Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1886)
- Date
- 1886-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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rvicder auf, die dekanmen Gest allen, die Sichcrheus- Commisiäre. welchen unglaubliche Geständrrme gemacht werden: Darv, der Untersuchungsrichter, findet nch ein, der kleine Scharf heißt Marcel Stochlinski, und Gerichtsärzte krönen das Gebäude der Anklage durch ihre Anklagen. Und auch er — Rohling — wühlt im Stillen durch seine Schriften, in welche sich der Gcisrliche von Lutcza vertieft; fa Rohling erkühnt sich sogar, als der Caisationshof das Unheil des Rzeszowcr Gerichtes aufgehoben, ein in den Akten liegendes Sendschreiben an das Ober-Landcsgerichl Lemberg zu richten, in welchem er sozusagen blind die Anklage verbürgt. Das bischöfliche Contiftortum von Tornow erläßt nach dem Wahrspruche der Rzeszower Geschworncn eine (surrende an die Pfarrgeistlichkeit, in welcher unter Hinweis aus den verhandelten Capitalfall gegen das Dienen christlicher Mägde bei Juden geeifert wird.. Ein galizischer Berhovah läßt, während der Prozeß zum zweiten Male vor den Geschworenen in Krakau verhandelt wird, ein Eirculär drucken folgenden Inhalts: „Hoher Reichsrath: Es geht jetzt vor dem hiesigen Schwurgerichte der für die ganze christliche Welt wichtige Srrafproceß der Eheleute Ritter wegen Mordes vor, und zwar wegen eines rein rituellen Mordes, der nur als solcher mit Berücksichtigung des religiösen Fanatismus der Eheleute Ritter beurthcilt werden kann :c. .Krakau, 3. Oktober.1884. Die Christen." Ritter von Mcrmiowicz aber und die Mitglieder seiner Tafelrunde stellen, so lange das Verdikt der Geschworenen in Krakau noch warm ist, und bevor noch der Eassationshof in die Lage kam, dasselbe zn überprüfen, am 15. Oktkober 1884 in der Lcmberger Landstube folgende monumentale Interpellation: „In Erwägung, daß, wie die Krakauer Gerichtsverhandlung über den Mord in Lutcza ergeben hat, im Lande von den Juden aus religiösen Motiven ein schreckliches Verbrechen begangen und von ihnen sogar ein Christ zur Mitwirkung an dieser Unthat durch Pression verleitet wurde; in Erwägung, daß ein derartiger religiöser Fanattsmus für Andersgläubige auch fernerhin bedenklich sein müsse, möge der Negierungsvertreter erklären, ob die Regierung nicht geneigt wäre, die Sammlungen religiös-sittlicher Satzungen und Ueberlieferungen der Juden, besonders in Beziehung auf rituelles und bürgerliches Recht, einer Revision zu unterziehen." In edler Waffenbrüderschaft mit Merunowicz und Genossen lassen Vertreter de? praktischen ChristenilmmS in Berlin, bald nachdem er seine Interpellation abgefeuert, eine Broschüre drucken im Genre der deutschen Bolksbücher, auf deren Titelvianette die schreckliche Mordthat des Moses Ritter und sei- «er Familie abgcbildcr ist, damit praktische Christen und die unverfälschten Germanen das Gruseln lernen. Kurz Tisza-Eszlar in anderer Ausgabe; vermißt wird nur — cin^ Staatsanwalt nach dem Muster des wackern Szeirseri und ein Ober-Staatsanwalt vom Range Kozma's. Hat doch — was bezeichnend ist — der im Proceß Ritter intrrvenirende Staatsanwalt-Substitut sogar gegen den Antrag der Benheidigung ans Verlesung der vom Cassarionshofe mir seinem Erkenntnisse vom 25. Februar 1885 hinansgegebenen Entscheidungsgründe bei der dritten, im Öctober 1885 stattgchabtcn Schwurgerichts-Verhandlung Protest erhoben. Vor mehr als einem Jahrhundert schrieb Voltaire: „Dieu dejustice! Que d'exemples de ces erreui*s meurtrieres qni se renouvellent chaqne annee en Europe dans presque tous ces tribunaux. Ces catastroplies n’exeitent pas tonles la meine rumeur qne celles des Calas. Le fanatisme [ne leur donne pas cette c6l6britfe affrense qni p6n£- tre si profondement les esprits.“ Zu Deutsch: „Herr der Gerechtigkeit! Wie viele Beispiele jener mörderischen Jrrthümer, die sich jedes Jahr bei fast allen Gerichtshöfen Europas wiederholen. Tiefe .Katastrophen erregen nicht alle dasselbe Aufsehen wie der Fall Calas. (Ter Protestant Calas war am 9. März 1762 unschuldig in gräßlicher Weise gerädert worden, weil er angeblich seinen zum Katho- Ucismns übergegangcnen Sohn aus religiösen Motiven gemordet habe.) Der Fanatismus verleiht nicht alleil jene furchtbare Berühmtheit, welche so tief die Gemüther erschüttert." Und heute? Noch sind die heißspornigeu Ankläger, die aufgeregten Richter, die voreingenommenen Geschwornen nicht ausgestorben, noch gibt es selbst Assisen-Präsidenten, welche die Vertheidiger ivie Feinde behandeln, die ihnen die Beute abjagen wollen, noch trübt der Fanatismus den Blick, und der Fall Ritter ruft mit durchdringender Stimme: „Dieu de jnstice, que d’exemples de ces erreurs meutrteres!“ (N. Fr. Pr.) Zeitungsnachrichten und Correspondenze». Deutschland. Mosbach am Neckar, 9. März. Emen vorzüglichen Mann, reich gesegnet an edlen Eigenschaften des Geistes uub Herzens haben wir in voriger Woche zu Grabe getragen, nämlich unseren hochverehrten Herrn Bczirkörabbiner Weil. I» musterhafter Treue und Hingebung waltete er feit