Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 64 (12.8.1886)
- Date
- 1886-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449661--24811-2513958- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1107 Daß diese Worte des Propheten nur bildlich zu nehmen sind, ist Leicht ersichtlich. Denn für das so lange Zeit trauernde Jerusalem kann wohl darin kein Trost liegen, das; alle Berge geebnet, alle Thäler ausgcfüllt werden, und dadurch würde noch nicht offenbar die Herrlichkeit des Ewigen. Darum wollen wir in dem Bilde, das »ns und dem gebeugten Jeruschatajim ein Trost sein soll, das uns zum Verstäudniß zu bringen suchen, was es uns eigentlich zeigen und sagen will. „Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnet den Weg des Ewigen, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gotte." Durch Wüste und Steppe mußte einst unser Volk sich den Weg nach dem Lande seiner Verheißung suchen, mit großen Gefahren und Schwierigkeiten aller Art kämpfen, bis es dorthin kam, bis es in dm Besitz des wein- und honigreichen, w allen Bodcnerzeugnissen fruchtbaren und gesegneten Landes kam, das ihm zunl bleibenden Aufenthalte fiir alle Zeiten angewiesen—war—von dem Ewigen. Durch Wüste und Steppe haben auch wir uns wiederum, seitdem wir aus diesem herrlichen Lande vertrieben, den Weg dorthin zu bahnen. Wüst und öde ist für uns seit der Verbannung aus unserem Heimathlande, feit der Vernichtung des jüdischen Reiches durch die römischen Legionen vor 1800 Jahren, der Weg gewesen, den wir gewandelt. Unstät und flüchtig, wie der Wüstensohn, wie der Steppenbewohner, wauderten wir durch die verschiedmen Länder, bald da bald dort unsere Zelte auf üirze Zeit aufschlagend und wieder abbrechend. Vierzig Jahre wauderten einst unsere Väter durch Wüste und Steppe, sich den Weg bahnend, ebnend und suchend uach dem Lande, das der Ewige ihnen versprochen, und mehr als 1800 Jahre haben wir dm Weg dorthin verloren, haben wir verlernt, ihn zu finden. Wahrend des Wüstenzuges unserer Väter beschäftigten sich diese unter Leitung ihres Führers Moscheh, den 'n pi, den Weg des Ewigen sich zu bahnen, die Vfcoa die Straße für unfern Gott sich zu ebnen. Sie suchten den Weg des Ewigen zu bahnen, den nsai pi den Weg der Gottesgebote, denvpm pj den Weg derGottesgesetze, den es:ran yn, den Weg des göttlichen Rechts und dadurch die die Straße zu unserem Gotte zu ebnen. Durch Beobachtung der göttlichen Gebote und Satzungen, durch Handhaben des göttlichen Rechtes, durch dieses Hineinlebm in die einzelnen Wege, die Gott uns vorgezeichnct, fanden fie schließlich die Sttaße, die geebnet und gebahnt', klar und deutlich hinführt zu unserem Gotte. Das war ja hauptsächlich die Beschäftigung unserer Väter in der Wüste, daß sie sich in die am Sinai gegebene Lehre hineinlcbten, nach ihren Vorschriften ihr Denken und Handeln einrichtcten und durch diese 40jährige Vorbereitung befähigt waren, im eroberten Lande ganz nach dieser Gotteslehre zu leben. Und wir Wandrer in der Wüste und in der Steppe sollen in diesen unwirthlichen und ungastlichen Gegenden uns die Wege aufsuchen, die uns hiuführen zu Gottes Wegen, die uns die Straße finden lassen zu unserem Gotte. Wie ist das möglich? ,LedesThal erhebe sich, jeder Berg und Hügel senke sich." Das Wort r-'z „Thal" bezeichnet nicht ein Thal, das von grünen Wiesen bedeckt, von einem frisch und lebendig dahineilenden Bach durchflogen ist und so einen lieblichen, anmuthigen Anblick gewährt; sondern ein Thal des Schreckens, das öde und dürr, von Menschen nicht bewohnt, mehr ein Aufenthalt für wilde Thiere. Thäler und Berge sind Unebenheiten, sind durch die Schwierigkeiten, die sie bieten, wenig bewohnt. Sie sind nicht geeignet zum Anbau von Getreide und Früchten und lohnen die auf sie verwendete Mühe nur spärlich. Die Ebene allein ist die eigentliche Stätte, die des Menschen Fleiß belohnt und zum Wohnen einladet. Auch das Menschenleben bietet solche Unebenheiten. Da komvlen nicht blos große, weite, fruchtbare Ebenen vor, da gibts auch ungastliche Thäler, öde Berge. Wer auf einsamen Bergen, in öden Thälem wohnt, der schließt sich nicht nur von dem Verkehr der Menschen in ihrer Gesammtheit aus, er ist auch mit seinem Denken und Handeln isolirr, denkt und handelt einseitig, lebt nur sich und nicht auch der Welt. Das allgemeine Leben und Interesse geht ihm verloren. Wer tief im Thale lebt, im öden Thale, das ihm jede Aussicht abschneidet, der glaubt, sein Thal umschließe die ganze Welt. Wer hoch auf Bergeshöhen wohnt, er sieht in die unermeßliche Ferne, weit hinweg über Städte und Dörfer, und verliert den Maßftab für einen engeren, begrenzten Raum. Wer im Thale des Leidens wohnt, der sucht gerne die Einsamkeit auf, möchte sich gerne verbergen im enttegensten Winkel, um allein zu sein mit