Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1886)
- Date
- 1886-05-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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«mischen, da doch die Lcytcrcu sich Mer Juden nicht beklagen. In Rumänien fabeln die Aurisemiren — und das find allerdings ziemlich alle städtischen Christen — von Mord nnd Tod, rituellen, wenn cs au der Zeit ist, und nicht koscheren, wenn sich nur irgend eine Handhabe findet. Und doch bekehren uns die Gesängnißlistcn, daß Juden überhaupt in verschwindend geringer Anzahl dctinirt werden; für Kapitalverbrechen aber, und selbst für einfachen Diebstahl gar keiner. Jndcß, was thuts? Cs muß gehetzt werden, und dies ist ohne Verläumdung nicht möglich. — Die Antisemiten des Städtchens Piatra hatten sich lange die Köpfe zerbrochen, um einen „interessanten Fall" von jüdischer Verworfenheit auszuklügcln. Vergebens! Zu jedem noch so erlogenen Fall gehört ein winziges Körnchen Wahrheit, die Zeder dann nach seiner Denkweise lesen kann. Etwas Wahrheit gehört schon darum in's Rezept, da man sich ja auch darauf gefaßt machen muß, daß der Fall untersucht werden wird, so daß sich cvcnt. ein für die Betroffcncn etwas gefährlicher „Jrrrhum" Herausstellen kann. Kürzlich nun bot sich die Gelegenheit, daß die Piatrer sich vor den anderen Lcmdcsantiscmitcn auszeichneu konnten: Ein jüdischer Berpflcgungsnnteruchmer lieferte dem 13. in Piatra stationirenden Dorobanzenrcgimcnt B r o d von solcher Qualität, daß einige Soldaten schwer krank wurden. Dies die Thatsache. Ohne Zweifel hat „der Jude" die Absicht gehabt, eines augenblicklichen Gewinnes wegen das ganze, natürlich christliche Regiment zu vergiften. Das; auch einige Mitjuden von dem Brode kauften und erkrankten, daß der Unternehmer sich schwerer Strafe, vor Allem dem Verluste der Unternehmung aussetzte, daran denken Antisemiten nicht. Genug, ohne die Untersuchung der für Juden in Rumänien gewiß sehr strengen Justiz abzuwarten, wurde Allarm geblasen, so daß man von einem Ende des Landes bis zum anderen nur davon hörte. Versteht sich, sind alle Juden Giftmischer — wenigstens behaupten dies alle Antisemiten. Cs wurden darum Winke mit dem Zaunpsahl gegeben, daß „in Griechenland" — also beileibe nicht in Rumänien — bei einer ähnlichen Gelegenheit ein Volk sauf ft and ausgebrochen sein „soll," in welchem sämmtliche Juden (unter dem wird's nicht gcthan) massacrirt worden sein „sollen," daß aber in Rumänien „leider" darauf leine Aussicht vorhanden, weil dessen Volk zu gut nnd sanstmüthig sei, u. s. w. Unterdessen suchte mau im Trüben — Goldfüchse zu fischen. — Lange Zeit wurden die Gemütber in Aufregung gehalten, bis schließlich die Untersuchung durchaus klar festsieüre, daß der jüdische Sud-Unternehmer beim christlichen Oder-Unternehmer des Regiments das Mehl entnahm, welches Elfterer znm Backen des Brodcs brauchte, und daß der christliche Oberunternehmcr eben zu jenen Piatrer Antisemiten gehört, die cs wurmte, daß in Piatra noch nichts Schlechtes vorgefallen war, was man gerade den Juden in die Schuhe schieben konnte. Tics ist ihm nun durch die „Verbesserung" seines für den jüdischen Lieferanten bestimmten Mehles gelungen, aber wenn der Oberunternehmer glaubte, daß er cs unerkannt und ungestraft thun konnte, so hat er sich insofern geirrt, als es sich um größtentheils christliche Soldaten handelt. Die Regierung scheint ihn aus diesem Grunde unter Anklage stellen zu wollen, was bei jüdischen Beschädigten bekanntlich öfter nicht geschieht. (Denken Sie blos on Radn Porumbar, Lnpafchke u. 31.). — Wie man sonst noch in gebildeten Kreisen über Juden denkt, kann ich Ihnen im Weiteren mitthcilen. Bekanntlich herrscht Bratianu seit 1876 in Rumänien ganz unumschränkt. Es ist nun zum stehenden Ausdruck der Politiker der „Opposition" geworden: „Die Regierung behandle sie derart schlecht, als ob sie „einfach" Juden wären." Dies sagen sie sowohl privatim, als auch in den Kammern und in ihren Zeitungen. Also, den „Gebildeten" Rumäniens erscheint cs durchaus recht und billig, daß Juden eine andere, als eine schlechte Behandlung gar nicht erwarten dürfen; aber „wir Christen?" Cm „Oh!" über die rumänische Regierung, welche sich untersteht, christliche Oppositionelle ganz ebenso schlecht zu behandeln, wie „einfache" jüdische Stenerlaftenträger! — Ich höre, daß 180 bis 200 Personen ans Jassy, nach Amerika gehend, noch vorige Woche in Berlin hätten eintrcffen sollen. (Ich kann augenblicklich nicht sagen, ob das schon geschehen. )Tie Geschichte dieser Auswanderung ist bald erzählt. Sic werden sich wahrscheinlich erinnern , daß die rumänische Negierung seiner Zeit den Beschluß faßte, an ihrer Jassyer Tabakfabrik die jüdischen Arbeiter l a n g s a m durch christliche zu ersetzen. Dies ist entschieden sehr bequem: erst treibt man ü taut prix Mohren auf, diese haben ihre Schuldigkeit zu thun und dann — werden sie gegangen, aber langsam, im Einzelnen, damit die Mohrenherren inzwischen Zeit haben, den Crstercn noch manches abzugucken! So war's ja auch mit den übrigen Indcnmenschcn in Rumänien. Erst wurden sic freundlichst invitirt, den Handel cinzurichtcu und sich um dessen Prosperirnng Verdienste zu erwerben; jcvt, wo die Negierung znm Unglück des Landes glaubt, der rumänische Handel wäre ’-'iti.rltfllrm ■j'** *** ' Mn ^sJCSV;: