Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 63 (9.8.1886)
- Date
- 1886-08-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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s 1009 Herrschers. Sie zogen alle Zugbrücken auf. fetzte» die Stadt tu Velagcruttgsznstand und verschlossen die Thore vor bcti Alömcrn. PompeplS machte noch einen Frlchcnsversuch, der aber mit Hohn zurückgewicsen wurde. Darauf wandte er sich dem einzig angreifbaren Theil der Stadt, dem nördlichen Abhang des Tempelberges zu. Nachdem hier die Römer unter fortwährendem Pfcilregen, der von den hohen Mauern herab doppelt verderblich wirkte, einen Damm über das steil abfallende Bcn-Hinnamth.'! zustande gebracht hatten, begannen sie mit aus Tyrus herbeigeschafften Kriegsmaschinen die eigentliche Belagerung. Drei Monate lang vertheidigte sich die jüdische Besatzung gegen die vielfach überlegenen Römer, und Pompejus erlangte schließlich nur dadurch deu Sieg, das; er sich die strenge Sabbatfcier der Juden zu Nutze machte. Da er nämlich gemerkt hatte, daß sic an ihren Sabbaten sich auf die persönliche Verthcidigung beschränkten, ließ er grade an diesen Tagen, ohne das Leben der Belagerten direkt anzugreifen, die Sturmböcke unaufhörlich arbeiten. So fiel denn die Tcmpelburg in die Hände der Römer als ein Opfer religiöser Sektiererei und engherziger Parteiinterepen am 9. Ab, jenem für die Juden schicksalsschweren Tage, der 133 Jahre später Tempel und Stadt in Trümmern sah. Pompejus besuchte den Tempel, betrat trotz des Widerspruches der Juden das Allcrheiligste, wohin sonst nur der Hohepriester am Versöhnungstage gekommen war, ließ aber den Tempelschatz unberührt. Dann machte er Hyrkan .zum Ethnarchen ohne Königstitel und beschränkte Judäa auf das Gebiet, welches es vor den Makkabäeru eingenommen hatte. Dies ist der Verlauf des ersten feindlichen Zusammenstoßes zwischen Juden und Römern. Aber ein Zusammenstoß anderer Art zwischen Judenthnm und Römerthum muß unsere Aufmerksamkeit erregen, der im Innern des römischen Feldherrn selbst, wenn er für geistige Regungen nicht stumpf war, bei Berührung mit einem für ihn ganz neuen Denkkreise Vorgehen mußte. Versuchen wir es, in gedrängten Zügen ein Bild der Eindrücke zu geben, welche das Judenthum auf Pompejus machte. Zun; ersten Male lernte er es während der Versammlung zu Damaskus kennen. Mußte es den stolzen, königsfeindlichen Römer nicht eigenthümlich anheimeln, wenn er nach fast 3jährigcn Aufenthalt unter den despotischen Staaten Asiens hier ein kleines Volk um Aufhebung der Königswürde bitten sah? Allerdings war bfc Frcihcitsliebe in Judäa aus andern x-adfargcflojien, als in Rom uud Griechenland. Wenn fie bei diesen Völkern ohne besondere Reflexion aus dem frischen, lebensvollen Selbstbewußtsetn des Volkes entsprang, gründete sie sich bei den Inden auf die Versenkung in Gottes Wesen nnd Walten, neben welchem ihnen Menschenherrschaft geringfügig und unwürdig erschien. Aber wir begrüßen ja grade die mit einem gewissen frohen Erstaunen, die. wir von uns unbekannten oder entgegengesetzten Gesichtspunkten zu unfern Ansichten gelangen sehen. Man muß annchmeu, daß Pompejus zum Verständnis; der zu schlichtenden Thronstreitigkeiten in die Meinungen der Pharisäer und Sadducäer eingeweiht wurde. Wie mögen wohl diese subtilen Auseinandersetzungen auf den Römer gewirkt haben, der gewohnt war mit frischer Thatenlust inZ Leben cinzugreifcn und in voller Lebensfreude zu genießen! Völker kampfend um Land, Freiheit, Ruhm waren dem stolzen Sohn der wcltbehcrrscheudcn Roma nichts Neues, aber zum erstenmale wohl — trat ilmi eine Nation entgegen, unversöhnlich entzweit über die Auffassung des göttlichen Wesens und die höchsten Hoffnungen der Menschheit. Theophrast, ein Schüler des Aristoteles, nennt die Juden staunend „ein Volk von Philosophen, das gewohnt ist sich fortwährend von der Gottheit zu unterhalten" (Porphyr, de abstinentia). Ahnte Pompejus etwas - Aehnliches? Während der dreimonatlichen Belagerung sah der römische Feldherr, wie löwenmuthigc Krieger thatcnlos die Schutzmauern ihres Lebens niederreißen ließen, um ein Gebot ihres Glaubens nicht zu übertreten. Welchen Eindruck diese warme, aufopferungsfähige Glaubensinnigkeit auf das Gemüth des Römers gemacht hat, können wir erst würdigen, wenn wir bedenken, daß damals schon alle Schichten der heidnischen Welt von sittlicher Fäuluiß durchfressen und von Zenos unglückseliger Skepsis regiert waren. Vielleicht regte sich in Pompejus der Gedanke, daß die sittliche Kraft jedes Glaubens von dem Maße der Wahrheit abhängt, das ihm inncwohnt. Achtung zum mindesten müpen ihm die sabbatfeiernden Krieger eingeflößt haben. Begleiten wir endlich den heidnischen Machthaber auf seinem Wege ins innerste. Heiligthum des jüdischen Tempels. In welchen Bildern mag er sich wohl die Gottheit der Juden vorgestellt haben? Als Zeus, die gewaltige Stirne in ernste Weisheitsfalten gezogen, als wilden Ares, als Venus mit herrlicher Schönheitsfülle, als Astarte mitfinnbcsirickender Begierde oder als Sphynr mit schrecklichen Räthsclzügen? Jetzt hat er den letzten Vorhang aufgehoben, er steht im Heiligthume Israels. Vergeblich sucht er eine der Gestalten, welche eben seinen Sinn beschäftigten. Er verläßt den