Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 39 (17.5.1886)
- Date
- 1886-05-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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678 Rabbiner der sephardischen Gemeinde zu Amsterdam herausgegeben. Bald erschien ein zweiter Band, und Delmedigo wurde in alle» jüdischen Kreisen als der Mann gefeiert, der die Krone der Gottesleüre und die der WeltweisheiL gleich den großen Erscheinungen der alten Zeit auf dem Haupte trug. Kein Wunder, daß die Frankfurter Gemeinde diesen Mann zu gewinnen suchte und für ihn in ihrer Mitte eine neue Stelle, die eines Gemeindearztes, schuf. Das Protokoll, das diesen Beschluß des Vorstandes verzeichnet, beginnt mit einleitenden Worten, die aus Bibel und Talmud beweisen, daß es Recht und Pflicht der Gemeinde sei, für einen tüchtigen Arzt zu sorgen, und zählt, nachdem nmgetheilt wird, daß die Wahl auf den in seiner Kunst vielberühmten und gelehrten Joseph Salomo Delmedigo fiel, die Pflichten und Rechte des neuen Arztes auf. Daß der Gcmcindearzt nicht ohne Einwilligung des Vorstandes die Stadt verlasse, selbst wenn ein „Edler oder Fürst" ihn riefe, ist das Erste, was betont wird, und bezeichnet uns wohl eine der Hauptveranlassungen für die neue Einrichtung. Die jüdischen Aerzte waren zu jener Zeit gesucht, die Praxis auf dem Lande und den Gütern der hohen „Herrschaften" rief die Aerzte oft und auf lange Zeit ans der Stadt ab. Dem sollte in erster Linie abgeholfen werden. Gehen müsse der Arzt zu „jedem Menschensohn, der nach ihm verlangt." Von Armen dürfe er nichts annchmen, selbst, wenn diese ihm freiwillig einen Lohn für die Bemühung anböten. Seinen Lohn sehe er nur in dem „für die Ewigkeit Aufbewahrten." Von „Mittelleuten" dürfe er nichts fordern, aber was sie ihm geben, — „der Eine wenig, der Andere mehr" — könne er annehmen. Von den Neichen dagegen könne er verlangen, nur solle er nicht übertriebene und ungebührliche Forderungen stellen. (Die Höhe des „Gebührlichen" wird nachher auf 2 Thaler festgesetzt). — Sollte der neue Arzt zu „Reichthum und Gütern" gelangen, dann solle er es als seine Pflicht ansehen, „mit unseren Brüdern mit zu tragen an dem Joche der Abgaben und Steuern wie Einer von uns." Es muß dem in freundlicheren Verhältnissen ausgewachsenen Delmedigo wohl nicht leicht geworden sein, auf seiner freihcitathmendcn Brust den gelben Ring zu tragen, den die Stättigkeit hier jedem Inden ohne Ausnahme vorschrieb, damit er selbst nie vergesse und die Ehristen immer daran denken, daß er nur ein Jude sei. Aber er hatte genug gesehen in der Welt, um in alle Zustände mit philosophischer Ruhe sich fügen zn können. — In einem Briefe an seinen Schüler, der ihn um die Erkaubniß bat, die Schriften des Meisters herausgebeu zu dürfen, ruft er aus: „Oft schon habe ich dir gesagt, daß in all den Jahren, die ich in Preußen, Polen und Lithauen verlebte, ich keine ruhige Woche hatte, da ich das ganze Jahr außerhalb der Stadt die Kranken zn behandeln hatte, denn die Fürsten und Grafen wohnen da nicht in großen Städten, sondern in Rücksicht auf ihre Dienerschaft und Pferde auf Dörfern und Gütern. Und wenn ich Mein mit meinen! Diener aus dem unwissenden rohen Volke schweigend im Wagen saß und still und wortlos dahinfuhr durch die einsamen Wälder, da war es, wo ich meinen Forschungen nachgehcn konnte, da stiegen in mir die Gedanken, auf, die dann in der Nacht in meiner Wohnung niederschrieb."- „Nun", schrieb er an seinen Schüler, „sei du Richter in der Sache. Wäre es denkbar, daß Mes, was als Jüngling in den Tagen meiner Thorheit und Träume, in meinen Wanderjahren an Empfindungen nnd Gedanken mir durch Herz und Kops ging, das alles, Stück an Stück gerecht, zu einem einheitlichen Werke könnte zusammengefaßt werden.?" Später ordnete er. seine Schriften, deren neun und zwanzig gezählt werden, und im ersten Jahre seines Frankfurter Aufenthaltes gab einer seiner begeisterten Verehrer einen neuen Band seiner Werke in Basel heraus. Diesen Schriften, die der Mathematik, Astronomie, Philosophie uud Kabbala gewidmet sind, ist der Glanz der Darstellung und die Methode eigcnthümlich, alles historisch zu entwickeln, worin er eine fortschreitende Entfaltung der Erkenntniß gefunden. Besonders gilt das von feinen mathematischen und astronomischen Ausführungen, wo die ältesten Lehrsätze entwickelt und die Mißverständniile gezeigt werden, denen die Worte der alten Denker bei den Später» zum Opfer fielen. Seine Sache war in diesen Schriften überhaupt mehr die Kritik als die Aufstellung eines umfassenden Systems oder auch nur einer positiven Anschauung, während er ein abgerundetes System der Theologie, Philosophie und Kabbala in anderen Schriften (besonders in „Bosmath"), die aber zum großen Thcile abhanden gekommen sind, aufzustellen sich vorbehielt. Dieses Amt des Kritikers nahm er aber auch so ernst, daß keine Lehre vor seinem Blicke sicher war. Alles mußte vor seinem durchdringenden Verstände seine Schwäche enthüllen, wenn diese auch noch so sorgfältig verdeckt war. War an einer Behauptung alles Unwahre und Unhaltbare anfgedeckt, dann hielt er sein Amt oft für erledigt, die des Endnrthcils Anderen überlassend. >'t ’' '111"~'r ‘ r’t*U" ~ l ». -a * jn-