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Der Israelit · 1886-05-27 · Heft 42 (27.5.1886) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 42 (27.5.1886)
Date
1886-05-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Vereins war, diesen gegen die Angriffe Stöckers vercheidrgt, nahm Professor Dr. Adolf Wagner das Wort zu einer Ansprache, die von derjenigen des Herrn Hofprcdigcrs durch eine gewisse Mäßigung wohlthuend abstach. Wir müssen uns, sagte er, wohl hüten, das Iudenrhum überall 311m Prügelknaben zu machen. Wir akademische Lehrer rechnen es uns zur Ehre an, die Jugend für die Ideen des Königshauses zu erwärmen: ich erkenne es aber auch sehr gern an, daß die liberale Partei und an ihrer Spitze die Fortschrittspartei mit Recht darnach gestrebt hat, das absolute Regiment in das constitutionclle hinüberzuföhren. Ich leugne nicht, daß es unter den Liberalen so ehrcnwerthe Männer gibt, wie bei uns, aber ich leugne, daß sie ein Vcrjmndniß für die Erfolge des Staates haben, ich zweifle nicht an dem Patriotismus der liberalen Führer, aber gelegentlich muß man sich doch sagen, ob dieselben blind sind. Wir brauchen drei Dinge, eine tüchtige Erb-Monarchie und Dynastie, ein tnchtiges Heer und ein selbstständiges Finanzwesen, und ein solches festes und nationales Gefüge wollen wir unserer Regierung schaffen. Stud. Junghans betonte noch, die Liberalen und Demokraten ständen gleichfalls auf dem Boden der Sozialreform, wünschten aber keine Staatsbürger zweiter Klasse. Als er mit den Worten schloß: „Alles hat seine Zeit, hoffentlich auch der Antisemitismus," entstand lebhafte Unruhe. Bald darauf wurde die Vcrs«nmlung geschlossen. Frankreich. Paris. (Die Juden China's.) (Fortsetzung.) Der kaiserliche Hof in Peking sicht nämlich sehr strenge darauf, daß jede im Reiche der Mitte existircnde Religkous-Gcnoffcnschaft, selbst, wenn ihr Glaube nicht lehrt, für das Staatsoberhaupt zu beten, dennoch desselben bei ihrer Andacht gedenken, Der chinesische Kaiser, der noch heute den Titel „Sohn des Himmels" führt, ist zugleich auch das geistliche (budhistische) Oberhaupt seines Reiches und ein Mal im Jahre muß er auch im Tempel des Kricgsgottcs erscheinen, um dort während eines ganzen Tages die Pflichten eines Priesters zu erfüllen. Er opfert hier am Altäre, hält dann daselbst auch eine Predigt, erklärt hierauf einige schwierige und dunkle Stellen in den heiligen Büchern <de§ Eonfncins), wobei die angesehensten der Priester seine Zuhörer sind, und nimmt er schließlich mit Letzteren zusammen sein Mahl ein. Anstoßend au die Synagoge von Kai-song-fu befand sich früher ein großes Gemach, in dem dreizehn kleinere Schränke, alle kunstvoll gearbeitet und mit Elfenbein-Schnitzereien versehen, auf einer länglichen Tafel gereiht standen. Diese Schränke enthielten rheils das Archiv der Gemeinde, thells alte und unbrauchbare Thorarollcn und Gebetbücher (Tie Gebetbücher der chinesischen Juden sind alle auf Papier geschrieben), die man nicht profanisiren lassen wollte. Zwölf von diesen Schränken trugen die Namen der zwölf Söhne Jakob's, während der dreizehnte wieder Moses gewidmet war. Jeder Schrank hatte seinen blauseidenen Vorhang und vor einem jedem dieser Schränke stand ein kupferner Leuchter mit einer Talg- oder Wachskerze darin. Diese Kerzen wurden immer an den hohen Feiertagen und bei der Thronbesteigung eines neuen Kaisers angezündet. Auf dem Fußboden dieses Gemaches standen wieder zahlreiche kupferne Räucherpfannen und Kohlenbecken. Hier in diesem Saale wurden auch die Sitzungen des King-lin (Herren der Judenstadt, d^h. des Gemeindcvorstandes) abgchalten und an gewissen Tagen wieder für die Seelenruhe der Heimgegangenen Ettern, Vorsteher und Rabbinern der Gemeinde gebetet. In China ist bekanntlich die Pietät für die Verstorbenen eine ungemein große und selbst die Armen schauen nicht auf's Geld, um nur ihren theueren Todten ein recht schönes und glänzendes Leichcnbegängniß veranstalten zu können: Gemeinsame Friedhöfe gibt es in China nur in den großen Städten, in den kleineren Städten und auf dem flachen Lande werden die Todten beigefetzt ibi ubi d. h. dort, wo es gerade der Familie des Heimgegangenen zusagt, bald innerhalb, bald außerhalb derStadt, bald an der Heeresstraße, bald wieder in der Mitte cinesWaldes.bald in der Nähe eines Tempels, bald wieder in der Nähe eine Qnelle. Die Gräber sind heilig und dürfen weder entfernt noch profanisirt werden. Eine der Hanptursachen, warum die chinesische Regierung mit dem Bau von Eisenbahnen bisher so sehr gezögert hat, ist auch, daß man dann die vielen zcrsttcut ninherliegenden Gräber entfernen müßte, was im Volke, das die Ruhe seiner Todten nicht gestört wissen will, böses Blut erzeugen würde. Die hier befindlichen kupfernen Räucherpfannen waren theils den drei Patriarchen, theils den vier Erzmntrcrn, theils wieder den zwölf Stämmen (Ki-jelkony-pn-tze) und theils auch anderen biblischen Männern gewidmet. Anstoßend an diesen Saal befanden sich mehrere kleinere Gemächer, die theils für die Obdachlosen der Gemeinde, theils wieder für die Trauernden (L'd2r<) bestimmt waren. In China ist cs nämlich noch heute Gebrauch, daß, wenn Vater oder Mutter sterben, die Söhne sich für volle sicbenmidzwanzig Monate in die Einsamkeit zurückzichcn müssen, um dort in voller Ruhe um den W'■'fr

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