Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1886)
- Date
- 1886-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449625--23997-2513690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'V-Ei« ßentrak - Hrgan für das orthodoXe ZudenLHum. Herausgegebe« von Lr.-Lehman» .drMaknz.^ LLVLSchr§LL§. .Ir Donnerstag, btn 25. März SS46 (L8SS). Da mit dem l. April 1SS6 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitende Artikel. Kagadaß fchek Weßach. - IL Mainz, 22. März. Ion .tt» Tsn „Jeder, der huugerig ist, komme «nd esset" Wir sitzen vereint mit unseren Lieben an der Festestafel, die langersehnte hohe Stunde ist endlich herangekommen. Nach all den Vorbereitungen freuen sich namentlich die Kinder auf die bevorstehende Genüsse — doch, ehe wir etwas genießen, rufen wir cs laut aus: Jeder, der hungerig ist, der komme und esset So spricht nicht allein der Reiche, so spricht auch der Arme beim Beginne des Seder. Jeder ist bereit, selbst die kärglich zugemessene Speise mit Dem zu theilen, den der Hunger quält. Welchen Eindruck müssen diese einfachen Worte auf die Gemütber dem Kinder machen! Ja, der Jude ist barmherzig. Rühmend erkennen es unsre Freunde an; selbst unsere Gegner müssen es, wenn auch widerwillig, zugeftehcn. Und daß dem so ist, verdanken wir zum großen Theile diesen Worten der Hagadah. . Die Kinder wachsen heran imb haben Gelegenheit, menschliches Elend in gar verschiedenen Gestaltungen zu schauen. Aber sie verschließen nicht die Augen vor denselben verhärten nicht die Herzen. Es ertönt stets im Gemttthe die erhabene Aufforderung: Jeder, der hungerig ist, der komme und esset Daher sucht der Jude, daher sucht die Jüdin den Mitmenschen hilfreich zu sein, wo sie nur können. Jeder, der hungerig ist, komme und esse! Nicht nur der Verwandte, der Freund, der Glaubensgenosse, sondern Jeder, selbst der Gegner, der Feind! Die bloße Thatsache, daß es einen Menschen hungert, gibtihm ein Anrecht auf meine Hilfe, mag er es verdienen oder nicht, mag er dessen würdig sein oder nicht. O, der Hunger thut gar weh, und das Sprichwort sagt: der Satte weiß nicht, wie dem Huugerigen zu Muthe ist. Unsere Weisen lehren: ttmym k-ük Kn-rs „der Lohn eines Fasttages ist die Wohlthätigkeit." Die gewöhnliche Erklärung ist, daß man Dasjenige, was man durch den Fasttag erspart, an die Annen vertheilt. Wir haben einmal eine andere, geistvolle Erklärung gehört, die wir hier wiedergeben wollen. Es gibt viele Menschen, die in Reichthum geboren und erzogen werden und denen es bis an ihr Lebensende an nichts mangelt. Diese sind ganz glücklich, wenn sie Hunger haben, denn dann wird ihnen das Essen sehr gut schmecken. Aber von dem quälenden Hunger, dem die Befriedigung versagt ist, würden sie keine Borstellung haben, wenn die Fasttage nicht wären. Dadurch allein haben sie die Gelegenheit, an sich selbst zu erfahren, daß der Hunger wehe thut, und werden Mitleid empfinden mit den armen, darbenden Rebenmenfchen. Daher sagen unsere Weisen: Auch das ist ein guter Erfolg eines Fasttages, daß er uns zur Wohlthätigteit anspornt. Jeder, der hungerig ist, komme und esset Wie reich ist doch der Mensch, der also spricht und diesen Spruch im Leben bethütkgt! Nicht der ist reich., der Schätze auf Schätze häuft imb dieselben stets zn vermehren trachtet, sie höchstens für bcir eigenen Germs; verwendend. Ein solcher Mensch ist in der