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Der Israelit · 1886-05-24 · Heft 41 (24.5.1886) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 41 (24.5.1886)
Date
1886-05-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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706 Wohlchätigfeir, die Wahrhaftigkeit, die Uneigennüvig- | feit und viele andere. Unmöglich ist es, alle diese ‘ hohen Eigenschaften auf einmal zu erwerben nnd es darin zur Vollendung zu bringen. Daher ist es gerathen, ans allen diesen guten Eigenschaften eine zu wählen und sie derart zu pflegen, daß man in der einen die größte Vollendung erreiche nnd im Benne derselben dann auch alle andern guvn Eigcnschasleu zu erlangen suche. Demzufolge gestaltet sich die Frage des Lehrers so: „Welche von allen guten Eigenschaften soll wohl der Mensch vor allen andern zum Ziele seines Strebens machen, sie immer nnd immer vervollkommnen unb stets bei ihr beharren ** — Wenn wir diesen Gedanken zu Grunde legen, so ist die Frage leicht verständlich, nnd die Antworten erscheinen. wie wir näher ausführe» werden, paffend und zutreffend. r? 's*» s „Rabbi Elieser sagte: ein gutes Auge." Um Mißverständnisse zu vermeiden, haben wir aber übersetzt: ein wohlwollendes Auge: richtiger noch hätten wir sagen sollen: Das Auge des Wohlwollens. Es ist hier nicht von dem körperlichen, sondern von dem geistigen Auge die Rede. Auch in der heiligen Schrift finden wir häufig, daß das gute und das böse Auge in auf das Geistige und sittliche übertragener Bedeutung angewendet wird. (Mischte E. 22. B. 9): „Wer guten Auges ist, wird gesegnet, denn er gibt von seinem Brode den. Armen." — (Daselbst (5. 2.°t. B. 0) „Genieße nicht von dem Brode dessen, der bösen Auges ist, nnd gelüste nicht nach seinen Leckerbissen." — (Daselbst E. 28. V. 22): „Ueberaus gewinnsüchtig ist der Mann des bösen Auges, und er weiß nicht, daß Mangel ihn überkommen wird." — (5. B. (5. 15. B. 9): „Hüte dich wohl .' . . daß nicht böse sei dein Auge gegen den bedrängten Bruder und du ihm nichts gebest." — Aus diesen Beispielen ergibt sich, daß' das gute Auge in der hebräischen Sprache eine Bezeichnung des Wohlwollens ist, während das böse Auge für Uebelwollen, Geiz und Habsucht gebraucht wird. Es sagt demnach Rabbi Elieser: Mache das Wohlwollen zum Principe deines Lebens; liebe deine Mitmenschen mit unendlicher, hingebender Liebe; sei mild nnd freundlich nicht allein in deinem Benehmen gegen sie, sondern auch in deinem Urthcile über sie. Wen» die Dhaten deiner Mitmenschen in verschiedener Wesse beurtheilt werden können, so schaue sie mit guten Angen a» und lasse durch Wohlwollen dein Urthcil beeinstnssen. Aber nicht nur dem Menschen, auch Galt gegenüber lasse das gute Auge walten. Sucht Altem, lvas Er dir schielt, die gute Seite abzugelvinnen und preise Ihn und danke Ihm dafür. — Auch der Gotteslehre gegenüber bewahre dir das Auge des Wohlwollens^ Es liegt in der Menschemtawr begründet, daß ein Gebot uns mehr znsagt als das andere, daß eine Vorschrift mehr Svmpathien bei uns erweckt als die andern; du aber, betrachte sie alle mit wohlwollendem Auge nnd lape alle dir gleich werthyoll sein. Daher glich Rabbi Elieser der '«rsr 7LL *Gxa der wohlausgemaucrtcn und verkalkten Eisterne, die feinen Dropsen verliert; denn chm war jeder Tropfen des himmlischen Gewässers gleich werthvoll. Das ist die große Eigenschaft, die Rabbi Elasar beit Horlinas zur besonderen Pflege empfiehlt. Wenn man in ihr die Vollendung erreicht, so wird cs leicht sein, alle übrigen großen Eigenschaften des Geistes, des Eharakrers nnd des Gemüths zu erlangen. Das von ihm empfohlene Wohlwollen har Rabbi Elieser selbst den größten Verbrechern gegenüber bewährt. Am Schluffe des Tractats Sanhedrin wird gelehrt, daß viele große Sünder keine» Antheil haben an der zukünftigen Welt. Rabbi Elieser aber stellt den Grundsatz auf, daß, wenn sie ihr Verbrechen gebüßt, sie cingehen werden zum ewigen Leben, und so wendet er ans die Rotte Lrorachs den Ausspruch der heiligen Schrift an: Der Ewige tobtet und belebt, senkt in die Gruft und führt wieder herauf (1. Buch Samuel E. 2. V. 6). (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wericht. Wissenschaftliches aus dem Rabbiner- Seminar. I. Bl. Flavins Josephus nnd die Halacha, von Dr. Marcus Olitzki. Erster Thcil: Einleitung, die Opfer. Die vorliegende Schrift, welche den Neigen der im Verlaufe der letzten drei Monate von Zöglingen und Doeenten des Berliner Rabbiner-Seminars verfaßten wkssenschaftlichen Arbeiten eröffnet, ist unmittelbar nach ihrem Erscheinen von allen Seiten mit lebhafter Anerkennung begrüßt worden. Der Beifall, welcher dieser Arbeit gezollt wurde, war kein unverdienter, denn gründlich nnd tiefgehend müssen sichtlich die Studien gewesen sein, deren tfjciltucifc überraschende Resultate dcr Vers, in feiner Dissertation niedergelegt hat. Flavins Josephus ließ zwar, bein Beispiele römischer Historiker folgend, in seiner Darstellnng der Geschichte des jüdischen

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