Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1886)
- Date
- 1886-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Aber auch jetzt ist eine schreckliche Zeit über das Volk Israel gekommen. sasr der obenerwähnten vergleichbar! Bon allen Leuen durch die häßlichsten Anfeindungen und abscheulichen Verleumdungen der Antisemiten bedrängt, in vielen Provinzen des Ostens und Südens Len Rohheiten des Pöbels und feiner Wmh prcisgcgcbcn, wie auch aus manchen durch die Behörden gänzlich ansgcwicscn, flüchten die armen Unglücklichen nach England und Amerika, wo ne eine friedliche Ruhestätte, zu finden hoffen; allein hier beginnt crsr recht ihre Roth. Als fic ihren Verfolgern entflohen waren, hauen sic keine Zeit, darüber nachzudcnkcn, was ans ihnen in der Fremde werden wird: erst dort werden sic cs, gar oft zu spät, gewahr. In einem fremden Lande, der Sprache und Lebensweise der Einwohner unkundig und beschäfrigungs- und mittellos, sehen sic sich allen, sowohl phnsischen als auch moralischen (Gefahren ausgcsetzt und wissen nickt, wo sie hingchcn und was sic beginnen sollen. Ach! 2i'ic Viele fluchen dann dem Tage ihrer Abfahrt und sind überglücklich, wenn sie von den verschiedenen Hilfscomits's die Rückfahrt erlangen können; wie Viele fallen den mit Seelen schachernden Missionären zur Beule und, wie Mancher unterliegt der Roth und dem Elend! £! daß mir die Rednergabe jenes heiligen Propheten zu Thcil würde, damit ich die kalten Herzen mancher gleichgültigen Egoisten jenseits des Oceans und der Ealaisstraße mit meinen Worten erwärmen könnte, daß sic auf meine Stimme hörten und sich ihrer unglücklichen Brüder erbarmten! Doch soll damit nicht gesagt sein, daß dort keiner seinem Nächsten helfen will, nein! cs sind im Gegcnthcil sehr Viele, die ihrer armen, vom Osten ankommendcn Brüder sich erbarmen und ihnen mit aller Aufopferung bciftehen, und will ich als Beispiel edler Wohlthätigkcit, die in London unlängst für die Fremden eingerichtete Essens- und Schlaf-Anstalt ansührcn und eine kurze Beschreibung derselben geben, welche den andern Hasenslädten des Westens zum Muster dienen möge. Am I I. Juni v. I. hielten die jüdischen Gentlcmen des Wcftcnds zu London ein Meeting ab, worin die Herstellung der obenerwähnten Anstalt befchloffen wurde; die Herren Samuel Montag» Esq. und Elias Franklin Esq. gaben je ."»<» L.-Si. (1<w0 Ä.): auch Herr Hermann Landau half mit. Darauf erfolgte ein Ausruf an Jedermann, dem EomitL beizntreten, und endlich wurde das Hans eingerichtet. Dasselbe ist ein schönes dreistöckiges Gebäude mit hübschem Hosrannie in einer belebten Straße Ostlondons liegend. Rechts int .ffcllcrränme befindet sich das Badezimmer, wo die Gäste gleich nach ihrer Aufnahme ein Bad bckammen, und links die Küche. Dann kommt das erste Stockwerk mit einer geräumigen uud luftigen Schlafstube, einer kleineren Schreibstube und einem großen Speisezimmer. in dein sich die Gäste zum Esten und Gebete zu versammeln pflegen: das zweite Stockwerk mir einer Wohnung für den Inspektor, einer Schlaf- - frube für die Fremden und einem Local, für die sich allwöchentlich zur Bcrathung versammelnden Mitglieder des Eomite, und endlich das dritte mit wiederum einer Schlafstube. In diese Anstalt wird jeder von der Fremde Kommende ohne icgliche Schwierigkeit ausgenommen und sein Name ins Buch eingetragen; alsdann erhält er ein Bad und kann hier 14 Tage lang verbleiben, während welcher Zeit ihni 2 Mal täglich seine Mahlzeit verabreicht, ein reines Bett und Rächt Hemd zum Schlafen gegeben wird, so daß er Muße genug hat, sich Beschäftigung zu suchen, worin ihm übrigens das Eomite behilflich ist. Bon den Gästen hingegen wird verlangt, daß sic sich ruhig und reinlich verhalten, sich anständig betragen, die religiösen Ecrcmonicn beim Esten beobachten, wie auch Mal täglich dem Gebete und am Sonnabende dem Vortrage des Inspektors, Herrn Abraham Hirschowiv über Aboth (Sittenlchrc der jüdischen Gelehrten) beiwohnen. Möge der Ewige den Edlen ihre Wohlthätigkcit lohnen und ihr Werl segnen. — Hier sei auch des gegenwärtigen Inspektors, Herrn Hirschowiv zu Gutem erwähnt, der zur Beförderung des guten Werkes sehr viel beiträgt. Denn außerdem, das; er ein cdelmnthigcs und feinfühlendes Herz besitzt, feine Gäste mit der größten Schonung und Liebenswürdigkeit behandelt und ihnen mit aller Möglichkeit ihre traurige Lage zu erleichtern sucht, wie auch gar oft ein letztes Geldstück und Brod mit ihnen thcilt: außerdem, daß er wirklich gelehrt und religiös ist und streng an Religion und Moral hält; sucht er auch bei jeder Gelegenheit aus das EomitL zur Vergrößerung seines Eifers und seiner Thätigkcit einzuwirkcn. B e r n h a r d Menki n. London. In der Debatte im englischen Obcrhause vom 24: v. M. ereignete sich ein Fall, der ziemlich alleinstehend sein durfte und dazu geeignet ist, uns Juden mit einem gewiffen Stolze zu erfüllen. Einer der vornehmsten englischen Aristokraten, der Herzog von Argille ergriff das Wort über den. Gesetzentwurf, betreffend die Erlaubnis; für einen Witlwcr, die Schwester seiner verstorbenen Gattin