Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 31-32 (19.4.1886)
- Date
- 1886-04-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Gleich jenem „Niemals' von vorhin erschütterte -dieses „Es sei"' sein ganzes Ncrverrsmlcm; „Recha!" stöhnte er, und das Wort klang, als ob ein Sterbender sein Vermächtnis; dittire, „Recha!" dann sank er vor scimm Berte nieder und vergrub den schweren Mopr in die Stiften. — Recha ist die Tochter des reichen Händlers Ahron Goldstein; dieser, mit Moses Därfeld von seiner Jugend her befreundet, harte den Studenten oft zu sich geladen, und der junge Bärfeld harre eine tiefe, doch wie ihm schien, ganz hoffnungslose Leidenschaft rür Goldsterns einziges Kind gefaßt. Jetzt stieg das schöne, stets fröhliche Mädchen wieder vor dem geistigen Auge des Unglücklichen auf; das lange braune Locken-Haar, das sonst oft ihr frisches Gesicht nmlagerte, schien zurückgcworfen, so daß das tiefe, scclcnvoüc Auge nnbcschattet auf ihm ruhte. Ihre Lippen schienen sich zu bewegen, er reckte den Kopf ein wenig in die Höhe, wie nm zu forschen. Was sprach sic? Er hatte diese Worte schon so oft von ihr gehört, doch niemals hatten sie ihn so ergriffen wie jetzt, da die Erinnerung sie nachflüsterte. „Der liebe, gute Gott, der schon fo oft geholfen, wird wieder helfen," hatte sie gesagt. In seiner Aufregung hatte Bärfeld überhört, daß draußen geschellt wurde; auch die schlürfende» Schritte der Wirthin, die öffnete, waren nicht bis an sein Ohr gedrungen. „Win, mein Kind," schrie er jetzt, „daß Dein lieber, guter Gott helfen kann, das glaube ich; daß er aber nicht helfen wird, das weiß ich; es gibt keine Wunder mehr!" „Ter Herr Doctor sprechen so laut im Dunkeln, der Herr Doctor sind wohl nicht allein?" sagte eine Stimme, der man auf zehn Schritt den Courszettel anhörte. Bärfeld blickte wie geistesabwesend zu dem Sprecher ans. Dieser war ein junger Mann von etwa 28 Jahren. Die schmächtige Statur hüllte ein großer Mantel von feinstem Tuche, der osten-, bar einmal gehofft hatte, einen schöneren Körper zu schmücken. Es war ein Gelcgcnhcitskauf gewesen. Außer dem gekrümmten Rücken und der schlotterigen Haltung war an dem Achtundzwanzigjährigen Nichts anszuseizeil; aus seiner Suteutasche lugte sogar ein blau und rothes Seiden-Taschentuch hervor. ,.Ich bie Ehre," fing er jetzt im Discout wieder au nnd bann seine Stimme zum Gemurmel herabsiuken lassend: „ich heiße Tristan Itzigsohn." „Ich auch," cntgegnctc der Doctor, dem ofsenbar der letzte Passus entgangen sein mußte. „Sie heißen auch Tristau Itzigsohn?" fragte Jener verwunderl. Der Doctor wollte «Mahren, da er nicht Zum Scherzen aufgelegt war; doch das Komische der Erscheinung besiegte seinen Unmuth; matt lächelnd sagte er: „Ich habe auch die Ehre, wollte ich sagen, imb nun. was fehlt Ihnen?" „Mir fehlen? Gott soll hüten!" sagte Tristan Itzigsohn entsetzt. „Unbeschrieu und unberufen bin ich ganz gesund und munter." „Das freut mich," sagte der Doctor gepreßt. „Mich auch," sagte Tristan Itzigsohn. : Es entstand eine Pause. Dem Doctor ward das Schweigen unheimlich. „Wieso kommen Sie zu dem sonderbare» Namen Tristau bei Itzigsohn?" fragte er.. „Sonderbar, Herr Doctor? Wieso sonderbar? Eigentlich heiß' ich mit deur Vornamen Jehude, aber Tristan ist-doch viel schöner." „Viel schöner!" sagte der Doctor trocken. „Js cs vielleicht mt viel schöner?" fuhr Jtzigsohn auf. Was is Jehude? Jchude is nix. Tristan is sein, is nobel, is stylvoll. Js es vielleicht nit stylvoll? Jchude Itzigsohn ist altmodisch, Tristan Itzigsohn is stylvoll!" Dem Doctor in seiner kritischen Lage, fing der schaale Gast an, unangenehm zu werden. —„Was wünschen Sie von mir?" fragte er kurz. „Was soll ich mich geniren, Herr Doctor?" sagte Tristan, „heraus muß es doch, also werd* ich mich uir geniren; ich will e Auskunft. „Gern zu Diensten!" entgegnetc. der Doctor. „Sie haben studirt in München?" „Ja." „Wie lang haben Sie studirt in München?" „Zwei Jahre." „Dann kennen Sie vielleicht eine Familie Goldstern." „Goldstein?" ries Bärfeld auffahrend. „Goldstein!" entgegnete Tristan Itzigsohn, „Ahron Goldstein." Der Doctor nickte stumm in großer Erregung. „Er hat eine Tochter" frchr Itzigsohn fort, „benamst Recha." „Was ist mit ihr?" stieß der Doctor hervor. „E komischer Mensch," dachte. Tristan, „schreit wie e Rezeach."*) „Was mit ihr ist?" sagte er dann. „Was soll mit ihr sein? Nix is mit ihr. ich soll sie heirathen." „Heirathen?" schrie Bärfeld, diesmal so laut, daß Tristan Itzigsohn in seinen Grundfesten erbebte. „Heirathen?" „Der Mensch iS e bische besucht," *+> sagte *) Miildrr. Närrisch.