Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 27 (5.4.1886)
- Date
- 1886-04-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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2L5>viL3a|rf£sg. EsLULSe. Lertevöer MrtitcL Amerikanische Wriefe. □ New-Iork, 17. März. Der Stoff zum Correspondiren ist jetzt ein schr magerer; La muß ich denn wieder einmal über Land und Leute schreiben, muß dem lieben Leser in der alten Wett einige Bilder aus dem bunten Leben und Treiben der großen Metropole vor Augen fuhren. Es find gar sonderbare Gestalten, die dem Beobachter' in einer Stadt wie New-Iork Stoff zu Betrachtungen bieten; einige haben mir schon früher zum Ausgangspunkte meiner Briefe gedient, heute will ich Fortsetzung halten. Wenn ich wiederum zuerst eine Figur aus dem sogenannten jüdischen Viertel schildere, so kann ich dies nicht unternehmen, ohne den werchen Leser zu bitten, das Bild, das ich stizzire, ja nicht etwa als den Ausfluß einer Phantasie aufzunehmen; die Wirklichkett ist es, welcher diese Schilderung entspringt, und ohne Etwas hinzuzusetzen oder wegzulapen, führe ich den jungen Helden vor das Publikum. In einem kleinen Städtchen des großen russischen Reiches, unweit der bekannten Stadt Kowno, ftand die Wiege des jungen Mannes, von dem ich spreche; die Furcht vor dem Eintritt in das Milttär war es, welche den schwachen Jüngling veranlaßte, den heimathlichen Staub von den Füßen zu schütteln und dahin zu ziehen, wo die Knute und der Schießprügel ebenso unbekannt, wie die angenehme Luft des sibirischen Landes sind. Wie ein armer russischer Junge hier landet, welche Subsidien er mit sich bringt, kann sich der liebe Leser denken, llnser Held hatte nicht mehr als alle Leidensgefährten; das Hemd und den zerfetzten Anzug auf dem Leibe, ein Paquetchen, das Tallis und Tefillin enthielt, in der Hand war der Schatz, mit dem er vor 2 Jahren den Boden des Landes bettat. Der tölpelhafte Junge probirte Manches um sein Leben zu fristen, allein trotz der Unterstützung feiner Landsleute konnte er keinen richtigen Nahrungszweig finden. Da griff er denn zn dem Aushülfemittel, bei dem jede kaufmännische oder fachmännische Bildung überflüssig ist, zu einem Handelsartikel, der dem sich bannt Beschäftigenden in Bezug auf Absatz, Lager und dergl. durchaus keine Schwierigkeiten bereitet — zu dem Handel mit Zündhölzern. Mit 50 Cents Betriebskapital gründete er das Geschäft und vom frühen Morgen dis zum späteu Abend zieht er von Haus zu Haus, um seiue Waaren abzusetzeu; wenn das Geschäft nicht allzu einträglich ist, so bringt es doch so viel, daß der Junge sich ernähren kann und dabei immer ein „freier, selbstständiger" Mann bleibt. So zieht der Junge schon zwei Jahre, in der Stadt umher, und Dank seinem Fleiße hatte er sich schon manchen Cent erspart. Neben dem Gedanken an feinen himmlischen Vater gibt es nur noch eine Sorge, die sein Gehirn bedrückt, es ist nämlich der Wunsch, einen Bruder aus der fernen Heimath zu holen und ihn der Segnung des freien Landes mittheilhaftig werden zu lasten. Nachdem er ein Jahr hier war, hatte er so viel gespart, um ihm einen Schiffsschein kaufen zu können, den er alsbald nach der Heimach sandte. Statt nun diese Großherzigkeit des armen Jungen zu würdigen, unternimmt es die grausame, kalte Seele, im fernen Gouvernement das Billet zu verkaufen und auch ferner den sorgenden Bruder allein zu lassen. Doch das Gefühl des Bruders in Amerika ist durch diesen Vorfall nicht abgekühlt worden. Wiederum spart er täglich einige Cents, bis ihm wieder eine Anzahl' Dollars die Taschen erschweren, und wiederum tritt er in das Comptoir, wo er das erste Billet gekauft hatte, und wo mau den Jüngling noch kennt. Auf die Frage nachseinem Wunsche, erklärte er, daß er heute einen halben 30 er habe; er habe wieder so viel Geld beisammen, um seinem Bruder einen Schiffsschein zu schicken. Natürlich riech man dem armen Jungen ^dessen Geschichte man kannte, ab; allein es hilft kein Reden. „Ich bin ein einfacher Mensch, der nichts als ein bischen zu handeln versteht", sprach er, „mein Bruder ist wohl erst 18 Jahre, er ist ein großer pö>, hat schon 500 Blatt Nnsj gelernt und wenn er hier ist, kann er jeden Tag zwischen 7VU2 und 2-ipv Etwas mit mir lernen; während des Tags kann er auch Etwas verdienen." Solche Gcftchle sind es, die den armen edlen Jungen beseelen und die ihm die größte Undankbarkeit seines Bruders vergessen lassen. Das religiöse Gefühl, das in dem Jungen steckt, in Verbindung mit dem der brüderlichen Liebe lassen ihn alle Unbilden vergessen, lassen ihn alle Entbehrungen tragen, nur um das eine Ziel zu erreichen. Kann man sich unter einer solcher! Erscheinung ein solches Gernüth denkend Kann man glauben, daß sich unter * f;