Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1886)
- Date
- 1886-06-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Türkei. - Aus Constantinopcl schreib! uns unser Freund, Herr Joachim Grün, der sich eben ans einer wissenschaftlichen Orientrcise befindet, folgende intercflante'Begebenheit: „Während meines Aufemhaltes in der türkischen Hauptstadt wohnte ich der einem Glaubensgenossen, Namens David Alkclai, der vor Kurzem gegen einen reichen türkischen Hausbesitzer einen Prozeß gewann, der viel Aufsehen erregte. Der Fall war folgender: Alkclai harre die einzige Tochrer einer reichen jüd. Wirtwegebeirathet. die ihm jedoch bei der Hochzeit keine „Mitgift" gab, sondern blos eine schriftliche Erklärung, daß er als Gemahl ihrer einzigen Tochter ihr „Universalerbe" sein werde! Mittlerweile sollte das Ehepaar bei der alten Frau wohnen und mit allem Nölhigen versorgt werden. Das Geld wollte die alte Frau, so lange sie lebte, nicht aus den Händen geben, da sie auch während des Lebens ihres Mannes das ganze Vermögen zu verwalten pflegte. In der That hatte sie eine recht glückliche Hand, da sie cs eben war, die durch gelungene. Geldgeschäfte ein bedeutendes Vermögen erwarb. Nun gewährte sie dem in Rede stehenden türkischen Hausbesitzer eine Anleihe in der Höhe von 250,000 fl. zum Ankäufe eines großen Seeschiffes. Eine solche Summe besaß die Frau nicht und mußte selbst bei einigen Bankhäusern Gelder aufnchmen, um diesen hohen Betrag zusammenzubringen. Sic that all dies, da der reiche Türke ihr recht hohe Zinsen versprach. Allein cs kam gar nicht dazu, daß sie auch einmal nur Zinsen erhalten konnte. Etwa 5 Wochen nach Abschluß des Geschäftes wurde die alte Frau in ihrem Garten todt aufgefunden. Ein Gehirnschlag hatte ihrem Leben ein unerwartetes, plötzliches Ende bereitet. Alkclai, als Universalerbe der ganzen Hinterlassenschaft seiner Schwiegermutter, eilte nun zu dem reichen Türken und kündigte ihm die Anleihe. Doch dieser stellte sich erstaunt und behauptete, nie von einer jüdischen Frau auch nur einen Heller als Darlehen ausgenommen zu haben! Als Alkclai nicht weichen wollte, da stieß ihn der Türke zur Thüre hinaus mit den Worten: „Zeige mir den Wechsel, den ich unterschrieben habe, und ich werde ihn einlösen! Wer ohne Schrift eine Forderung an mich stellt, den werfe ich hinaus!" .... Alkclai ging nach Hanse, dnrchstöbcrte alle Schränke seiner verstorbenen Schwiegermutter, suchte alle Taschen ihrer Kleider ans, din'chblättcrte ihr großes altes Gebetbuch, in welchem sie öfters Schriften aufznbewahren. pflegte, doch all dies blieb erfolglos. Der betreffende Wechsel war nirgends auszufinden . . . Aus den Nath eines Advokaten strengte min Alkclai gegen den Türken einen Proceß an; doch dieser leugnete auch vor Gericht die schuld, und da er sogar einen Eid leistete, verlor Alkclai den Proceß und wurde Zur Tragring der Gcrichtskosteu verurrhcllt. Der unglückliche Mensch ist in Folge Heyen so hcrabgckommcn, daß er seine Frau nebst zwei klciuen Kindern nur dadurch erhalten konnte, indem er fremden Leuten in feiner bescheidenen Wohnung Quartier gab. Alle Welt bedauerte das brave Ehepaar, welches durch die „Gchcimnißthnerci" der allen Frau, die ihren Kindern nicht einmal den Ort bekannt gab, wo sie einen solch' hochwichtigen Wechsel ausdewahrte, in Norh und Elend gericth. All dies ereignete sich Anfangs Juni vorigen Jahres. Da Monate verstrichen, ohne daß der Wechsel aufgcfunden werden konnte, hatte sich der unglückliche Alkclai bereits mit frommer Ergebenheit in fein Schicksal gefügt. — Doch, wenn die Noth am größte», da ist Gott am nächsten. Es kam n er my.- Nun befand sich in dem bescheidenen Wohnzimmer der alten Frau eine sogen. .^2^-02 byz tns *n., welche sie alljährlich nnr am ttvsssi zu öffnen pflegte. An diesem Tage übergab sie den Inhalt der Büchse immer dem Oberrabbiner nrn), damit er das Geld den „Armen des heiligen Landes" zukommen lasse! Da die alte Frau nunmehr tobt war, öffnete Alkclai die Büchse, nm die darin enthaltene Summe ihrer Bestimmung zuzuführcn. Und welche Uebcrraschnng! Unter den vielen Kupfer- und Silbermünzen befand sich auch der Wechsel über die 250,000 Gulden, unterschrieben von dem in Rede stehenden türkischen Hausbesitzer. Alan kann sich die Freude des lrxaven Ehepaares denken, welches an diesem 'D-rarrt er. nicht blos „Thränen der Neue," sondern auch „Thränen der Freude," „Thränen der Dankbarkeit" gegen Gott weinte. Es wäre nun überflüssig, mitzutheilen, daß Alkclai nunmehr die Viertelmillion Gulden lammt Zinsen erhalten, und daß über den meineidigen reichen Türken eine mehrjährige Kerkerftrafe verhängt wurde! Jetzt erst sah man ein, wie praktisch klug die alte Frau war. Sie that den Wechsel deßhalb in benannte Büchse, weil sie wußte, daß diese nur von ihr allein geöffnet wird! Sie hatte dies aber auch deßhalb gethan, weil der Wechsel, wie es sich nun hcransstellte, eben an diesem Tage fällig würde. Sie war sicher, den Verfallstag nicht zu versäumen, weil sie ja an diesem Tage ohnehin die Büchse öffnen mußte, nm den Inhalt dem c:rr zu übergeben! Dieses Mal hat diese Büchse wirklich ein .or zu Tage gefördert, wodurch das Ehepaar Alkclai von Noth und Elend gerettet wurde. <N. I. P. Ztg.)