Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 42 (27.5.1886)
- Date
- 1886-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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an sich erfahren, welch' wohlthätigm Einfluß seines Vaters gurr Genossin geübr, ss daß fern Lehrer auf ihn sagte: Hell der, die ihn geboren: Allein, auch diese Erklärung läßt zu wünschen übrig. Nicht immer hangt es von dem Menschen ab. daß er ein gutes Weib sich wähle. Alle Vorsicht und alle Fürsorge erweisen sich gar oft als trügerisch. Auch in dieser Beziehung vermag der Mensch nicht in's Herz zu schauen und nicht immer sind Erziehung und Herkunft bestimmend, denn jeder Mensch hat die freie Wahl, nnd auch der Besterzogene kann in Sünde und Laster verfallen. Viele große nnd edle Männer haben durch böse Frauen unsäglich gelitten, und vielen edlen und tugendhaften Gattinnen ist es nicht gelungen, den lasterhaften Gatten auf den Weg der Tugend zurückzuführen. Ein gutes, edles, frommes, tugendhaftes Weib ist ein Gnadengeschenk Gottes, wie es der weise König ja ansgesprochen: „Haus und Vermögen ist Erbtheil der Väter, aber von Gott stammt ein beglückendes Weib." Wir ziehen daher die Erklärung des Rabbi Iehuda Lirma allen übrigen vor. Nach ihm sagt Rabbi Iosua nicht: Erwirb dir einen guten Genossen, sondern: Sei ein guter Genosse. Der gerade Weg, dem der Mensch anhaften soll. ist der der Menschenfreundlichkeit, der Menschenliebe. Sei hilfreich, edel nnd gut gegen alle Menschen nnd fei für Jedermann ein guter Genosse. — Diese Erklärung paßt auch in den oben von uns, nach Rabbenu Ionah ausgestellten Rahmen. Mache, lehrt demnach Rabbi Iosua, die Menschenfreundlichkeit zum Prinzipe deines Lebens, nnd wenn du diese Tugend, zur Vollkommenheit ausbildcst, so werden dir auchi alle übrige guten Eigenschaften des Geistes nnd des Eharakters in reichem Maße zu Theil werden. Um für Jedermann ein guter Genosse sein zu können, mußt du des Wissens Fülle erstreben, mußt Verstand nnd Vernunft zur Vollkommenheit ausbiiden, nm Jedem mit Rath nnd Thal bcistehcn zu können; mußt in Dcmttth und Bescheidenheit wandeln, um die Menschen nicht abznstoßcn; mußt Beleidigungen und Hmtenansctznngcn ertragen lernen, mußt der Wahrhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit dich befleißigen, mußt Wohlthätigkcit üben, wie und wo du nur kannst, mußt vor allen Dingen von Liebe zu Gott und Furcht vor Gott durchdrungen sein, um Ihn als Vater zu ehren und dcßhalb alle Menschen als deine Brüder anzuerkennen. Wahrlich, das ist der gerade Weg, dem der Mensch anhastcn, ans dem er beharren soll, selbst wenn tausend und abertanseud Täuschungen ihn irre zu machen geeignet sind an dem erhabenen ,'siele, selbst wenn Undank und Verlästerung ihn in Gefahr bringen, zum Mmschenfeinde zn werden. In ganz ähnlicher Weife spricht sich Rabbi Jose ha Kohen aus: Sei ein guter Nachbar! — Dasselbe Princip, wie wir es oben dargelcgt haben, liegt dieser Sentenz zu Grunde, nur daß noch etwas hinzugesügt wird, was wir in Folgenden: näher darlegen wollen. König David sagt (Psalm 133. L. 1) irr 22 DT.N ras srs» nai so na nrr. „Siehe, wie gut und lieblich ist cs, wenn Brüder eiuträchtig beisammen wohnen;" Das Wörtchen m „auch" wird in der Regel in der Uebersebung nicht wiedergegeben, es scheint überflüssig zu sein und bedarf daher der Erklärung. Es ist eine bekannte Thatfache, daß Brüder häufig mit einander streiten und hadern; aber nur, wann sie beisammen sind. Wenn sie weit von einander entfernt leben, der eine in Paris, der andere in Wien, der dritte in Petersburg, so schreiben sie einander die zärtlichsten Briefe, in denen die gegenseitige Bruderliebe ganz überschwenglichen Ausdruck findet. Fügt es sich aber, daß sie ihren Wohnsitz wieder in eine Stadt verlegen, so daß die Intercpen des Emm und des Andern widereinanderstoßcn, so beginnt der Hader ans's Neue. Daher sagt David: Siehe, wie gut und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig sind, a u ch wenn sie beisammen wohnen! — Das ift's, was Rabbi Jose als den geraden Weg bezeichnet, dem der Mensch anhasten soll: Sei ein guter Nachbarl Auch wenn dein Nachbar dein Eoncurrent ist, der dich in deinen Geschäften schädigt, oder wenn er dir die Ehren vorwcgmmmt, die deiner Meinung nach dir gebühren, oder wenn er dich verdunkelt durch die Fülle seines Wissens oder die Menge seiner guten Thaten, ja, wenn er dir selbst Unannehmlichkeiten bereitet durch allerlei Nörgeleien, wie sic bei Nachbarn vorzukommen pflegen, sei ihm dennoch ein guter Nachbar, hilf ihm, rathe ihm, tt'öste ihn, so oft du es vermagst! Rabbi Jose stellt die Verträglichkeit als diejenige Eigenschaft dar, die wir als Hauptprinzip des Lebens zu erstreben haben, nnd dieser sein Ausspruch entspricht vollkommen dem Lobe, das ihm sein Lehrer ertheilt hat, wie wir es im fünften Buche dieser Maßechta ausgesprochen finden: Wer zu seinen Mitmenschen sagt: waS mir gehört, gehöre dir; was dir gehört, mögest du behalten, der ist ein Ehaßid. — Wer diesem Grnndsavc huldigt, wird stets und immer ein guter Nachbar sein. (Fortsetzung folgt.)