Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1886)
- Date
- 1886-08-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449662--24840-2514245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schwarze unter bc» Weißen. und er criujbcrlc, das «Hiiftc und die Rechte neu Himmel crljobcu, mit fchiuerzlich iüd)uu'itl)ij]ciu lächeln i» fließendem Englisch: „Diese Hand hat mir Gott gegeben, der dort oben über unS Allen thront; daß sie diese Harde hat, ist Sein Wille. Alle Menschen sind gleich und, wenn der MW Barer uns einst von der Erde wcgnimmi, dann deckt der Stand nid« Hand, und Niemand kamt die Farbe nnterscheidcn." Herbei, Ihr. Finanzbaronc und Geldgrafen, die Zhr vor der Kasscte nicderfallet und Eure Hunderttausendc anbetet, kommet und höret den Schwarzen aus Wcstiudicn, wie er ergriffen von einer Gerechtigkeit über den Sternen zu Euch spricht, herbei Zhr Racenhetzer, die Ihr den Rebenmcnschcn grundlos hasset und verfolget, kommet und lasset Euch von einem Neger über die Gleichheit der Menschen belehren! Und dieser Neger meinte es treu, ernst, er gehört nicht zu jenen „Gefärbte n," gegen die Rabb. Dr. Goldschmidt in seiner letzten Predigt in flanunender Entrüstung wetterte, zu jenen „Gefärbten," die „heuchlerisch in den Mantel der Religion gehüllt, die Thatcn eines Simri verüben und den Lohn eines Pinchas fordern. Aber auch das Gute muß man zu finden suchen und es dankbar rühmen, und da darf man nicht leugnen, daß man auch hier, wenn auch sehr vereinzelt, einer heutzutage geradezu ergreifenden Frömmigkeit begegnet. Kolbcrg hat drei jüdische Restaurants, bic_ an der Table d’höte überfüllt find. Erhaben schön hebt der Freitag Abend in dem Gesellschaftshause an, in dessen Pforten ich eingckehrt. Raum, daß das Dunkel naht, gehen die Damen auf ihre Zimmer und zünden Licht an, in dem großen, festlich erleuchteten Spcisesaal wird dann das Abendgebet verrichtet und an der blnmengcschmückten Tafel der Kiddnsch gesprochen: Tie „Engel des Sabbats" scheinen das weihevolle Aild zn umschweben, es ist ein rührend erhebender Anblick! Kolberg gilt sogar als Lieblingsaufenthalt der Rabbiner. Jedes Jahr wallfahrtele gar mancher Rabbi an den Ostsecstrand, und es wäre, vielleicht recht praktisch, wenn die Rabbiuervcrsammlnngcn immer hier in Kolberg während der Badesaison natürlich am kühlen Strande ftattfändcn. Auch lieucr ist ein kleiner Convent versammelt. Zunächst ffr Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt zn nennen, der als „Herr des Ortes" nunmehr seit 23 Jahren hier waltet, ein gesellschaftlicher überaus liebenswürdiger Mann. Ferner weilt Herr Dr. L i p s ch ü 8 aus Berlin hier, der Sproß berühmter Ahnen und selber ein hervorragender Fachgelehrter; gegenwärtig gibt derselbe einen Eominenlar seines sei. Vaters zur Mischuah und znin lAum Haeser heraus: ein vielverheißendes Werl. Auch Dr. A. (V o l ds ch m i d t, der Leipziger Rabbiner, ist mit seiner schristßellcrischen, lockcnnmrahmten Gattin, die oft wanderpredigt und garlenianbert, in deren Zügen aber sonst ein . unverkennbarer Geist ausgeprägt ist, hier zur Kräftigung und Heilung erschienen. Eine weitere bekannte Persönlichkeit aus der Kurpromenade ist Prof. Lev y ans Breslau, der greise Verfasser des durch seine Trefflichkeit wie durch seinen theuren Preis gleich berühmten talmndischcn Lexikons. Soll ich Ihnen noch den Rabbiner von Ärad nennen oder den Stolper Rabbi Dr. Bahn, der Kolbcrg einige Tage mit seiner Anwesenheit beehrte oder Ihre Leser mit einigen Rabbinern in spe Bekanntschaften anknüpfen lassen? Doch nein, ich mag nicht persönlich werden, plaudern wir weiter! Es ist seltsam, daß trotz dieses reichen jüdischen Eontingents der Antisemitismus hier seine üppigsten Blüthen treibt. Zwar war von jeher Pommern durch sein Rischus ebenso wie durch seine Gänse bekannt, doch wird der aufmerksame Beobachter unter der Stadrbevölkerung weit weniger Judenhaß als unter dem Badepublikum finden. Wohl mag manches blaue Blut erstarren ob der Verwegenheit, die es wagte, dem Menschenfreunde Dr. Hirschfcld auf dem schönsten Platze einen Gedenkstein zn weihen,' dessen Errichtung, nebenbei bemerkt, ein Deficit von 400 Mark zurücklicß, das durch .eine demnächst stattfindcnde „klassische" Theatervorstellung gedeckt werden soll, vielleicht verstimmen auch die Wohlthätigkeitsconcerte zu Gunsten des jüdischen Kurhospitals, auch die Rase, die Fürst Bismarck jüngst einigen Schächtfeinden gedreht hat, mag hier und da verschnupft haben, kurz, von einem Llcbcssehnen kann füglich nicht die Rede sein. Doch die See ist interconfessionell, und das Moorbad schwärzt die Lertreter aller Bekenntnisse. Der Vernünftige belächelt mitleidig die Anachronismen und schweigt; prächtig aber hat cs jüngst jene germanische Jungfrau mit den blauen Augen und dem blonden Haare bekommen, und die Strafe war nicht unverdient. Es war beim Frühconcerte auf dem Bosquet. Die lustigen Weisen eines Walzers ertönten. man trank den Brunnen, und in heiteren Gesprächen promcnirie die Knrwelt ans der Allee. Da erblickte ich plötzlich jene Jungfrau gcröthetcn Antlitzes zu einer in meiner Nähe stehenden vornehmen und ernst dreinschaucnden Dame herancilen und hörte die erregten Worte: „Sie verzeihen, wowmmmmw