Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1886)
- Date
- 1886-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S56 Berlin, iS. Juni. Ter größt, bereits vor Movareu arisirtc „Rnr i s em i t c n - C o n gr eß" hat am 14. Juni in Eaffcl „getagt." Tic „Easscler Zeitung" berichtet über das Ergebnis, wie folgt: „Tie meisten unserer Leser werden wob! böchiich überrascht sein, wenn wir ihnen mmbcilcn, daß hier in Kapcl an den Pfingülagen eine Kundgebung staufand, die nichts Geringeres vorsrellcn wollte, als die Machrentsaltung und Gcncralmnslcrung einer angeblich mächtigen und starken Partei. — Eine kl äglj chere N iederlage in wohl kaum jemals für eine Partei dagcwcfen, als diese große Parade, genannt: „Ter zweite deutsche Antiscmitcn - Congre ß," erlebt bat. Vollkommen unbemerkt ging er vorüber, — der angeknndigtc Elephant war zu einer Mücke geworden; — 8 Telegirte ans „allen Gauen des deutschen Vaterlandes:" das war der klägliche Nest der Partei, die das Banner der Intoleranz und Versolgnngssncht ansgcpflanzr hat. Tie ganze Angelegenheit wirkt nur erheiternd; man wird nicht verlangen, daß wir uns ernsthaft mit den s Telegirten befassen. Tic betreffenden Herren: Liedermann v- Sonnenberg, Tr. König (Witten), Tr. Böckel (Marburg) u. s. w. sind uns ja sattsam als Heißsporne bekannt, und zum Theil ist ihr Nus gerade nicht der erfreulichste. Wir würden die ganze Angelegenheit am liebsten lodtgeschwiegen haben, aber die hiesige objektive und unparteiische „Cassel. Allgem. Ztg." hat sich bemüßigt gefunden, einen Bericht zu bringen, nach welchem man annehmcn sollte, cs handle sich nm eine ernsthafte Demonstration. Lediglich, damit dieser, wahrscheinlich von antisemitischer Seite'beeinflußte Bericht nicht unwidersprochen in die auswärtige Presse übergehe, constatiren wir, das; die Bevölkerung Cassels absolut thcilnamslos dem ganzen Treiben gegcnübcrftand. Selbst die Conservativeu halten sich von ihren ehemaligen Freunden zurückgezogen. Namentlich bemerkten wir, das; die früheren Anhänger der Partei ans Beamtcnkreiscn verschwunden waren. Und die hiesigen „.Koryphäen", wie Nedacicur Werner. Rcallchrer Tr. Stchlich, die Schncidermcister Aauff und Prehn, General- Agent Snnthein, Scribcnt Kreis n. s. w. hatten die Führung der „erlauchten" Gäste übernommen." Wir fügen diesem interessanten Berichte die Bemerkung hinzu, daß die gesummte hiesige conservativc Prcffe bis heute den „Congreß", wie die k Telegirten, die in >tassel znsammengeströmt waren, vollständig ignorirt. Tie schönen Tage von Aranjntz sind jetzt zu Ende: Oefterr.-Ungar. Monarchie. Wie», 14. Juni. Die Rede, welche der Abgeordnete Tr. v. Plcner in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses hielt, hat eine Bedeutung, die nicht nrir dem Momente verschwindet. Schon in dcnr Nkanifcstc, welches die Linke am Schaffe der lcxrcn Session pnblicirt bat, ist sie in entschiedener Weise der antisemitischen Bewegung enrgcgengctrcten, und auch heute bat sie idren Berns als liberale Partei documenrirr, indem Herr v. Plener den wüsten Ton radelte, welcher durch diese sinnlosen Fanatiker in die Debatten eingcführt wird. Tic Ncgiermrg wäre in erster Reihe berufen, die Slaatsgrundgcscoe vor jeder Antastung zu wahren. Gras Taane bar sich schon oft gerühmt, daß sein Name unter denselben siebe, aber er hat niemals auch nur Ein Wort gefunden, um dem Treiben jener Partei cntgegcnzulrctc», deren Existenz Herr v. Plener als eine der bedauerlichsten Erscheinungen der Gegenwart bezeichnet«:. Parteien, deren Programme eine platonische Schwärmerei für die Freiheit und Gleichheit ausdrücken, zählen Mitglieder, die sich öncnrlich ihres Antisemitismus rühmen. Der Präsident des Abgeordnetenhauses hat auf die Anklagen, daß er fortgesetzte Angriffe aus eine bestimmte Consession dulde, nur die höchst gemüthliche Antwort, man möge sich einfach um die Reden der Antisemiten nicht kümmern. Da bleibt denn nichts Anderes übrig, als daß die liberalen Abgeordneten auf's Entschiedenste ihren Widerwillen gegen diesen Mißbrauch der Tribüne ausdrücken. Prag. Wir haben in Nr. 44 dieses Blattes unter Anderen! auch den Religionsunterricht einer Betrachtung unterzogen und wiesen darauf hin, daß die asterkritische Methode, wie sie sich auf diesem Gebiete thatsächlich breit macht, das Ansehen der Religion eher zu schädigen als zu heben geeignet ist. Wie die religiösen Verhältnisse derzeit, zmnal in den großen Städten bestehen, mnß der Religionsunterricht die religiöse Erziehung des Hauses nicht nur ergänzen, sondern geradezu ersetzen. Dem Religionsunterricht erwächst dadurch ein umfangreicher Pflichtcnkreis, einmal religiöse Belehrung und dann Anregung zum religiösen Handeln zu geben. Andererseits wäre die Erwartung, daß der Neligionsnntcrricht bei der obligatorischen Anzahl von 2 Stunden wöchentlich das alles leisten würde, eine vollauf unbegründete. Pflicht der Gemeinde ist cs, diese»! Nebelst aude in der Weise abznhclfcn, daß sie Rcligwnsschulen errichtet, die entweder im Anschluß an die öffentliche Schule oder ganz selbständig die Kennt- . *