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Der Israelit · 1886-03-11 · Heft 20 (11.3.1886) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 20 (11.3.1886)
Date
1886-03-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Präsident: Ja wo!, aber das har der Abgeordnete schon hinlänglich gcchan. Abg. Dr. Haase (sonfahrcnd): Was au dem Antisemitismus zu beklagen ist, ist aber nicht nur die Sache, sondern die Methode. Diese besteht darin, Fehler, welche mau au einem einzelnen Indivrbunm wahrnimmt, ans die Allgemeinheit zu übertragen und gute Eigenschaften, deren sich die Allgemeinheit erstem, auch an den Einzelnen nicht mehr zu erkennen und nicht zu würdigen. Ich werde die Fehler der Juden nicht entschuldigen, denn das ist ja znzugcbcn, daß sic Fehler haben, wie jede andere Partei. Religions-Gcnollenschaft, jedes Volk u. s. w. sic auch hat: aber andererseits gehört kein großer Scharfsinn und keine besondere historische Kcnntniß dazu, eittzusehcn. daß ihre Fehler ganz andere sind, wo ne in der Nncnltur stehen und verfolgt werden, als dort, wo ihnen das bürgerliche Leben, alle Gewcrbe, Handel und Industrie offen stehen. Wenn der galizische kleine Handelsjndc, der alltäglich mit Füßen getreten wftd, eine arme feige Seele ist, so ist das wahrhaftig kein Wunder. Wenn wir nach Frankreich sehen, so finden wir, wie der Annee mehrere hundert Ofncierc angchören, welche Juden find, darunter fünf Generale. Schon M'.rabeau hat im vorigen Jahrhundert cs ausgesprochen, daß, wenn man die Inden zu besseren Menschen und nützlichen Bürgern machen wolle, mau alle erniedrigenden Scheidungen beseitigen und ihnen alle Wege der Subsistenz öffnen müsse. Abg. Dr. Lueger: Jur Sache! Das gcgchört nicht zur Dörsenslener! Abg. Dr. Hanse: Ich werde mir nur noch erlauben, Sic daran zu erinnern, in welcher Weise Malier Joseph II. sich den Inden gegenüberstellte, wie derselbe die schweren Bedrückungen derselben beseitigte und wie ein Erlaß nach dem andern zn diesem Zwecke erschien. Präsident (unterbrechend): Ich muß darauf bestehen, daß der Herr Abgeordnete zur Sache spreche. Abg. Dr. Ha a se l fori fahrend): Ich schließe, - indem ich noch Folgendes sage: Ich wünsche, daß sich die gesunden Elemente aller Nationen und Confcffioiicii die Hand bieten möchten zur Unterdrückung der antisemitischen Allnren, damit durch das Eindämmcn derselben nicht die Geister verwirrt, nicht die Herzen und Gemütber verroht werden, und damit man nicht nach Jahren in Bezug ans die Bewegung und die Bcrknmmcrnng der Gemülher sagen könne, wie Klopüock in seiner Ode an Kaiser Joseph: „W e n s a ß l d e s M i t l e i d s S ch a it e r nicht, wenn er sicht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht?* (Lebhafter Beifall und Händeklatschen links; RÄmer wird von seinen Parteigenossen beglückwünscht.) Wie», 8. März. Das Schiedsgericht des deutschen Schulvercins wies die Beschwerde der akademischen Ortsgruppe ab, welche bekanntlich aufgelöst wurde, weil diese keine Jude» aufnchmen wollte. — Die gemordete Wittwe Äühnl ist gestorben. Wien. In einer der letzten Sitzungen des Budgetausschusscs richtete der Abgeordnete Dr. F. Matrusch beim Titel „Cuttus* an den Untcrrichtsmimstcr die Anstage, ob er geneigt sei die Regelung der isr. Eulrusgcmeindcn sobald als möglich in Angriff zu nehmen. Der Minister antwortete, daß die diesbezüglichen Vorarbeiten nahezu abgeschlossen seien und dürste dem Parlament die betreffende Gcsetzesvorlage in nicht ferner Zeit unterbreitet werden. In Tschermo (Araber Eomftat) wurde der jüdische Bürger, Herr Jakob Schreier, zum Ortsrichter gewählt. In Neupesth starb jüngst Fron Debora Klein in dem seltenen Alter von 116 Jahren. Ihren Mann hatte sie sehr früh verloren so daß sie, wie sie selbst erzählte, in den letzten Jahren sich nicht mehr erinnern konnte, wie er ausgesehen habe. Triest. Folgende Begebenheit bildet hier das Tagesgespräch: Im Jahre 1862 trat in Beg (Italien) eine jüdische Frau zum Christenthum über »nd ließ gleichzeitig ihre beiden im zartesten Alter besindlichen Kinder taufe». Eines dieser Kinder, Joseph Witschim, lebt gegenwärüg dahier, wo er als Journalist thätig ist. Derselbe, ein Mann von makellosem Charakter und von bedeutenden Kenntnissen, war wahrend der letzten'drei Jahre der eifrigste Besucher der hiesigen Talmud Thora, wo man ihn für einen Juden hielt, und zählte zn den in. der hebr. Wissenschaften Bestbewanderten. Bor Kurzem iheilte mm Herr W.ilschmi dem hiesigen Oberrabbiner mit, daß er Christ sei, daß er sich aber entschlossen habe, zur Religion feiner Väter zurückznkehrcn. Dies ist auch unter der vorgeschriebenen Feierlichkeit geschehen. Herr Manaffe nahm gleichzeitig den Namen seines Vaters der Del Wetschi geheißen har, wieder an. Diese Begebenheit machte dahier, wo der zum Iudenthum Bekehrte eine .hervorragende gestllschastliche Stellung einnimmt, großes Aussehen.

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