Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-05-17 · Heft 39 (17.5.1886) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 39 (17.5.1886)
Date
1886-05-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449638--24304-2514050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Er war oft crn Anwalt, noch öfter ein Ankläger; rin Richter wollte er aber nur selten sein. Die meisten positiven Ergebnisse und anregenden Gedanken sinden wir in seinen mathematischen und astronomischen Schriften, die aber dabei eine Fülle von Bemerkungen über alle Gebiete des allgemeinen und besonders des biblischen Schriftthums enthalten, welche so vertheilr sind, daß sie auf den Gang tiefer wissenschaftlicher Untersuchungen wie zur Erfrischung wahre Blüthen des Stils und der geistreichen Wendungen streuen. Alles in der Welt, schreibt er, alles habe Maß und Zahl, nur sind diese rms nicht faßbar, ebenso wie der Slaub der Erde und die Sterne des Himmels eine Zahl haben, nur an uns liegt es, daß wir sie nicht zählen können, weilder Staub nicht in gleichen Haufen überall ist und die Sterne nicht alle wahrgenommen werden. So sprach auch der Herr zu Abraham von den Sternen: Siehe „ob du sie zählen kannst!"... .Nach der Mathematik war die Kabbala sein Lieblingsstudium. Aber auch hier zeigt cs sich, daß die Mathematik ihn überall leitete. Alles in der großen Welt ist in seinen Augen ein. großer gewaltiger Kreis, der Mittelpunkt dieses Kreises ist der Schöpfer, dem Me gleich fern, Alle gleich nahe stehen. Der Mensch ist ein Punkt im großen Kreise des Alles, sein sittlicher Werth und seine Tugenden sind die Linien, die die Richtung und das Vcrhältniß des Menschen bezeichnen zu dem Mittelpunkte der Schöpfung. Das Sichtbare ist nur ein Zeichen, daß Bleibendes da sei, wie der geschriebene Punkt andcuten will, wo wir den wirklichen zu suchen haben. So, wir möchten sagen, mathematisirte Dclmedigo die Kabbala. — „Kein Zweifel", ruft er in seiner Schrift „die Allmacht des Herrn" aus, „viele werden meine Ausführung für dreist und prahlerisch halten; allein ich mußte die Wunder Gottes verkünden. Gewiß, für den Menschen ist es bester, sich selbst und die Kammern seines Herzens zu kennen als von den Höhen und Fernen draußen zu sprechen.Aber was soll ich mit diesem Auge machen, das immer hinauf sieht zu den Sternen?... Seit meiner Jugend habe ich es als Pflicht des flüchtigen Menschen angesehen, eine Spur zurückzulasten, ein Zeichen, daß er dagcwesen sei." Von dem, was man ihm als Widerspruch anrcchnct, muß alles ansscheiden, was. auf spätere Handschriften sich stützt. Wenn einer in den unter seinen Auspicicn gedruckten Werken ausgesprochenen Ansicht eine entgegengesetzte aus später ausgefnndcnen von einer fremden Hand stammenden Handschriften gegcnnbcrgcstcllt wird, so ist die Almahmc einer Fälschung immerhin nicht Unwahrscheinlicher, als daß ein Mann von unbestrittener Bedeutung ia einem Werke das hätte verspotten sollen, was er in einem anderen und noch dazu fast um dieselbe Zeit als heilig und ehrwürdig bezeichnet. Das trifft besonders in einer Frage zu, die für die Benrthcilung des ganzen Menschen Delmcdigo von höchster Wichtigkeit ist. In seinen gedruckten Schriften verherrlichte er die Lehren des Talmud bei jeder Gelegenheit, während eine an einen Karäer fast um dieselbe Zeit gerichtete ausgezeichnete literar-hisrorische Abhandlung „Michtab Achus" eine Stelle enthält, die eine scharfe Vcrurtheilung des Talmud und eine Verherrlichung des K aräerthums auf Kosten des talmudischen Judcnthums enthalt. — Die Thatsache jedoch, daß die Handschrift, in der diese Abhandlung erhalten ist, von den Karäern stammt, müßte schon zur Vorsicht mahnen. — Die Mahnung zu dieser Vorsicht wurde auch bereits von keinem Geringen als L. Zunz ausgesprochen. Seitdem haben wir erfahren, daß unter denjenigen, die in neuerer Zeit als Fälscher zur „größeren Ehre" ihres Glaubens enthüllt wurden, kein Bckcnntniß mit einer - größeren Anzahl vertreten ist als das Karaerthmn. Die Annahme läge daher nahe, daß auch in unseren „Achus" ein Karäer diese Verherrlichung seines Glaubens einfügte. Die Gelegenheit wäre auch geschickt gewählt. Joseph Salomo Delmedigo ist mit Karäern befteundct — er war es auch mit Christen und Mohamedanern — er schreibt eineu Brief literar-hiftorischeu Inhalts an einen Karäer und schreibt diesem natürlich nur über Dinge, die diesen interessiren, also von Allem, nur nicht von Talmud und Midrasch u. dgl. — Und der Schreiber ist Josef Salomo Delmcdigo, einer der gefeiertesten Männer der rabbinischen Judenheit. Dieser war gestorben... Man fand manchen Widerspruch in seinen Schriften. Die Versuchung war für einen Karäer, der den Niedergang seiner Sette sah, also zu groß, zu nahe, der Erfolg zu sicher And die Mühe gar so gering. Vier bis fünf Zeilen ungefähr im Stile Delmedigos zu schreiben, war doch nicht allzuschwer. — Alles war geschickt gewählt: Personen, Raum und Zeit. Nur die Ausführung war ungeschickt. Man denke: Im Schlußwort zu dem Theil der Abhandlung, der die mathematische Wissenschaft und Literatur bespricht, schreibt Delmedigo: „Jedes gute Buch lies von Anfang bis ans Ende und du erfassest seinen Standpunkt. Heil dem Menschender auf mich hört. Heil dem, dessen Begabung ihm das ermöglicht!" Das sind doch Worte, die deutlich genug das Gepräge des Abschließenden an sich tragen. Und hier fugt sich die Stelle ein, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.