Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1886)
- Date
- 1886-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449642--24384-2514134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
H v. T. gezeichnete Artikel gegen wich, in welchem behauptet wurde, daß ich von der Moral polnischer Lchachcrjuden angekränkelt sei, daß ich seit Jahren tief sinke, worüber man noch Vieles sagen könne u. s w. Als Schreiber dieser sauberen Tinge, welche eine wahre Hetze gegen mich zur Folge hatte, wurde der Anti-Semit und deutsch-nationale Dichter Herr Adolf Hagen entlarvt. Aus Anlaß meines Aufsatzes: „Sonderbare Erfahrungen" („Hcimgaricu," Maiheft 1SS6) kam mir ein Schreiben von Herrn Adolf Lagen in Marburg zu, das die niedrigen Angriffe gegen mich auf eine köstliche Weise zu motiviren sucht. Dieses Schreiben lautet: „Es ist unrichtig, daß ich Sie jemals beschuldigte, Sie hätten Ihre Ueberzeugung verkauft, am weitesten entfernt aber war ich, zu behaupten. Sie hätten dieselbe um Geld verkauft. Damit wird auch Ihre Bezeichnung meines Angriffes als eines „niederträchtigen Vorwurfes" grundlos. Ich stelle dein gegenüber fest, daß das Motiv für mich von allem Anfänge au in dem grundsätzlichen Gegensätze lag, den jeder streng-nationale Schrissteller zur Tialekrdichtung einnehmcn nmß, deren bedeutendster Vertreter Sie in unserer Hcimath sind. Jede Art von Dialcktdichtung wird die unbedingte und allgemeinste Geltung und Entwicklung des Hauptcinigungsmittels der Nation, der reinen hochdeutschen Schriftsprache, nothwendig beeinträchtigen. Alles, was ich in Folge davon that, bestand darin, daß ich zunächst Einen der hauptsächlichsten Widersprüche aus Ihren Schriften hcrvorhob, weil gerade ans diesen Ihr Gegensatz zur national-deutschen Denk- und Dichtweise am klarsten hcrvorgeht. Achtungsvoll Adolf Hagen. Marburg, 20. Mai 1886." 'Ich glaube, mit dieser Genugthuung kann ich zufrieden sein. Ich hoffe, daß vorstehendes Bckenntniß eines Reumüthigen der Epilog ist zu einer langen Reihe von Angriffen, die man in einer so unwürdigen Weise gegen meine Person geführt hat. Wenn nicht — mir ist es gleichgiltig, ich habe Besseres zu thnn, als mich um das Treiben dieser merkwürdigen Partei noch weiter zu kümmern. P. K. Rosegger." Feuilleton. per Cröonliel.*) „Nathan, eine Depesche!" ries Frau Reichel ihrem Manne zu, ganz athcmlos in's Zimmer stürzend. „Was kann das sein? Wer kann uns depeschiren? Solange wir verheirathet sind, haben wir noch keine Depesche erhalten!" *) Nachdruck ve,dottn. Während dieses Redeergusses hatte Nathan Vogelfang das Telegramm geöffnet und gelesen. „Bruder Selig kömmt", schrie er, „mein Bruder, den ich seit vierzig Jahren nicht gesehen, von deal ich fett beüiahe zwanzig Jahren, fett dem Tode meiner Mutter, oleho ha Scholaum, keinen Brief erhalten! Er kömurt morgen schon! Die Depesche ist in Vremcrhasen aufgegeben." „Sophie," schrie Frau Reichel ihrer in's Zimmer tretenden Tochter, einem sechzehnjährigen Mädchen, entgegen, „Sophie, denke Dir, Onkel Selig kömmt uwrgen!" „Der Onkel aus Ostindien, von dem der Vater immcr erzählt?" fragte Sophie. „Kennst Du ihn, Mama?" „Wie soll ich ihn kennen? Er ist vierzig Jahre fort gewesen, und ich bin erst neununddreißig!" Frau Reichel war wohl 20 Jahre jünger als ihr Gatte. Nathan Vogelfang hatte nie in glänzenden Verhältnijfcn gelebt und sich erst nach dem Tode seiner Mutter vcrhcirathen können. Als ganz junger Mann hatte er seinen Vater verloren; fein ältester Bruder Jakob war damals schon verheirathet und hatte für Frau und Kinder zu sorgen: sein zweiter Bruder Selig war in die weite Welt gegangen und hatte nichts von sich hören lasten; so war dem Jünglinge die Aufgabe zugefallcn, die alte, kranke Mutter zu ernähren. Erft kurz vor dem Tode derselben hatte Selig geschrieben und für die Eltern seine ersten Ersparnisse im Betrage von 100 Gulden geschickt, eine Summe, die gerade ausgercicht hatte, die Begräbnißkosten zu bestreiten. Als inan dann dem Ostindier mitgetheilt, daß der Vater schon lange und die Mutter soeben gestorben, hatte er wiederum nichts von sich hören lassen, und jetzt war ein Telegramm gekommen, daß er schon morgen eintteffen werde. Es war natürlich, daß die Nachricht die kleine Familie — Sophie war das einzige Kind — sehr aufregte. Man erging sich in tausend Vermuthungen. War der oftiudischc Onkel verheirathet, hatte er Kinder, war er reich oder arm? „Es schickt sich doch," sagte endlich Nathan, „daß ich Bruder Jakob Mittheilung von der Depesche mache." Er nahm seinen Hut, um zu feinem Bruder zu gehen. Da kam das Dienstmädchen desselben und brachte ein an Jakob gerichtetes Telegramm, welches genau so lautete, wie das, welches Nathan empfangen hatte. Am andern Tage war die ganze Familie am Bahnhof versammelt: Nathan nebst Frau und Tochter, Jakob mit seiner Frau, seinen Söhnen, Töchtern , Schwiegersöhnen, Schwiegertöchtern, Enkeln r*,aB.yrfr, *■*-x‘0 U_