Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 25 (29.3.1886)
- Date
- 1886-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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„Wie. . . . . . . u. s. w. so steift sich der .orthodoxe Jude ans de» göttliche» Gerichtstag zn Neujahr, an. dem die schwarzen und die heiteren Loose gezogen werden, legt er dem Kaddischgcbet und der Jahrzeitfeicr eine erlösende Wirksamkeit für die Heimgegangenen bei, ist er überzeugt von deui Vorhandensein und dem schädlichen Einflüsse des Satans als Ankläger, den die Orthodoxie bald durch vermehrtes Schosarblascn, bald durch Unterlassung desselben verwirren, in der Zcitberechnnng irre machen zu können glaubte. damit er den Neujahrstcrmin versäume." - Da habt ihr's, Herr Emil Lehmann beweist cs euch handgreiflich, was eigentlich das orthodoxe Judenthum sei, ein Eonglvmerat abergläubischer, dummer Bräuche, cs wirkt verdummend, ist ein "Schandflcck^für^lmserc Zeit, und muß daher bekämpft werden. Mau könnte diesen Angriff sehr ernst nehmen, wenn er nicht derartig wäre, daß gerade Herr Emil Lehmann sich durch denselben die bedenklichsten Blößen gegeben hatte. Wer vom Roschhaschanaiage, und thäte er es auch nur um feine Worte an einen großen Dichter anzulehnenspricht als von einem Tage, an dem die heiteren und die schwarzen Loose geworfen werden, ihm also gleichsam als den Tag hinstcllt, welcher einem blinden Fatum angehört; wer das Kaddischgcbet als eine Art Seelenmeffe hinzustellen sucht und nicht das tief sittliche und erziehliche Moment erkennt, das in dem Begehen des Trauerjahres nnd Gedenktages dnrch Kaddisch liegt; wer eine allegorische Wendung, deren sich ein Rabbiner des Talmud bei einer Betrachtung über das Schosarblascn bedient, als ein Dogma ansieht, das als Glaubensartikel für die Orthodoxie unerläßlich sei: der hat im günstigsten Falle überhaupt kein Verständnis; für das Jndenihmn nnd damit gar keine Berechtigung zn einem Urtbcil über dasselbe. Können wir diesem Angriff gegenüber dem Herrn .Kritikus den Mildernngsgrund der Unwissenheit znbilligen, so ist dies bei den andern Ans» fällen, die er sich erlaubt, nicht möglich. „Dem heutzutage ans orthodox-christlichem Boden tonangebenden Strebern gleicht die jüdische Reii- Orthodorie in jenen streitbaren nnd streitsüchtigen , Naturen, die nicht still und bescheiden dem alten Valerbranche leben, sondern die sich damit brüsten, die, lampsbcrcit und schdesüchtkg, die freiere Rieh- Intig lingleisen nnd verketzern. Diese jüdischen Heiß, sporne haben es bereits in Preußen dahin gebracht, den Gcmemdesrledkit, die Einheit der Aellgionsgemetnbe zu gefährden und zu zerstören: durch das Anstrittsgesctz, wonach jeder Jude „aus religiösen Bedenken," wie cs darin heißt, „seiner Gemeinde den Nucken kehren kann nnd doch Jude bleibt." Also kampfbereite, fthdesüchtige, verketzernde Heißsporne sind diejenigen, die nachdem eine intolerante, verfolgnngssüchtige radikale Partei ihre gefestigte Stellung benutzt hat, sie in ihrer Gcwiffcnsfteiheit zu bedrücken, einen gesetzlichen Weg sucht, von diesem Drucke sich frei zn mache». Ueberall hört man aus politisch-ftcisinniger Seite den Ruf ergehen „Trennung von Kirche und Staat!" und jetzt, da dieser Ruf in geringem Umfang für die Juden zur Wahrheit geworden, klagen die jüdischen „Freisinnigen" über die fedefüchtigcn Heißsporne, welche sich das Anstrittsgesctz erwirkt haben und nun den Gemeindefrieden stören. Das scheint Herrn Enn! Lehmann den Gemeindefrieden fördern zn heißen, wenn ein ncologer Vorstand durch Verordnungen und Einrichtungen, welche das Gewisse» der strenggläubigen Mitglieder verletzen, diesen das Leben auf jede 'Weise erschwert, ja ihnen geradezu das Verbleiben in der Gemeinde unmöglich macht; während nun der so Gehetzte und. Bcrfolgte, welcher doch auf Behaglichkeit des Lebens Anspruch machen darf, die er aber nicht auf Kosten seiner religiösen Grundsätze erkaufen will, und sich doch nicht selbst ins Gesicht zu schlagen braucht, um die Föderung der feinem Dasein feindlichen nnd seiner Ueberzengnng nach sündhaften Prinzipien - mit seinem Gelbe zu unterstützen, der dieser Gemeinde den Rücken kehrt, als der Friedensstörer bezeichnet wird. Angenommen, Herrn Emil Lehmann gelänge, es als Vorsteher kn einer Gemeinde in seinem Gremium eine Majorität für seine reformistischen Theorien zn gewinnen; als idealer Mann des Fortschritts — die Reformer sind nämlich nie Fanatiker, das sind nur immer die schlinnnen Orthodoxen — wird er sicherlich seine Theorien bald in die That umsetzen: Milab, weg damit! Schosar, Unsinn! Röschhaschanah ans den ersten Januar verlegt mit voran-, gehendem obligatem Slilvesterrausch n. s. w. u. s. w. Hub wenn mm die frommen Mitglieder der Gemeinde sich gegen ein solches Vorgehen änflchnen, so hat der lammfromme, sriedenslietzende Herr Emil Lehmann den Riß nicht heranstzcschworen, denn er, ist Zitztznr, folglich im Rcchre, imb die Frommen sind die Friedensstörer nnd die Fchdcsüchtigcn. Da ihnen aber gar mm jetzt das Anstrittsgesctz die Gelegenheit gibt, sich ohne viel Federlesens dem sie Dimle zn entliehen, so sind diejenigen, welche den Bestand der Gemeinde nltlergraben. Rein, Herr Emil Lehmann, das Anstrittssiejetz ist eine