Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1886)
- Date
- 1886-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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454 Bestimmungen sind mir Rücksicht darauf formnlirt, daß, da die anderen Stiftungen des Granen Klosters Juden nicht berücksichtigen, die Stipendiaten Juden sein sollen. Der Magistrat hat beschlossen, die Stiftung auzunehmen. Berlin. Dem Bericht über das Rcichcnhcim'schc Waisenhaus der jüdischen Gemeinde pro 1885 entnehmen wir Folgendes: die Einnahmen beliefen sich aus circa 51,100 M., wovon mehr als die Hälfte aus den Zinsen des Stiftnngsfonds floß, während die jüdische Gemeinde für Las lausende Jahr einen Zuschuß von 23,100 M. bewilligt hatte. Verpflegt wurden durchschnittlich 74.Zöglinge, 30 Mädchen und 44 Knaben. Auf diese 74 Kinder vcrthcilt, betrugen die gcsammten Ausgaben incl. Verwaltnngskostcn zc. 691,33 M. pro Kopf; spcciell die Beköstigung eines Kindes kostete 178,30 M. jährlich oder 0,°48 5/6 M. täglich. Von den in diesem Jahre entlassenen 10 männlichen Zöglingen haben sich 6 verschiedenen Handwerken, 4 dem Kaufmannsstandc gewidmet. Tic Mädchen werden — zum Thcil schon in der Anstalt — für irgend einen Erwcrbszweig vorgebildet. Durch besondere Stiftungen ist die Anstalt in der Lage, auch den entlassenen Zöglingen in geeigneten Fällen, besonders aber den Handwerkern während ihrer Lehrjahre Unterstützungen zu gewähren. — Bon den für die Pfleglinge selbst zu bestimmten Zwecken gegründeten Stiftungen erwähnen wir nur den erst im Entstehen begriffenen Fonds für Reife- und Gesundhcitszwcckc, aus welchem für schwächliche Zöglinge die Möglichkeit eines kräftigenden Landaufenthaltes während der Ferien erzielt werden soll. Die Anstalt steht unter Leitung des D r. I u t r o si n s k i, Vorsitzender des Kuratoriums ist der Geheime Kommerzienrath V. Herz. Berlin, 27. Mai. Wie antisemitische Wahlproteste gemacht werden, zeigte eine gestern hier gehabte Schöffcngerichtshandlnng. Die Anhänger des bei der Stadtverordneten-Wahl unterlegenen antisemitischen Kandidaten Pickcnbach hatten gegen die Wahl seines siegreichen Gegenkandidaten Bortmann einen forschen Protest losgclaffcn, der von Beleidigungen und Verleumdungen wimmelte, von den schlimmsten Wahlbecinslnffnngen durch Drohung und Bestechung sprach, ja sogar die angebliche Bestrafung eines Wahlvorstandcs wegen Betruges in's Feld führte. Die Wahlvorsteher Windeck und Plnschke hatten in Folge dessen Strasantrag gegen den Redakteur der „Staatsbürgerztg.," Dr. Bachlcr, gestellt, der jenen Protest veröffentlicht und überdies noch mit hämisches Glsncu versehen hatte. Was stellte sich nuu in der gestrigen Verhandlung heraus? Weder der Angeklagte, noch die als Zeugen vorgeladcucn Unterzeichner des Protestes wußten irgend etwas zum Beweise jener unqualisizirbaren Behauptungen zu bekunden. Vielmehr stellte sich heraus, daß diese und damit auch der ganze Protest von Herrn Pickcnbach selbst cingeblaseu, der sich wohl aus diese noble Weise für seine Niederlage entschädigen wollte. Schon ans dem bisherigen Verlauf der Verhandlung, die zum Zwecke der Vorladung des Herr» Pickcnbach vertagt werden mußte, gewinnt man einen sehr lehrreichen Einblick in die Kampfcswcise der Herren. Hamburg, 22. Mai. Heute begehenHcrr Ricardo Rocämora und Frau Sara, geborene Sealtitzl, das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Herr Rocamora ist seit 44 Jahren beeidigter Registrator der portugiesischen Gemeinde und sowohl als Beamter wie als Privatmann überaus beliebt. Die Ehegatten, Beide 74 Jahre alt, sind trotz ihres hohen Alters erfreulicher Weise noch vollständig rüstig. Am 5. Mai, dem Jahrestage der Hochzeit nach jüdischer Zeitrechnung, wurde dem Jubelpaar durch Seine Exccllcnz den preußischen Gesandten von Sr. Majestät dem Kaiser die Ehcjubilänmsmcdaille nebst einem huldvollen Schreiben übersandt. Auch Herr Bürgermeister Tr. Pctcrsen sandte zu jenem Tage ein Glückwunschschreiben. Die Feier findet im Familienkreise statt; der Gemcindevorstand wird indcß eine Deputation entsenden. Ocstcrr.-Ungar.Mouarchie. Wien. Seitdem der gefeierte steierische Dialektdichter Rosegger einmal in nicht mißznvcrstehender Weise seinen Abscheu gegen das wüste Treiben der Anti-Semiten Ausdruck gegeben, wurde ein wahres Haberfeldtrciben gegen ihn in Scene gefetzt. In Zeitungen und Versammlungen winde erdesVerrathcs der „deutschen Sache" geziehen, alsRenegat und „Jndenknecht" hiugcstcllt, und zu Hunderten flatterten Schmäh- und Drohbriefe in das stille Heim des Poeten, der sich plötzlich im Mittelpunkte einer überaus lärmenden Agitation befand. Wir finden nun heute in cimcm Grazer Blatte folgendes interessante Eingesandt Rofeggcr's: „Auf die kn antisemitischen Blättern gegen meine Person fortgesetzten Zank- und Stänkcrcicn lasse ich mich nicht ein. Nur ein einziges Beispiel, statt deren zehn, von der unglaublichen Kampfcswcise dieser Partei will ich hier, endlich bemerken. Am 2. und 1L. August 1885 veröffentlichte das „Lbcrsteirerblatt" zwei mit l I