Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449625--23998-2513691- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ThaL sehr arm. Gegen die Genüge, mögen sie noch so süß und kostspielig sein, wird er im Laufe der Zeit abgestumpft; sie werde» ihm schal und langweilig. so daß er ihrer bald überdrüssig wird. Me Leidenschaften hören allmählich auf und mit ihnen die Freude am Genune; nur die Leidenschaft der Habgier bleibt, und diese wird ihrem Eigcnthümer zum Fluche. Ter Besitz ist ihm Alles, und der Gedanke, daß der Tag kommt, an welchem er ihn verlassen muß, vergällt ihm jede Lebensfreude. — Wie reich ist dagegen Terjeuige, welcher die Gaben, die ihm der Allgütige verliehen hat, zum Nutzen und zum Heile seinen Mitmenschen verwendet! Zhm blühen bis au seines Lebens Ende unermeßliche Freuden, die niemals schal und langweilig werden, gegen deren reine und .himmlische Wonnegefühle man niemals abgestumpft wird. C, ihr modernen Stammesgenoiien, die ihr . euch nicht mehr mit euren Lindem zum Seder niedersetzt und ihnen die Worte der Hagadah nicht vorsagt, ihr wißt nicht, welche unendliche Schätze ihr euch und euren Lindern dadurch entzieht. Aller Reichlhum, alle Bildung, alle Ehre, die ihr euren Lindern zuverschaffen enchbestrcbt.alldasreichi lange nicht an den Werth der einen Aufforderung, die am Sedertische ertönt: Jeder, der hungerig ist, der komme und esse! Und ihr, ihr Feinde und Gegner unseres Lölkes, die ihr euch Antisemiten nennt, solltet ihr nicht im höchsten Grade Achtung haben vor einem Volke, das in die Herzen der Jugend solche Grundsätze pflanzt? Und diese Grnndsätze werden im Leben bcthätigt bei tausend und aber tausend Gelegenheiten. Gin jeder Anlaß, mag er ein freudiger oder trauriger sein, spornt den Juden zur Wohlihätigkeit. Feiert der Jude seine Feste, so laßt er die Armen daran Theil nehmen; verbringt er einen Tag fastend, so reicht er den Hungcrigen zu cffen; wird ihm ein Lind geboren, so. theilt er an Arme Gaben aus und ebenso, wenn der Luabe die religiöse Mündigkeit erlangt. Sind die Linder herangewachsen, und es kommt der frohe Tag der Vermählung, so wird von der gemeinsamen Habe des jungen Ehepaares der zehnte Theil genommen, nm ihn zu woblthätigen Zwecken zu verwenden. Aehnlichcs geschieht bei einem Todesfälle. Aber eS bedarf der besonder» Anlässe nicht einmal. Von Allen,, was der Jude erwirbt, sondert er den zehnten Theil ab, n,n danut den Nothleidendcn zu Helsen. Wenn alle Menschen so dächten sind demgemäß handelten, dann gäbe es keine soziale Frage, keine soziale Gefahr, tucldic gegenwärtig die menschliche Gescllkchasl mit Vernichlnng bedroht. Wen« jeder Mensch, der zn essen hat, zn seinen I darbenden Mitmenschen sprechen würde: Jeder, der hungerig ist, komme und esse; dann würden die Anarchisten keinen Boden finden für ihre vererb-: lichen Lehren. . Wenn wir dem Geheimnisse unserer Existenz und unserer Erhaltung nachsorsche», so werden wir finden, daß der in dem in Rede stehende» Grundsätze ausgesprochenen, unbegrenzten Wohlthätigkeir ein großer Aulheil gebührt am Fortbestände Israels in, Laufe der Jahrtausende, inmitten der größten Gefahren. Was ein wahrhafter Jude, der diesen Grundsatz stets znr Ausführung zu dringen dcsrrebt ist, für sich und die Gesammthett Großes leistet, ist gar nicht zu sagen. Und solche Juden hat es zu allen Zeiten gegeben und gibt es G. s. D. heute noch. Jbre Herze» sind eine unerschöpfliche Quelle des Wohlthuus und ihre Hände find stets geöffnet, nn, die köstliche Saat der werkthätigen Menschenliebe anszustreuen. Sie bewähren in ihrem ganzen Leben das große Wort der Hagadah: „Jeder, der hungerig ist, komme und esse!" Fortsetzung folgt.) Göttliches Gesetz. Bo» vr. H. Sanger. Bekanntlich bilden die L'pm „die Gesetze" der heiligen Schrift den scheinbar leichtesten Angriffspunkt gegen unser Gesammtgesetz. „Unverständliche" Gesetze, so behauptet man, hätte der weife Gesetzgeber, hätte Gott sicherlich nicht gegeben. Als wenn es von einem irdischen Gesetzgeber weife gewesen wäre, seinen, Volke Gesetze zu geben, für die er selbst keine Erklärung wußte. Der Sabbat mfc ncnc, der diesmal auf 'rctr 'Q fällt, gibt daher doppelt Veranlassung, einige Worte zur Erklärung derselben zu sagen. Denn in 'ree* wird uns gerade das „Gesetz" vorgeführt, das mehr, wie irgend ei» anderes tief in unser ganzes Leben eingreift, dessen Ausübung uns nicht, wie manch anderes Gesetz, nur einmal im Leben zn erfüllen obliegt, oder nur zu gewissen Zeiten und in einem gewissen Alter an uns berantritt; sondern uns Alle, vom Linde in der Wiege an, bis znm hochbetagten Greise, unser ganzes Leben hindurch, verpflichtet. Es ist nämlich das Speise ge setz. Zweck, und Geist dieses Gesetzes ist heute viekfach verkannt und vergessen. Auch diesem Gesetze unterschiebt man gerne einen <mbereu Grnnd, als I den wirklichen, oder will in dem einen Grunde, den