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Der Israelit · 1886-05-17 · Heft 39 (17.5.1886) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 39 (17.5.1886)
Date
1886-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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674 den ihnen noch unbekannten Ländern Mttelasiens auszuwandern, um sich dort unter halb rohen und halbwilden Völkern eine neue Heimath zu gründen. Gleich hinter dem Tigris begann damals das Reich der Perser, dessen Bewohner schon zur Zeit der Theilung des jüdischen Reiches mit der Religion des Zerduscht (Zoroastcr) bekannt und vertraut waren. Diese Religion verpönt bekanntlich glcichsalls den Götzendienst, lehrt das Dasein eines ewigen Wesens, als dessen Smnbol das Feuer gilt, verkündet schon eine Fortdauer der Seele, legt großes Gewicht auf die Ausübung von Wohlthaten, befiehlt, die Eltern zu ehren und die Wittwen und Waisen zu beschützen u. dgl. m. und unsere nach Persien ausgewanderten Vorfahren waren daher nicht wenig überrascht, als sie dort eine Religion vorfanden, die in vielen Stücken an die Lehre Mofis erinnerte. Während sie nun Babylonien mit Götzenbildern und Götzentempeln überfüllt sahen, deren Priester noch dazu einen höchst sittenlosen Lebenswandel führten und auch lehrten und an eine Veredelung des Volkes gar nicht dachten, fanden sie in Persien eine Priestcrschaft vor, die es als eine Hauptaufgabe betrachtete, das Volk zu veredeln und zn versittlichen, es zur Wohlthätigkeit hcranznziehcn, wozu sic selbst durch ihren sitlenreinen und der Humanität geweihten Lebenswandel das schönste Beispiel gab. Auch das Aenßerc der persischen Priester, die stets in weiße und reine Linnen gehüllt gingen und so an die jüdischen Priester erinnerten, trug sehr viel dazu bei, daß die Juden ihnen mit besonderer Ehrerbietung und Achtung begegneten. Unter einem solchen Volke und in Mitte einer solchen Priestcrschaft fühlten sich unsere Vorfahren bald heimisch und schon wenige Jahrzehnt nach der Zerstörung Jerusalems gab es große jüdischen Gemeinden in Persien, vom Tigris bis Oxus (Amu-Darja), die schnell auch die Sprache, Kleidung, Tracht und Lebensweise der Perser annahmen. Zugleich mit den Persern oder wie dieselben unter der Römer Herrschaft hießen, Parthcrn, drangen unsere Vorfahren auch nach Indien und Mittelasien .vor und wohin sic zogen, trugen sie auch die persische Sprache, Eultur und Lebensweise mit sich. Daher kommt cs auch, daß die in Kai-song-fu cxistirendc Judengemeinde, obwohl jede Verbindung zwischen ihr und Persien schon seit mehr als zwei Jahrtausende anfgchört hat und obgleich deren Söhne und Töchter schon seit Jahrhunderten das Ehinesische als ihre Muttersprache betrachten, noch heute das AUpcrsische, das wir Zend nennen, mit besonderer Vorliebe pflegt und auch viele ihrer Glanbensbuclier, zumal ihren Kalender, in dieser Sprache, die sic Paltzi nennt, abgefaßt, besitzt. Selbstverständlich find die Vorfahren der heurigen jüdischen Gemeinde inKai-fongfu nicht direkt vom Amu-Darja nach dieser erliche hundert Meilen entfcrntcu chinesischen Stadt gezogen und auch freiwillig haben sie nicht diese weite Resse angetrcteu, sondern sie wurden wahrscheinlich von irgend einem chinesischen Fcldhcrrn ans dessen Eroberungszügen in Mittelasien — zur Zeit als Kaiser Trajan in Rom herrschte, gehörte der östliche Rand des Kaspisccs schon zum chinesischen Reiche — gewaltsam mit sich geschleppt und in einer chinesischen Grenzstadt angesiedclt, die sie aber später wieder verließen, um mehr in das Innere des chinesischen Reiches zn gelangen, bis sie später nach Khar-fongsu, das im 3. Jahrhundert (a.) die Hauptstadt des damaligen nord-chinesischen Königreiches war. kamen. Die chinesischen Chroniken und Annalen schweigen gänzlich über den Zeitpunkt der Einwanderung der ersten Juden in ihr Reich. Letztere behaupten jedoch, daß ihre Vorfahren unter der Dynastie Han — diese Dynastie bestieg 15» Jahre vor der Zerstörung des zweiten Tempels den chinesischen Kaiserthron — nach der Stadt Kai-songfn, nach China selbst aber schon achtzig Jahre früher gekommen wären. Demzufolge hätte zur Zeit der Makkabäer schon eine jüdische Gemeinde im chinesischen Reiche bestanden. Der damalige Tut-ti (Statthalter) von Khai-sang-fu wies mm diesen Ankömmlingen, welche die Chinesen vorläufig nur Tzon-li, d. h. weiße Fremde nannten, eine Sttli: am rechten Ufer des Ho-ang-ho (Gelben Flusseszur Ansiedlung auf derselben an. Zugleich gestatten er ihnen sich ein Li-pai-fu (Vcrsammlungshans de: Männer, also eine Synagoge) zu erbauen, um in demselben den Ti-an (Herrn des Himmels) nack ihrer Väter Weise anbeten und verehren zu können. (Fortsetzung folgt.) England. London. Baron Henry de Worms hat seine Stelle als Präsident der Anglo-Jewish-Affociatkon niedergelegt. Er sah sich zu diesem Schritte gezwungen, nachdem dessen Tochter sich hatte taufen lassen und einen Christen geheiruthet, und Baron Worms dem Tranungsacte in der Kirche mitangcwohnt hat. R u ß l a n d. In verschiedenen Städten, so in Prcnn, Tünabnrg, Kowno, Acdinictz und Wlotzlawok hatte man ans Ostern wieder Judenkrawalle in Scene setzen wollen. Dieses Jahr ist aber die Regierung mit großer Energie ausgetreten, sie hat in allen'diesen Städten eine große Trnppcnmacht entfaltet und so die beabsichtigten Ausschreitungen im Keime erstickt.

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