiten, geräumigen Lokal oder im Garten am Tischchen sitzt nnd seinen Kaffee trinkt, nnd niemand wird es hinter dem fcingckleideten Manne mit reingebürstctcn Seidcnhut und Glacehandschuhen und seiner im eleganten Mantel dasitzcndcn Frau ansehcn, daß.sie morgen im engen Kellerladen stübcrweise ihre Waaren verkaufen. Zur Sommer bei drückender Hitze sitzt alt nnd jung vor den Häusern, und dieser Anblick ist in der Thar patriarchalisch, cS ist wie ein Bild des tiefsten Friedens, der sich über die Menschheit lagert, und man kann sich dann überzeugen, daß noch heute der Segen: „Seid fruchtbar und mehret euch", fortwirkr. Hier wohnt aber auch die bitterste Roth und Armut!), manche Familie mit zahlreichen Kindern ist auf ein einziges Zimmer beschränkt, und die besonders unter jüdischen Kindern herrschende Angenkrankheit mag in dem furchtbaren hier aufgehäuften Schmutz ihre letzte Ursache haben, wiewohl hier die merkwürdige Erscheinung zu Tage trat, daß dieses Jndenvicrtel. von der Cholera, als sie das letzte Mal in Amsterdam auftrat, vollständig verschont blieb. Aber dennoch ist das Loos des jüdischen armen Mannes ein viel erträglicheres, als das des dürftigen Christen, denn die Opfer, welche der Wohlthätrgkeitssinn seiner Glanbensgcnoffcn darbringt, bewahren ihn wenigstens vor Hunger und Kälte.. Hier wohnt die strengste Orthodoxie; ic ärmer der Jude ist, desto ängstlicher nnd gewissenhafter hält er sich an die Sutzllugcn der Täter, er würde lieber sterben, che cr die Sünde beginge und „trefe" ätze, und daß ein armer Jude tun klingenden Lortheils willen zum Christenthum übergetreten wäre, ist hier noch niemals dagewcsen. Was ferner hier wohnt, das ist der hochentwickelte Familiensinn, worin der Jude dem Christen stets als nachfolgungswürdiges Vorbild voranleuchren wird; wer einmal durch dieRapenburgerstraat gegangen, in der sich eine jüdische, von etwa 400 Kindern besuchte Bewahrschule besiitdet, wird gesehen haben, wie Hunderte vonMüt lern im Schnee und Sturm Viertelstunden lang vor dem Schnlhanse warten, um die Meinen zn empfanget«, sie sorgsattl iu die mitgebrachten dürftigen Tücher elttztihüllcu nnd nach Hanse zt« traget«. Als vor tvenigett Tagen ein diese Schule besuchendes Kind nach seiner Rückkehr in die elterliche Wohnung am Abend plötzlich starb uub sich das übrigens vollslätldig grundlose Gerücht verbreitet hatte, dasselbe «väre infolge einer ihm von der Lchrerit« anserlcgrcn Strafe gestorben, samnteltetr sich tags darauf dichte Schwärme von Frauen vor der Schule, forderten mir kreischenden Stimmen ihre Kinder zurück und konnten nur mit der allergrößten Mühe beschwichtigt werdet!. Als im vorigen Jahre, Dank den Bettlühungen einer Amsterdamerschen Freimaurerloge, dert Kindern armer Eltern im Winter während der Schulzeit warnte Speisen verabreicht wurden, kostete es große Mühe, selbst arme jüdische Mütter zur Annahme des 'Angebots zu überreden, wiewohl die Speisen nach jüdischem Ritus .zubercircr worden waren: sie wollten lieber selbst darben und das wenige, das sie hatten, mit ihren Lieblingen thcilcn. Wie überall, zcichnei sich auch hier der Jude durch ungemeine Mäßigkeit aus; häufig hat man Gelegenheit, am Samstag Mittag den ärmlich gekleideten Mann mit seiner Frau, der Sorgen und Roth aus den Augen schatten, und seine Kinder an der Hand führend durch die Straßen der Stadt, die er sonst die ganze Woche nicht sicht, spazieren gehen zn sehen: der christliche Proletarier pflegt eS Jn der Regel anders zu machen, der überläßt au« Sonntag Frau und Kinder sich selbst und sucht in der <2chnapsscheuke Erholung. Von einem Mißbrauch von Spirituosen, der unter dem niederen Volke so entsetzliche Verheerungen anrichtct, hört man hier nichts, und dies ist auch der Grund, warum die Polizei in diesem Viertel eine verhältnißmäßig leichte Ausgabe hat; Raufereien und andere Störungen der öffentlichen Ordnung kommen gar nicht vor und nur einmal meines Wissens setzte man der Polizei that sächlichen Widerstand entgegen; aber damals handelte es sich auch unk dem Brodverdienst und die Straßenhändlcr wollten sich die Joodenbrectstraar. dcn.Schcmp'.atz ihrer bisherigen Thätigkeit, nicht nehmen lagen, wiewohl die Staatsvchöedc dies ans Rücksichten des ungehinderten Verkehrs für nöthig erachtet hatte. Und fragt man zum Schlüge, welcher Arr das gesellschaftliche Verhältniß zwischen Christen und Juden hierzulande ist, so muß man zwischen dem unterscheiden, was auf der äußern Oberfläche liegt, und demjenigen, was sich der gewöhnlichen Wahrnehmung entzieht. Judenhetzen sind allerdings nicht vorge-

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