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Der Israelit · 1886-04-19 · Heft 31-32 (19.4.1886) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 31-32 (19.4.1886)
Date
1886-04-19
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Tristan kopNchüLLelnd, inbcrn er furchtsam aumtg, sich der Thür zu nähmr. BLrftld hatte sich mühsam wieder gefaßt. „Entschnkdigm Sie meine Aufregung" sagte er, „ich bin etwas nervös." „Das Hab' ich gemerkt," sagte Tristan Jtzigsohn. - „Fragen Sie, was Sie von mir zu wissen wünschen, ich werde Ihnen antworten." „Ucber den Vater brauch' ich Nix zu fragen,"' sagte Tristan Jtzigsohn, „sie kriegt mit 100,000 M., die hat er schon stehen baar beim Banquier." „Also, Sie wünschen?" brachte der Andere mit Mühe hervor. „Was is es für e Mädche?" sagte Tristan Jtzigsohn, „man wM doch nit gern umsonst die große Reis thun. Is sic nit lahm und mt blind, uu nit buckelig?" ' Bärfeld war auf das Tieffte empört, so von der Geliebten sprechen zu hören; doch er bezwang sich und sagte ruhig: Kerns von all' dem." „Ist im Kopp auch Alles in Ordnung?" fragte Jener weiter. „Alles," seufzte der Doctor. „Entschuldigen Sie," fragte Tristan Jtzigsohn weiter, „Sie sagen das, als ob es e Unglück wär?" „Wünschen Sie sonst noch etwas?" „Nein,- es is gut!" sagte Tristan Jtzigsohn, indem er aufstand, „ich danke!" Dem Doctor schwirrte der Kopf, Tristan knöpfte seinen Mantel zu. Sie und dieser Mensch! Titania und der Esel. Es war unmöglich, unmöglich! Und doch würde es vielleicht so werden. Konnte er doch nicht wissen, ob sie, als gehorsame Tochter nicht gehorchte. Und daß sie ihn Liebte, durfte er nicht Hollen. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. Er mußte erfahren, ob dieser Mensch ihre schwärmerischen, idealen Ansichten über das Judenthum und specicll über das orthodoxe Judenthum Lheile. „Herr Jtzigsohn!" rief er. Dieser war schon außerhalb der Thür und zog eben die Handschuhe, die er während des Besuches angehabt hatte, wieder aus. „Sie wünschen?" „Ich möchte auch an Sie eine Frage richten." „Zu Gegendiensten stets bereit," sagte Tristan Jtzigsohn mit verbindlichem Lächeln. „Sind Sic fromm?" fragte der Doctor. Der Gefragte sah ihn groß an. „Fromm, Herr Doctor," sagte er dann gedehnt, „wie heißt fromm?" „Ob Sie Alles halten, was das jüdische Gesetz vorschrcibt, ob — mit zitternder Stimme sagte er das — ob Sie lieber Hungers stürben,^ als daß Sie den Sabbat entweihten?" „Sterben? Hungers sterben?" sagte Tristan Jtzigsohn. Ter Gedanke war ihm offenbar nnangenehm; er suchte davon losznkommen. .Lieber Herr Doctor," sagte er, „was beschäftigen wir uns mit so unerquickliche Thema's?" .Ich möcht's gern wissen!" sagte der Doctor dumpf. „Mein Gott," antwortete Tristan Jtzigsohn und wiegte das schwarzhaarige Köpfchen auf den schiefen Schultern, „das Lebe vergleich' ich zu einem Geschäft; bald muß mer einem epes aufschwätze, bald muß mer's ihm abschwätze, bald geht mer , ä la hausse, bald ä la baisse, für’« eilte sind wir noch fromm;" und Tristan Jtzigsohn lächelte. „Den Laden haben wir zu, aber hintenherum wird verkauft." Der Doctor stand wie von einem Donnerschlag gerührt. Wovon er sich nur losreißen konnte mit unsäglichen Qualen, ein Riß, der ihn bis m sein Innerstes gespalten, der ihm sein ganzes Glück, ja semLcben gekostet, diescrMcnfch warf cs fort, wie man. einen -Eigarrcnstümmel fortwirst, wo man nicht rauchen darf. ' - „Herr," schrie er, „Sie werden Recha Gold-- stein nicht heimführcn." „Entschuldigen Sie, Herr Doctor, wenn ich widersprech', sie is mir so gut.wie sicher," sagte Tristan Jtzigsohn. - Der Geduldfaden des Doktors war'jäh entzwei gerissen; indem er sich selbst nicht mehr kannte, ries er: „Sic sind, ein charakterloser, elender, nichtswürdiger Schurke!" . - ' Tristan Jtzigsohn war aufgestanden. „Herr Doktor", sagte er, „nehmen Sie sich in Acht, sonst beleidigen Sie mich!" Der Doktor war von dieser Gegenrede sehr verblüfft. „E ganz meschugencr Mensch" flüsterte Tristan vor sich hin, „warum schimpft er mich denn, ich Hab' doch gar nix Böses gcthan?" „Hinaus!" ries plötzlich der Doktor. „Entschuldigen Sie, Herr Doktor," sagte Tristan Jtzigsohn, „Hinaus!" rief der Doktor wiedcr'heftiger, „oder ich vergreife mich an Ihnen." Das Letztere wirkte. Tristan ging eiligen Schrittes hinaus und machte die Thür hinter sich?.u. Dann blieb er stehen, und als er sich überzeugt, daß der Doktor ihn nicht verfolgte, öffnete cv die Thlirr wieder ein

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