Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 44 (3.6.1886)
- Date
- 1886-06-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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sorger" bei der Hand, oder dessen lirerarische Publikarionen, die über die ursprüngliche Bedeutung der jüd. Feste, über die ursprüngliche Tendenz des Rirualgesetzcs. über das historische Alter der betreffenden Partien, über den überwundenen Standpunkt des Talmudisnms und Rabbinismus Lesenswerthes bietet. Dieses Moment sollten Diejenigen, die den. Vereinen zur Verbreitung der Wissenschaft des Judeuthnms vorsrehen, in Berücksichtigung ziehen. Denn thatsächlich wird diese Neigung zur Kritikasterei in dem großen Publikum durch hingeworfene Stichwörter wachgerufen oder großgezogen. Für die Verbreitung der iüd. Wissenschaft wird auf solche Weise nichts gewirkt, wohl aber für ein Dilletantcnthum, das mit der praktischen Eonseqncnz nicht lange zögert. Man ermesse sonach den Schaden, den man stiftet. Daß es aber den Vorständen solcher Vereine nicht um Befriedigung einer lächerlichen Eitelkeit, sondern um eine ernste und heilige Sache zu thun ist, setzen wir voraus. Das Gesagte findet mehr oder weniger Anwendung ans den Religionsunterricht, der Verbreitung jüdischen Wissens unter der srudircnden Jugend bezwecken soll. Der Lehrer kann und soll nicht daraus Rücksicht nehmen, was der- Schüler an religiöser Hebung im Hause sieht. Die Lehrer machen zwar oft geltend, es gehe ans pädagogischen Gründen nicht an, die Schüler über religiöse Gebote zu belehren, die im elterlichen Hanse verletzt werden. Man müsse also eine Auswahl' des zu Lehrenden treffen und den ethischen Gehalt vor die praktischen Forderungen der Religion stellen. Das hieße aber den Eltern zu Liebe auf Kosten der Wahrheit oder auch nur der Objectivität Vorgehen. Wie die Verhältnisse dermalen bestehen , kann man füglich anuehmcn, daß in jeder Klasse die Mehrzahl der Schüler aus Häusern sind, wo die Sabbatheiligung nicht eingehalten wird. Soll also der Lehrer, aus diesen Umstand Rücksicht nehmend, das Gebot, betreffend die Hcilighaltnng des Sabbat, stillschweigend übergehen? Wie in diesem Punkte, so muß in allen, seien cs biblische oder rabbinische Gebote oder Gebräuche, die Rücksicht auf den Jndifferentismns der Eltern vor der Wahrheit weichen. Das ist eigentlich so selbstverständlich, daß cs nicht erst gesagt zu werden braucht. Und doch findet hier ein Schwanken statt. Die meisten Lehrbücher zeugen hievon. In denselben findet sich zu oft, namentlich wo über die rabbinische« Gebote gehandelt wird, in mehr oder minder geschickter Wendung die Resultate der kritisch-historischen Forschungen der Reform eingeslreut. An denlselben Nebel lnborirt der Unterricht. Die meisten Lehrer sind von der Kritik angekränkelt. Sie dünken sich ja alle Kinder nuferes Icchrhundens, d. h. Kritiker und Philosopheu. Und wtnn schon die Thora unter ihrem ^rmschen Unbehagen nichts zu leiden hat, so müssen die prophetischen Bücher dem Schicksal kritischer Behandlung unterliegen. Diese moderne Sophisterei, gelinde und nebenbei gesagt, erinnert an ein bekanntes Mutter. Scküler, die von grammatischem Ausbau noch nichts willen, werden darüber belehrt, wie man z. B. die Eapitel in Jesaja auseinanderreißt oder die Verse von einem Eapitel in's andere transserirt. Die Frucht einer solchen Lehrmethode ist dann freilich, daß zu dem Indimrcntismus in der Praxis der theoretische Jndisfercntismus sich zugesellt. Was man kritisch zerlegen lernt, von dem nimmt man an, daß cs Fehler, Schwächen, Mängel hat, ei» solches Werk kann weder Liebe noch Heiligung erzeugen. So kommt cs dann, daß unserer Jugend das biblische Schriftthum als „Trümmer einer Literaturpcriöoe" gilt, ohne "Zusammenhang mit der Gegenwart, kurzum, was die praktische Seite betrifft, ein überwundener Standpunkt. Wird eine in solchem Geiste erzogene und unterwiesene Jugend, sobald sie ans den Hochschulen zu einiger Selbstständigkeit gelangt, mit Ucberzengung dem Judentbume treu bleiben? Ich glaube nicht. Es ist hier am Platze, auf einen llebelstand aufmerksam zn machen, bellen Beseitigung von großer Wichtigkeit ist. In Prag blüht ein Verein, der cs sich zur Aufgabe gemacht hat, mittellose Volksliub Mittelschüler mit ritueller Mittagskost zu versehen. Warum vergißt der Vorstand dieses Vereines, daß cs auch viele Hochschüler gibt, die, baar der Mittel, sich die thcure rituelle Kost nicht verschaffen können, auch wenn sie es wollten, und dadurch oft gezwungen werden, die Wohlthat des chriftl. Freitischvereins für Hochschüler für sich in Anspruch zu nehmen. Wie oft hört man sagen: Ich genoß im Eltcrnhanse eine fromme jüdische Erziehung, ich kam dann in die Stadt auf die Hochschule, und die schwer erworbenen Mittel reichten nicht hin, jüdische Kost zu bezahlen, ich gewöhnte mich an christliche Kost und blieb schön dabei. In dieser Richtung zu wirken, sollten sich die Vorstände der „Union" in Wien und des „Eentralvereins" in Prag zur ersten Aufgabe machen. . In Tarnow fand am 23. Mai die Bestallung des neuen Bischofs Labosch unter großem Gepränge statt. Die Obmänner der israel. Enltnsgemeinde machten dem hohen Würdenträger ihre Answartnng und wurden von demselben anf's Freundlichste empfangen. In Erwidcrnng der an ihn gerichteten