Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1886)
- Date
- 1886-05-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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sie litten ja selber so lange Zeit unter diesem barbarischen Princiy. Ta zeigt sich' wieder einmal, wie Alles sich bitter rächt. Endlich aber sängt es an sich zu Lichten in den Ltöpfcu und man erinnert sich an feine jüdische Abstammung. Man schaart sich unter die Fahne des Jndemhums zur Abwehr gegen das gekränkte Recht, Mensch zu heißen, Jude zu sein. Mau fängt an zu begreifen, daß als Jude geboren zu sein kein Unglück bedeutet, vielmehr die Erfüllung von Pflichten gegen sich und seine.Ehre verlangt. Zumeist sind cs die f. g. Großen" die Reichen und Angesehenen, die sich an ihr bischen Judcnthnm erinnern und — man staune — es offen und frei bekennen. Sie, die cs so ungern -hörten, wenn man in ihrer Gegenwart das Wort Jude anssprach, die von beständiger Angst gequält waren, daß Herr X. an der.Krümmung der Nase den „Herrn Israeliten" erkennen könnte. Sie gründen jetzt jüdische Vereine oder eine österreichisch-jüdische Union. So in Wien, Prag und a. a. O. Optimisten mögen darin ein gutes Zeichen, einen Umschwung der Anschauungen erblicken, wir können eS nicht. Das Judenthnm ist mehr als Opposition gegen den Antisemitismus. Es ist auch mehr als Glaube an Gott und ethische Anschauung^ als was man cs in diesen höheren jüdischen 5treisen ansgibt. Und die betreffenden Vcrcinsobmänncr und Unionsprändentcn find sich ja darüber klar, das; cs vor Allem gelten muß, den Feind im eignen Lager zu bekämpfen. Das sind aber die Indifferenten, die Irreligiösen, die Feinde der Religion, die jüdischen Antisemiten. Man kennt diese Sorte in Deutschland weniger. In Oesterreich sind sie nicht selten. Znmal die studierende Jngcnd weist deren, ich kann es sagen, eine Menge auf. Die Armen, sie möchten sich gerne in den Strom stürzen, wenn nicht Vater oder Mutter bcn moralischen Selbstmord pcrhorrcszirten. Obendrein würden aber die antisemitischen oder christlich-germanischen Eommilitoncn nur Hohen für die empfangene Waffcrtaufe haben. Und diese Jugend hat .12 Jahre wöchentlich 2 Mal Unterricht in der jüdischen Religion erhalten! Darum erhebt man jetzt den Fcldrnf: Besserung des Religionsunterrichtes. Thörichtc Eltern und Vormünder. Augen haben sie und sehen nicht, daß sic an Allem die Schuld tragen und wälzen die Veraniwortung ans die 'Lchnle, auf die Rclkgionslchrer. In Wien z. B. hat die genannte Union die Besserung des Religionsnuterriches zum Programmpnnkl erhoben, lind das mit stecht. Denn — man staune — in den acht Elassen der Wiener Gymnasien wird die Bibel nur in deutscher Sprache gelesennnd die hebräische Sprache gar nicht gelehrt. In Prag ist cs in dieser Hinsicht besser. Dort wird wenigstens eine Stunde dem lüncrriLre in der hebräischen Sprache gewidmet. Daß dabei doch nur ganz geringe Erfolge erzielt werden können, ist erklärlich, da streng genommen nur eine halbe Stunde dem Unterrichte znsällt. Die andere Harste muß zum Prüfen verwendet werden. Aber ein weit tiefer gehender Uebelstand zeigt sich hier und dort, in der Erfolglosigkeit des Religionsunterrichtes für die jüdische Praxis. An diesem Uebelstand trägt nur das Hans Schuld. Alle Lehrpläne, alle Enqueten kommen nicht über das Dilemma hinaus, daß der Schüler, der im Elternhaufe keine religiöse Praxis beobachten sicht, trotz aller Theorien für das Judenthnm nicht gewonnen werden kann. Da zu rcformiren kann nun dem einzelnen Familienvater überlassen werden. Allein die Vertreter der Gesammtheit haben die Pflicht nach dieser Richtung zu wirken. Hier eröffnte sich ein weites Feld für eine ersprießliche Thätigkcit. Es gilt vor allem den jüdischen Sinn zu beleben, die Liebe für» Judenthnm in den indifferenten Gemüthcrn zu erwecken. Bon der Erkenntniß bis zum Handeln ist nur ein Schritt, den das religiöse Gewissen thut. Die Wiener Union stellt zu einem' weiteren Programmspunkt auf: Abhaltung von wissenschaftlichen Vorträgen. Allein ein Blick auf Prag wird cs klar machen, daß das nicht der Weg zum Ziele ist. In Prag nämlich vegetirt ein solcher Verein eigens zur Abhaltung populärer Vorträge aus der jüdischen Wipenschast, bekannt unter dem Namen rrorr Und wenn ich sage vegetirt, so ist damit schon angedeutet, daß er hinter den berechtigten Erwartungen zurückblieb. Denn der genannte Verein ist vielfach nur ein Tummelplatz für antireligiöse Bestrebungen, für Irrlehren, die im Gewände einer Scheinwissenschast unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Autorität dem Publikum feilgeboten werden. Daß dem fo^ ist, davon konnte sich jeder Ueberzeugung verschaffen, der das Schriftchen „Die Symbolik in Enltu» und Dichtung" von Dr. Deutsch in Brünn gelesen. Der Tenor dieses als Broschüre gedruckten Vortrages ist, daß die „rabbknksche Deutung" das meiste, was in der h. Schrift auf Symbolik beruht, verdunkelt bat. Und da» Publikum? Da» indifferente wird in seiner Jrrcligiösität nur noch bestärkt nnd das übrige, sagen wir fromme, wird in seinen heiligsten Uebcrzcngnngcn verletzt, wenn nicht erschüttert. Auf solche Weise kann demnach von einem ans das gefleckte Ziel . gerichteten wohlthätigen Wirken kaum die Rede sein. Vielmehr müßte man Diejenigen, die an der jüdischen Wissenschaft Interesse nehmen, ',, 11 r, i v'tt: J‘-;- - ‘ i„r V