Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 44 (3.6.1886)
- Date
- 1886-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449643--24403-2514154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXV1L Jahrgaug. Zeitrrrrgsrrarhrichte» nnd Csrrespoudeuzerr. Deutschland. Berlin, 29. Mai. Diese Woche ist auf Grund des neuesten Ministerialerlapes eine a n t i s e m itische Versauimlung polizeilich verboten worden. — Der Antiscmitenhänptling Licbcrmann v. Sonne über g ist, nachdem er noch eine Abschiedsrede gehalten hatte, nach Brasilien abgedampft. — Die Predigerstelle in der Kaisersrraßensynagoge ist erneut ausgeschrieben worden, nachdem die bisherigen Kandidaten thcils mißfallen haben, thcils selber zurückgetrctcn, thcils überhaupt nicht berufen worden.sind. — Die „Gottesdienstlichen Bor'trägc" von Z u n s werden in einer neuen, verbepcrten Austage herausgegcbcn werden. — Herr Rabbiner Dr. Frankl ist gestern von Geheimrarh von Bergmann einer schweren und gefahrvollen Operation unterzogen worden. Der glückliche Ausgang derselben laßt eine baldige Genesung erhoffen. Lyck, 31. Mai. Am 25. Mai starb dahier im Alter von 54 Jahren der in den weitesten Kreisen, bekannte Herr David Gordon, Herausgeber und Redacteur der hebräischen Wochenschrift „Hamagid". Der Verstorbene war ein würdiger Vertreter der jüdische» Journalistik, und trat er stets tapfer für das konservative Judenthum dm Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag. Eine gründliche Therapie setzt eine noch gründlichere Diagnose voraus. Der Satz kann füglich auf die jüdischen Zustände von heute angewandt werden. Es bedarf da keines scharfen, in das Ticfinnere der Zustände eindringenden Blickes, um die tteberzeugung zu gewinnen, daß es krankhafte Zustände sind, die wir zu beobachten Gelegenheit haben. Ueberall Zeichen des Niederganges, des Verfalles, wenn nicht gar des Abfalles. Wer am Jndeuthum Interesse nimmt und wer an die Verbesserungen, die hier jetzt wohlthuu, seine Kraft ansetzen will, muß die herrschenden Uebclstände nach allen Richtungen hin denkend betrachten, und durch solche Betrachtung bis zum Ursprung des Nebels Vordringen, um dann erst die Mittel zur Heilung und Verbesserung in Erwägung zu ziehen, beider begnügen sich die geistlichen und amtlichen Vertreter I des Judenthums mit einem flüchtigen Blick, der nur die Oberfläche der Sache streift, und greisen allerlei Mittel zur Besserung an, ohne den krankhaften Kern der jüd, Zustände voll und ganz ergründet zu haben. Der Kopf ist krank, das Herz ist siech. So lange die Köpfe von falscher Denkungsart, die Herzen von starrer Gleichgilttgkeit erfüllt sind, frommen alle Versuche zur Verbreitung jüdischer Wissenschaft so gut wie nichts. Wenn die jüdische Wincnschaft mit ihrer modernen Asterkritik in das Volk dringt, erwächst nur noch mehr Schaden, werden falsche Denkungsart und starre Gleichgiltigkeit nicht gebannt, sondern befestigt. Damm weg mit aller eitlen Selbsttäuschung, die im Grunde oft nur Selbstgefälligkeit ist. Wie sagt Göthe treffend: Was ihr den Geist der Zeiten nennt, das ist der Herren eigener Geist. Dieser Geist der Verneinung ist es, der den kläglichen Verfall mit verschuldet hat, er mutz also von Haus und Schule ferngchaltcn werden, Nicht nur in den geweihten Hallen der Wissenschaft, auch in den heiligen Räumen des Hauses setzt er sich fest, der Geist der Verneinung, der nur das Döse will. Und es gehört heute wenig dazu, als Mann der jüd. Wissenschaft zu gelten." Man braucht" nur christliche Autoren zu citiren, diesem oder jenem Bericht ein jüngeres Datum zu geben u. a. m., und der literarische Ruhm ist fertig. Eine solche Methode der wissenschaftlichen Forschung theilt sich leicht den Halbwissern und Laien mit. So kommt es, daß diese heute, was sie eben erst übersetzen und grammatisch erfassen gelernt, schon kritisch mit viel Geschick zu behandeln wissen. Ist man aber nicht selbst erfinderisch, so erholt man sich Raths bei den anerkannten Autoritäten für kritische Exegese. Hub die jüdischen Familienväter? Man klage fie doch nicht immerfort der Unwissenheit an und staune vielmehr über ihre kritische Begabung. Was man ans Bequemlichkeit oder Gleichgiltigkeit bei Seite schiebt und vemachlässigt, wie da sind: Hcilighaltung des Sabbats, Feier der Feste, Einhaltung des Spciserituals u. dgl. in. wissen unsere jüd. Familienväter mit ihrem kritischen Wissen zu begründen, zu beschönigen, zu rechtfertigen. Handelt es sich gar um eine rabbinische Satzung,.um einen alten Gebrauch, da wissen diese Hauskritiker sofort Bescheid, wie wenn sie lauter geborene Kritiker und Historiker wären. Und wer nicht selbst kritisch beaulagt ist, hat ja seinen „Seel-