Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1886)
- Date
- 1886-06-24
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449647--24523-2514329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Safed 3× ep/1046078
OCR text
Am Abhange des Beiges, der dem Beige Sebnd gegenüber liegt, liegt die Stadt und schaut herab >nf das ganze Land Unter-Galiläa, anf den See Genezareth und auf den Berg Tabor. Der Anblick der ganzen Umgegend ist bezaubernd. Der Bexg Sebnd gleicht wnPTn grossen, wilden Thiene mit Ohren und Uörae™ am Kopfe (die Jaden nennen die Hügel „Ohren vonTabor* and „Lenden von Tab or“ und liegt der Stadt gegenüber westlich. Unter- Galiläa gleicht einem Heere von geschmolzenem - Golde, welches mächtige Wellen geschlagen und plötzlich durch einen kalten Wind erstarrte. Am südwestlichen Winkel ist der Genezareth- See und südlich das Land Gilead. Oben anf dem Berge steht eine öde Burg, die von den Kreuzfahrern herrührt. Jenseits des Beiges ist ein liebliches Thal, welches mit üppigen Weinbergen und Gärten bedeckt ist. Jenseits des Thaies Osten erhebt sich gewaltig der Beig Kanaan, der Safed und die Ebene Genezareth von einander scheidet; auf demselben ist die Stadt der Christen und Moslemim erbaut. Nördlich von der Stadt sind liebliche Berge und Thäler: das DorfBiri oberhalb des Bergesund das Dorf En-Setnn unterhalb am Thale. Kurz, wohin man sein Auge richtet, begegnet man nur Schönheit, Glanz und Pracht. Der Anblick am Morgen und Abend ist mit den schönsten gemalten Landschaften zu vergleichen. Der Himmel dunkelblau, die Luft klar und rein, die blitzenden Sonnenstrahlen, die Thanwolken auf dem Tab or und anderen Beigen wie Schneeberge lagernd, die schaarenweis hin und her fliegenden rabenschwarzen Vögel, wie schwarze Punkte zwischen Blau und Purpurroth. Das Alles könnte ein Dichter besingen und ein Maler auf Leinwand bringen; ich aber kann nur ausrufen: „Wie schön sind Deine Werke, Ewiger!“ Die Luft der Stadt ist so gut und gesund, dass noch nie die Cholera dort geherrscht hat, auch andere Krankheiten, die ihren Grund in verdorbener Luft haben, kommen daselbst nicht vor. Nur Krankheiten, die von der plötzlichen Luftveränderung entstehen, wie Fieber und Lungenentzündung, treten daselbst auf, denn schneller Luftwechsel zeigt sich hier mehr, als an anderen Orten. Die Lebensmittel sind billig. Fleisch und Fische, Milch, Butter und Käse, Früchte und Gemüse sind wohlfeil, nur das Geld f ist rar. Wasser ist wenig in der Stadt, denn j sie hat cur eine Quelle, deren grösster Theü j die Nichtjuden daselbst versorgt, und nur ein \ kleiner Theil fiiesst den Juden zu; darum be- { gnügen sich die Meisten mit Brunnenwasser, i Brunnen können in Safed leicht hergestellt 1 werden, denn das Gestein des Ortes ist weich, i lässt sich leicht behauen, und nicht ferne von | der Stadt sind viele Quellen, so dass Wasser- ] mangel niemals ein treten kann. - Alle diesse Vorzüge könnten die Stadt zu | einer der schönsten machen und deren Bevölke- { rungszahl bedeutend steigern. Zwei Umstände i aber sind es hauptsächlich, welche die Vermeh-; rung der Einwohner verhindern. - Die Stadt steht j auf vulkanischem Boden und ist darum fbrtwäh- \ rend mit Verwüstung und Untergang bedroht, j Mehrmals bereits wurde Safed von Erdbeben j und Vernichtung heimgesucht, so dass sich die j Einwohner daselbst nicht sicher fühlen und so 1 sie es irgendwie ermöglichen können, ihren Wohn-; sitz daselbst aufgeben. - Die Zahl der jüdischen Bewohner Safeds! vertheilt sich wie folgt: Kolel Wollin 1600, . Kolel Oesterreich 1200, Kolel Rumänien; 800, Aschkenasim 4000, Sephardim 1350 zusammen 8950 Seelen. ~ Alle Aschkenasim dieser Stadt zahlen zu den „Chassidim“, diese aber spalten sich wie derum in viele Parteien. So viele Parteien, so viele „Klausen“ giebts, jede hat ihren „Rabbi“, der von seinen Anhängern in den Himmel erhoben wird, und in diesen Klausen werden Feste und Freudentage begangen. * Während meines dortigen Aufenthalte wurde ein neues Beth Hamidrasch zu Ehren des „Zadik“ von Bahn sch eingeweiht und zwar mit besonderem Pomp, mit Tanzen und grossen Gelagen. Eine neue Klaus, neue Zerstörung, ein neues „Chassidim- Stübelneue Stöcke, neues Glas, neue Steine, neue Schläge und Prügeleien. Jrtheile, lieber Leser, nicht schnell aus meinen wenigen Worten über die Stadt und Gemeinde. Als gebomer Litthaner spöttle, ich gern ein wenig über die Sitten der „Chassidim“, die mir zuwider sind, jedoch bereitet Euch vor, ein objectives Urtheil zu hören über die Stadt und Gemeinde. (Fortsetzung folgt.)