Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-04-29 · Heft 33-34 (29.4.1886) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 33-34 (29.4.1886)
Date
1886-04-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449633--24188-2513889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

--r-t-,.. . 576 und in aller Hast wurden Möbel, Kleider. Wäscht. Waaren und Hübseligkciten aus den Wohnhäusern geworfen und ms Freie gebracht, aber sogar diese vermeintlich in Sicherheit gebrachten Sachen wurden nur zu bald vom Feuer, dassich vom einem Punkte zum andern hinüberwarf, erreicht und vernichtet. In fünfzcbu Straßen wüthete das Element. Selbst in dem weit von der Stadt entfernten Bahurarwn blieben Wohnhäuser und das frühere Sranons-Gcbände der Tnisterbahn nicht verschont. Das Magistrals-Gebäude fammt Gemcmdekaye nnd fast säimntlickc Acten wurden verbrannt. Ebenso brannte die FUialc der Bank für Handel nnd Industrie ab. Tic Kirche,. Synagoge, die Volksschule, das Gymnasium, das Brauhaus Hervy's mit zehntausend Korctz Gerste sind zerstört. Die Lemberger, Trohobyczcr und Stanislauer Feuerwehr mühten sich vergeblich mit Löschversuchen ab; ans Entfernung von drei Meilen spürte man Rauch und sah man die Feuersäule. In den intact gebliebenen Theilcn der Stadt herrschte große Panique und fürchterlicher Jammer. Viele Bauern verübten Raub, cs entspann sich ein förmlicher Kampf zwischen Abbrändlern nnd den Strolchen. Zur Handhabung der Spritzen konnte Niemand herangezogen werden. Die Kaffe des Bezirksgerichtes wurde gerettet. Auf dem Friedhofe züngelten die Flammen von hölzernen Grabkreuzen auf. Den ganzen gestrigen Tag dauerte der Brand fort, nnd die Abbrändler litten Hunger, da keine Lebensmittel vorhanden waren; auf dem Staatsbahnhofc war ein unbeschreibliches Gedränge. Die Lemberger. Geschäftswelt erleidet große Verluste. Ganze Transporte von Abgebrannten treffen in fürchterlichem Zustande in Lemberg ein. — Mittags. Die Lemberger Feuerwehr ist in Stry noch immer mit Löschen vollauf beschäftigt. Die Laudtafel des Gerichtes ist gerettet, ebenso die Barbestände der Steuerkaffe, der Sparkasse und des Vorschußverems. Das städtische Easino ist abgebrannt, auch die Montur- und Ledervorräthe des Landwehrbataillons. Die Waffendepöts wurden gerettet. Mehrere hundert angesehene Handelsleute sollen vollständig ruinirt sein? Der Schaden wird ans vier Millionen Gnldcn beziffert. Vierzig Personen sind in den Flammen zu Grunde gegangen, sehr viele verwundet. Leute, die von Stry hierher zurnckkchren, berichten, man stoße in der Stadt auf verkohlte Leich-, namc; Weiber und Kinder sind aller Kleidung entblößt, nnd leider ist jetzt kalte Witterung eingeirctcii. : - Lembergs 20. April. Die nach und nach eiulanfendca demillttten Brrichtc aus der UnglLcksftadt Stry thnrr dar, daß die kurzen telegraphischen Meldungen, so schauerlich sie klangen, noch hinter der schrecklichen Wirklichkeit znruckblieben. Heute wird nach genauerer Uebersicht der Schaden mit 5 Millionen beziffert. Die Anzahl der nicdcrgcbranntcn Gebäude wird setzt auf 1000 berechnet, darunter 600 bewohnte Häuser, der Rest Villen, Scheunen und Lagerräume. Vou bedentcndercu Firmen sind Lechrcki und Klosterkiewwzf, Nusscnblatt, Waldmann, Liebermann, Schönfeld, Gärtner, Horowitz, Szydlowski, Brecher, Mager völlig zu Grunde gerichtet: auch sind sämmttiche Hotels ciugcäschcrt: ebenso die große Eifenhandlung von Schlosser, die Salzlager von Münz, Stern's Bier- Halle, die Großhandlungen Ballaban und Apfelgrün. Die feuerfesten Kaffen hielten in der ungeheuren Gluth nicht Stand, die Kalten schmolzen und die Werthpapiere verbrannten. Die Kalte des Steueramtcs mit dem Inhalte von über einer halben Million wurde gerettet, ebenso die Kasse des Bezirksausschusses. Unter Schutt und Trümmern werden immer neue Leichen gefunden. So stieß man auf den verkohlten Leichnam der Offizierstochter Therese Braun. Die Unglückliche war schon aus der Wohnung geflüchtet, kehrte aber noch zurück, um ein Klech zu retten. Die Unglückliche verbrannte. Ferner verbrannten zwei Dienstboten des pensiomrten Bezirkshaupmanns Lewicki nnd der Dienstbote eines Gcrichtsmanipulanten. In der Getrcidegaffe und in der Synagoge, in welche viele geflüchtet waren, fand man viele Kinderschädel. In «der Handlung des Goldarbeiters Herschdorfer verbrannte ein unbekannter Mensch. Sehr viele Leichen wurden in den Straßengräben gefunden. Reiche Leute sind zu Bettlern geworden, die buchstäblich kein Brod zn essen haben. Eine Frau, welche 60,000 fl. Baargeld besessen, meldete sich beimHilscomite, um Unterstützung flehend, da sie Alles verloren. Ein Trafikant, welcher am Vorabende der Fcuersbrunst Tabaknnd Stempelvorräthe für 15,000 fl. erhielt, verlor ebenfalls Alles. Als das Feuer ausbrach, eilten Viele in die römisch-katholische Kirche, wohin sie auch Alles schleppten, was sie noch retten konnten. Die Kirche selbst ist mit allen darin anfgehäuften Habseligkeiten ein Raub der Flammen geworden, nur die nackten Mauern ragen in die Höhe. Die Feuerwehren, die Gendamcnc, Offiziere lind Soldaten arbeiteten nur größter Aufopferung. aber Alles war vergebens, ilulfi* den zallvseu Verwundeten befindet sich auch der Pfarrer Ehominsli, welcher persönlich die Kirchenbücher in Sicherheit brachte. Unbegreiflich er* '(MT Vy»r>icU..nnw>y ~

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.