Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1886)
- Date
- 1886-08-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Stunde der (frlöfiuifl frfjfadcii, tun letzte,, Donnerstag wandte sich unser «beschick, die Walken schlossen sich, und der Regen-hörte uns; der Himmel eutwöllte sich, der beglückende Sonnenstrahl erweckte die Herzen zu frischer sprudelnder Lebendigkeit, und heute ist allüberall, wo ungetrübte ifcüciivlnft noch eine Stätte, findet „große Heiterkeit" zu verzeichnen. Das prächtigste Wetter ist uns heute beschieden und, während ich diese Zeilen niederschreibe, begleitet die sangesfrohe Nachtigall mit ihrem Gezwitscher meine Gedanken, das stärkende Aroma der Lindenbäume würzt weithin die^Luft, in mein Fenster guckt neugierig ein blühender Aoscnstock hinein, und hinter mir dringt das ewige, geheimnisvolle Flüstern und Rauschen der See an mein Ohr. Die Straßen sind jetzt einsam und verlassen; ganz Kolberg ist an den Strand ansgcflogcn, um im Sande an den Gaben der Statur sich zu erfreuen. Dort hören alle Grade und Unterschiede auf. Klein und groß find da versammelt, im Sande, am Strande lagert der Graf neben dem Spießbürger, die Gouvernante neben dem Dienstmädchen, der Orthodoxe neben dem Reformer, der Urgermane neben dem Orientalen, der Thierschutzvereinler neben dem Schächter der hiesigen Synagogengemeinde, und alle, alle wollen die reine, herrliche Seeluft trinken und schauen hin auf die nncrmeßlichc. spiegelglatte Wasserfläche, welche die schaffende Hand eines Höheren so wunderbar gestaltet. So vergnügt sich heule alle Welt, und ich allein, bin zurückgeblieben, um mein Versprechen zu lösen, um Ihnen von dem Städtchen an der Persante und allem was es füllet, Kunde zu geben. — Kolberg ist ein altdeutsches Städtchen, das auf den Fremden einen ganz angenehmen Eindruck macht ob der interessanten Fülle seiner berechtigten Eigenthümlichkeiten. Einige wenige Straßen mit meist altcrthümlichen einstöckigen Häusern und einschier mittelalterliches Pflaster durchlaufen die ^tadt, deren (Zentrum natürlich der Markt ist, auf dem das Denkmal Friedrich Wilhelms 11. steht und an dem das Gymnasium, das Nettelbecksche Hans, Ramlers Geburtshaus und andere denkwürdige Gebäude liegen. Jeder Stein ist hier historisch, viele Kugeln, die in den Mauern der Kirche haften, zeugen von heißen Kampfestagcn, von erbitterter Schlacht und ruhmreichem Sieg. Eine jüdische Gemeinde besteht in Kolberg erst seit den Freiheitskämpfcn, welche den deutschen Michel mit Donnergetöse ans seinem eherneu Schlafe erweckten, und welche die geächtete Wahrheit und das gebeugte Recht wenigstens auf dem Papiere wieder zu Ehren gebracht haben. Vis dahin durfte kaum eine» Semiten Fuß die ponnnerfche Erde betreten und, als der, jüdische General Mordchio (Mordechai) Stralsund stürmte, da loa reu es meist französische Soldaten, die dort jenen erhebenden Versöhttnugslag feierte», geschüyt durch die Vajon netten ihrer christlichen Eommiliwnen. Die Zeiten ändern sich, undhenrezähltKolberg'.nZüdischeFannrien. Von der Stadt Kolberg ist das See-, Sool- und Moorbad Kolberg sehr zu unterscheiden. Aus den schiefen und winklige» Straßen der Sradt führt ein großer Platz und eine lange Allee nach dem Hafen der Persante. Hier sind prächtige Anlagen, blühende Haine, hier weht Lenzcsluft und Blumenbuft, hier ertönen Strandcoucerte, hier wandelt man unter den Linden, und hier haust die Ladecolonie. Dieses Terrain heißt „5k o l b e r g er mü itbe." Ein ganzer Omnibus vermittelt die Verbindung zwischen der Stadt und der Münde, auch eine der acht vorhandenen Droschken kann man benutzen, doch nur selten wird der Fremde Begehr tragen, die Stadt zu schauen und ihre Reize zu bewundern, höchstens, daß es ihn treibt, einmal Worte der Erbauung zu hören, dann mag er am Sabbat in der Frühe nach der Stadt eilen und das kleine, zierliche Gotteshaus auffuchen, vor dem laut polizeilicher Anordnung Tafeln mit der Inschrift „Schritt" dem beflügelten Tempo Halt gebieten, und Plcw wird der Gast immer, selbst am Tage der Reumondswcihe, reichlich finden, dafür sorgen schon die Wochenmärkte und das religiöse Gewiflen der hiesigen israelitischen Bevölkerung. Aber auch das jüdische Badepublikum steht der Kolberger Judeuheit hierin durchaus nicht nach. Die Kurliste zählt bis heute 6065 Badegäste; von diesen sind allermindestens die Hälfte israclirisch, zu einem reichen Drittel ans Berlin und zu einem zweiten Drittel aus der Provinz Posen, und im günstigsten Falle trifft man täglich 5—10 Glaubensgenopen tu der Synagoge der Münde. Ja im Bosquet, auf der Strandschloßplatte, im Zauber-Theater, bei den Luftfahrten, da kann man sie finden, die Herren und Damen mir ihren blendenden Tüllroben und Saumtttoilcttcn, aber, wenn cs gilt, den Schritt oder auch nur den Blick nach der Stätte zu richten, wo vorn hebräisch die Worte prangen: „Das ist nichts als ein Haus Gottes" — o, da weht Eiftskälte und banger Schauer, als wenn die See sich thürme und das Wellengeränsch Vernichtung drohte. Jüngst kam ans Rew-Sjork ein Petroleumschiff hier an. auf dem sich ein Reger uns Westindien als Eherder Küche befindet. Derselbe, anscheinend ein intelligenter Kopf, kommt oft in unser Horel und erzählt uns Historien ans den nrärchcnumflonenen Gefilden, seines fernen Heims. Unlängst fragten wir ihn, ob er sich denn hier wohl fühle, der 216!^!'.-- >'T ITjJ.J ' I_vrum.