Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 64 (12.8.1886)
- Date
- 1886-08-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1108 v - seinem iriiflliicfe, weil der Schmerz den Menschen beugt, seinen Blick trübt und ihn die Menschen falsch bcurtheilen lasst. Wer auf dem Gipfel des Glückes steht, der unterschätzt und verachtet die unter ihm Stehenden, wird stolz und eingebildet. Nicht das Thal und nicht die Berge find die eigentlichen Wohnstätten der Menschen, nicht in ihnen liegt der Mittelpunkt der Eultur und Bildung, nicht steigt vom Thale herauf, nicht vom Berge herunter der Geist, der die Menschen zusammenführt zu einträchtigem Schaffen und Wirken; nur in der Ebene, dem Sammelpunkte der Menschen, wo sie sich die Hände reichen,, um gemeinsam zu schaffen und zu wirken, wo alle auf gleichem Boden stehen, gleicher Gesinnung sind, gleiche Ziele und Zwecke verfolgen, kann das Heil den Menschen erwachsen, kann Bildung und Eultur gefördert werden. Und nicht die Leiden allein läutern den Menschen, nicht sie sollen den Menschen vorwärts bringen, ebensowenig wie allzu grobes Glück den Menschen beglßckt; sondern in der Ebene, im gewöhnlichen alltäglichen Leben sollen wir uns vorwärts arbeiten, die rechten Wege suchen und finden, wie sie ja auch im alltäglichen Leben leichter zu finden und zu wandeln sind. Wer tief im Thale wohnt, wer unglücklich ist, der erhebe sich, steige auf von seinem Thüle, richte sich auf von seinem Unglücke. Wer hoch auf Bergesgipfel wohnt, wer auf der Höhe des Glückes steht, der steige herab von seiner Höhe, „damit die Krümmung zur Ebene, die Höcker zum Thale werden." Der Unglückliche glaubt oft, er passe mit seiner trüben Stimmung nicht in das fröhliche Treiben der Menschen; der Glückliche meint oft, sich etwas zu vergeben, wenn er gleich den anderen Menschen sei, mit ihnen verkehre als ihresgleichen. Das werden Beide aber nur glauben, solange sie im Thale und auf dem Berge wohnen; anders aber werden sie denken,, wenn sie in die Ebene steigen, mit den Menschen leben und verkehren; da werden ihre zu geringen und zu hohen Ansichten schwinden und sie werden finden, daß die Ebene Alles ausgleicht. „Jedes Thal erhebe sich, jeder Berg und Hügel werde erniedrigt," also ergeht das Trostwon an Jerufchalajim. Jerusalem trauen mm schon mehr als 1800 Jahre.ob seines tiefen Falles, feines herben Geschickes. Bon seiner Höhe, von seiner Pracht und feinem Glanze herabgestürzt in die tiefste Tiefe, zn Schmach und Elend: die einstige Stadt der Herrlichkeit zu einem Trümmerhaufen umwandelt; seine Söhne; verbannt, umherwandernd von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, früher geächtet mtfc verfolgt und heute großentheils wohl ruhig und friedlich lebend, aber nicht mehr gedenkend des trauernden Jerufalenis, vergessend des Landes, das ihnen einst so reichlich feine Früchte spendete , sie frei und selbstständig machte. Tie Söhne unseres Volkes, die so lange Schmach und Elend und härtesten Druck erduldet, fühlen sich jetzt, wo ihnen ein glücklicheres Loos befchieden, wo ihnen gestattet ist, frei zu arhinen, wie die andern Menschen, auf Bergeshöhe versetzt, sehen stolz hinweg über Gegenden, wo doch auch Menschen, ihnen gleich, wohnen, sehen geringschätzig herab auf ihre Brüder, die in der Ebene weilen, weil sie nicht die Ziele verfolgen wie jene, weil sie vorgeblich Höheres erstreben, halten sich ihnen ferne, als ob die Bergeshöhe-,-die sie vermeintlich erstiegen, der einzige Wohnsitz der Menschen sein sollte, als ob nicht gerade die Ebene die eigentliche Wohnstätte bildet. Wenn das trauernde Jerusalem auf feine Kinder sieht, die Einen im Unglück, wenn auch fein gedenkend, die Andern im Glück, aber sein vergeltend, dann möchte es wohl sein Haupt verhüllen, vor Gram und Schmerz vergehen, wenn nicht der tröstende Zuspruch dessen, der ihm die Wunde geschlagen, es aufrichten würde, es aufrecht erhielte. Dereinst soll auch Deine Zeit wiederkommen, Jerusalem, wenn die Menschen aus den Thälern herauf, von den Bergen herniedersteigen und sich die versöhnende Hand reichen zu gemeinsamem Handeln, zu gleichen Zielen und Zwecken, und so eine Gleichstellung erzielt wird, die allein die Menschen vorwärtsbrmgt. Alle Unebenheiten nnd Krümmungen werden schwinden. Da wird es keine Thäler und Berge mehr geben, keine im Werthe Niedrigstehende und keine Höherstehende, keine, die um „Jahrhunderte" zurück, keine, die auf der „Höhe der Zerr" stehen. Es wird Geringschätzung und Ueberfchätzung schwinden, wenn man in der Ebene, dem Sammelpunkte der Menschen , sich einfindet und dort gemeinsam wirkt und schasst. Dann, Jerusalem, wird auch Dein Thal des Leidens ausgefüllr werden, wird cs fich erheben zur Ebene. (Schlnfi folgt)