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Der Israelit · 1886-04-08 · Heft 28 (8.4.1886) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 28 (8.4.1886)
Date
1886-04-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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594 Juden verschlossen sein soll oder daß zum mindesten bei einer Eoncurrenz nichtjüdischer und jüdischer Aspiranten der Nichtjude berücksichtigt werde. Wem fäLt bei dieser hehren Auffassung des wiffeuschaftlichen Wettstreites nicht das Dichterwort von der Wissenschaft ein: „Einem ist sic die hohe, die himmlische Göttin, dem Andern — Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt"? Herr Türk, das ist sicher, denkt an die tüchtige Kuh, und seine Sorge ist nur, daß außer ihm und seinesgleichen Keiner sie melken dürfe. Die Luttcrknh mit ausschließlicher Melkbefngniß ist das Ideal der Antisemiten auf dem wissenschaftlichen wie auf jedem andern Gebiete; gegen die Juden aber soll das System der Aushrmgerung in Anwendung gebracht werden. Wendet sich der Jude dem Handel zu, dann zetern die Antisemiten über Ausbeutung; wendet er sich der Börse zu, dann soll diese durch die Börsensteuer ruinirt werden; nährt er sich künnncrlich als Hausircr, dann fordert man Beschränkung oder Verbot des Hausirhandels zum Schutze des christlichen Handeltreibenden; wird der Jude Gewerbetreibender, dann sollen neue Gewerbe- Ordnungen diese Eoncurrenz unmöglich machen; kauft er Landgüter, dann sangt er das Land aus; wird er Bauer, dann entzieht er dem „autochthonen Arier" den väterlichen Loden; greift er zur Feder, dann ist er der „corruptc Preßjude"; wählt er endlich einen gelehrten Beruf, dann soll eine Schutzzoll- Linie gegen die wiffenschaftliche Eoncurrenz errichtet werde». Ist das nicht ein complettes System der Aushungerung? Vor zwanzig Jahren hätte Jederinan noch solche Aeußerungcn für Delirien eines Fieberkranken gehalten, hellte wagen sie sich im Parlament an das volle Tageslicht, Wahnwitz ist ein Parteiprogramm. Wien, 2. April. (Abgeordnetenhaus.) Abg. Dr. Beer: Es hat gestern dem Abg. Türk gefallen, folgende Bemerkung z» machen: „Ein Professor Spitzer, der ein Jude ist, hat sich nicht entblödet, dem „Lotto- Mathematiker Orlicc in Berlin ein Attest ausznstcllen, daß er wirklich ein Mittel gefunden habe, um Gewinne unfehlbar zu erzielen." Ich wollte mich gestern zum Worte melden, um dem Hanfe mitzuthcilcn, daß ich nach dem mir bekannten integren Eharakter des Professors Spitzer dies für nicht glaubhaft halte. Ich bin heute in der Lage, dies thatsächlich zu berichtigen, indem ich mir vom Herrn Präsidenten die Erlaubnis; erbitte, ein paar an mich gerichteten Zeilen des Herrn Professors Spitzer zu verlesen. Derselbe schreibt: „Da diese Aenftcrung im Znsammenhange mit den Wiener Hochschulen vorgebracht wurde, tmif; ich sic ans mcfttc Person beziehen, und demgemäß erkläre ich, daß ich dm Lottoschwindler Orlice nicht kenne, mit ihm nie weder in einem persönlichen, noch in tiHcrn schriftlichen Verkehre gestanden nud ihm keinerlei Attest, Zargmß oder Gutachten ausgestellt habe. (Hört! Hört!) Demuach stellt sich die Aenßerung des Herrn Abgeordneten Türk über meine Person als eine Verleumdung dar." Ich habe diesen Worten nichts bcizusögcn, als den Wunsch auszusprechen, daß, wenn rs dem Herrn Abgeordneten wieder gefallen sollte, im Hause Thatsachen vorzubringen, er sich in Zukunft erst genau insormircn möge, ehe er gegen Persönlichkeiten. deren Autorität und Ehre hier allgemein bekannt sind, unbegründete Beschuldigungen schleudert. (Allfeirige Zustimmung.) Abg. Türk (zu einer thatsachlichen Berichtigung): Tie Handlungsweise des Proscstors Spitzer wurde seinerzeit durch einen Collegm des Abg. Beer gekennzeichnet, und das Inserat, in welchem das Vertranenszeugmß des Professor Spitzer enthalten war, war einige Zeit im „Neuen Wiener Tagblatt" enthalten. Die betreffenden Nummern habe ich nicht zur Hand, allein ich werde vielleicht einige derselben erhalte» und dem Herrn Professor Beer thatsächlich berichtigen können, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Abg. Dr. Beer: Ich glaube, daß das keine thatsächliche Berichtigung ist. Ich habe hier euren Brief des Profepors Spitzer verlesen, der in bestimmter, peremptorischer Weise erklärt, daß er den betreffenden Herrn gar nicht kennt, daß er mrit ihm in keiner Verbindung stand und kein Attest ausgestellt habe. Der Hinweis darauf, daß im „Neuen Wiener Tagblatt" eine Annonce gestanden fft, ist keine thatsächliche Berichtigung. Ich glaube, es ist Aufgabe eines jeden Abgeordneten, bevor er auf derartige Schriftstücke hinwcist, sich erst genaue Kenntniß in den betreffenden Kreisen zu verschaffen. Ich werde ihm sehr dankbar sein, wenn er mir ein derartiges Schriftstück beibringt. Herr Professor Spitzer hat wohl sehr viel über Wahrscheinlichkeits-Berechnnngen geschrieben, und es ist sehr leicht möglich, daß Orlicc den Namen Spitzels mißbraucht hat, aber das ist feilt Attest. (Abg. Türk, der sich vor den Redner postirt hatte, lacht höhnisch.) - Abg. Dr. Eduard Sueß ruft: Es soll um Verzeihung bitten und nicht lachen und nicht höhnen! Wenn man Jemand beleidigt, hat man um Verzeihung zu bitten. (Zustimmung und rufe links: Das ist schmachvoll! Schande! Das sind ihre Waffen!)

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