Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-04-01 · Heft 26 (1.4.1886) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 26 (1.4.1886)
Date
1886-04-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449627--24038-2513733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

■454 in allen Landern zerstreute Gemeinde Jakobs. Aber nicht allein, wo es sich um große principielle Gegensätze handelte, sondern nur zn oft brachen um der geringfügigsten Dinge willen Zwiftigkeiren aus, die sich zu Haß und Feindschaft gestatteten, die manchmal einen großen Therl der Jndenheil ergriffen, am häufigsten aber innerhalb der einzelnen Gemeinden die traurigste Zerrüttung hcrvorbrachten. Ach, es ist beute noch nicht bester geworden. Der Haß und die Zwietracht lodern in hellen Flammen empor. Nicht genug, daß wir Feinde ringsum haben, befeinden wir uns selbst untereinander und verbittern uns gegenseitig das Leben vielfach um der geringfügigsten Ursache willen! Vor etwa hundert Jahren blühte das Talmudftndium unter den deutschen Inden wie vielleicht nie zuvor. Eine tiefe, aufrichtige Frömmigkeit zeichnete die großen und kleinen Gemeinden Deutschlands aus. In allen Städten, in denen Juden wohnten, befanden sich Ieschiboth, wohin die lernbegierigen Jünglinge aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes strömten: in Prag, in Fürth, in Frankfurt a. M., in Mainz, in Worms, in Mannheim, in Carlsruhe, in Berlin, in Breslau, in Frankfurt a. d. O., in Halberstadt, und in unzähligen kleineren Orien. Da brach unheilvoller Streit aus, desten Spitze sich gegen den großen Rabbi Jonathan Eibeschütz richtete. Die Vertreter der Gotteslehre befehdeten und bekämpften einander und fetzten sich gegenseitig herunter. Was dieser Streit geschadet hat, wie er dazu bcigetragcn, die Jugend dem Thoraftndinm zu entziehen, die Bande der Gottesfurcht zn lockern, das läßt sillgar nicht beschreiben. Wir hatten noch Gelegenheit von Zeitgenossen, die jene Zwistigkeiten mirerlebt, darüber sprechen zu hören. Wir wollen von den Streitigkeiten nicht reden, welche durch die sogenannte Reförmbeftrebnng hervorgcrufcn worden. Daß aber auch unter den frommen, gläubigen Israeliten vielfach Streit und Hader vorherrschen, das ist tief zu beklagen n^rt rora bp n:n das verlängert die Rächt des Galulh. Eine andere Ursache, welche die Erlösung verhindert, tst die Habsucht, Unsere Väter in Aegnplcii hielten sich frei von dieser bösen Leidenschaft; selbst die ihnen znkommmde Vente wollten sie anfangs uciirfiimiljrit, so daß Mostbeh auf Gottes Befehl das Volk erst bmimi bitten mußte hj ru'fa n4< m |’n 'u oyn *3wa (2. V. Ri. E. ll. V. 2.) Auch von mtfrcti Vorcttetu (it der babnlonischcn Gesangenschast bezeilgt die lffilige Schrift dt ns t*b rra,. bnfi sie die ihnen znkommrnde Beute verslliinählcil lEstinr E. n. V. m. 15 titib 1 <J). Die Hadsnllit ist nur dazu geeignet. das Leben des Menschen zu verbittern. Sie raubt ihm den Schlaf, verscheucht jede Freude und bat tausend Unannehmlichkeiten und Gefahren in ihrem Gefolge. Sie läßt die Grenze zwischen Recht und Unrecht verkennen, und führt ans die abschüssige Bahn der Unredlichkeit. Sie verstockt den Sinn und verbittert das Herz. Niemand erregt so sehr den Haß und die Verachtung der Mittnenschen wie der Habsüchtige. - : t.*id nm nb'bn mpr isar rfcn» us* rn^rt boaz? Eine dritte Ursache, welche die Erlösung zurückhält, ist die Genußsucht. Von unsre» Voreltern in Mizrajim bezeugt uns die heilige Schrift, daß sie von! Pfade der Tugend und Sittlichkeit nicht abgewichen. Unter allen Frauen und Töchter Israels gab es nur eine, die ein außereheliches Kind geboren hatte. Gott selbst bezeugt die Reinheit des jüdischen Familienlebens. (Vergleiche Nascht zu 4. B. M.E.26. B. 5.)_ Von den nach Babel Vertriebenen erfahren wir, daß selbst die an de» Hof des Königs berufenen jüdischen Jünglinge sich nicht an den Speisen der königlichen Tafel verunreinigten, sondern sich mir der einfachsten Kost begnügten, um die jüdischen Spersegesetze nicht zu verletzen. Wie traurig sind im Vergleiche damit die Zustände der Gegenwart: Schon die Kinder werden znr Genußsucht erzogen, durch den Besuch von Theater. Circus, Bällen und dergleichen, werden die Sinne gereizt. Was soll aus diesen Kinder» werden, wenn sie erwachsen sind?. Immer neueRcizmfttelwerden von ihnen aufgesucht, um von Genuß zn Genuß zn taumeln. So sucht der Satte den Appetit dadurch neu zu beleben, daß er die Speisen in piquante Saucen tunkt, 2p3 'b'ztt p»3co w r» rnWn Vaac? O’cys tii7 ntn niPn nnx/ Ein vierter Fehler unsres Zeitalters , ist die Bequemlichkeit. Die strengen Gesetze des Jndenthums sind oft unbequem. Es ist ja viel leichter, das hinmilische Joch abznschütteln, als es rüstig dnrch's Leben zn tragen. Der Bequemlichkeit werden vielfach die Sabbatgesetze, die Speisegefctze. die Vorschriften der ehelichen Reinheit geopfert. ES ist so unbequem, durch den Sabbat und durch die Feiertage ln der gewohnten Lebensweise und Beschästigung unterbrochen zn werden; es ist fo unbequem, ans Reisen die jüdischen Restaurationen anszninchen, oder gar der warmen Kost zu entbehren; es ist so unbequem, einen ganzen Tag fastend zn verbringen, die Synagoge zu besuchen, täglich dreinull zn beten rc. Dazu geseilt sich der Stolz, weicher die Ergebnisse.tzes eigenen Nachdenkens höher stellt als die geostenbartr Weisheit des nttweisrn Gottes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.