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Der Israelit · 1886-03-11 · Heft 20 (11.3.1886) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 20 (11.3.1886)
Date
1886-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Aett»«gs«MchrichLe» jrab chksrrrspovdev^s. D t u t sch 1 a n d. Ksrrkgsberg, 6. März. Leber „russische Rcpreffalien" berichtet die ^Königsb. Allg. Ztg.": „Die Ausweisungen russischer Juden aus Preußen sind jetzt-von Seiten Rußlands damit beantwortet, daß die strengste Anweisung an die russischen Konsulate ergangen ist, eine alte, längst vergessene und unbeachtet gebliebene Bestimmung fortan zur Ausführung zu bringen, wonach die Pässe deutscher Juden nicht vifirt werden dürfen, wenn nicht von Petersburg aus vom Minister des Innern die spezielle Genehmigung dazu crtheilt worden, das heißt also, baß deutsche Inden hinfort nicht nach Rußland hinein dürfen. Ausgenommen hiervon sind nur die Direktoren erster Banken und die Chefs erster Bankhäuser, welche sich wegen Finanzoperationen nach Petersburg begeben. Das ist ins Moderne übersetzt das mittelalterliche „Haust Du ineinen Juden, hau' ich Deinen Juden", und das passirt Ende des 19. Jahrhundertsl Oesterr.-Ungar.Monarchie. Wien, 5. Marz. In der Heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses sprach sich Abg. Superintendent Dr. Haase bei Gelegenheit der Börscnstcuer-Debatte folgendermaßen über den Antisemitismus aus.: Abg. Türk habe sich gegen den Vorwurf der religiösen Intoleranz verwahrt. Das mag bezüglich der Person des Abg. Türk richtig sein: der Grundzug seiner Partei aber ist die religiöse Intoleranz. (Rufe auf der Antisemitenbank: Er versteht die Judenfrage nicht!) Rach dem Zeugnisse des lateinischen Kirchenvaters wurden die Christen in den ersten zwei Jahrhunderten von den Heiden beschuldigt, daß sie bei ihren Zusammenkünften Kinder ermorden und Unzucht ttciben, daß Wollust und blutige Grausamkeit die Attribute des christlichen Gottesdienstes seien. Es dauerte fast ein. Jahrhundert, bis die Christen dargethan hatten, daß diese Anklagen auf nichts beruhen. Dieselbe Anklage wurde in diesem Jahrhundert gegen die Juden erhoben, und es. kam zur Anklage wegen des rituellen Mordes. Wer hätte geglaubt, daß im neunzehnten Jahrhundert dieses Ammeiviiärchcn nicht .nur aufgewärmt, sondern daß man sich die Mühe nehmen würde, einen scheinbar gelehrten Apparat in Bewegung zn setzen und dieses Märchen auf eine scheinbar wisscnschastliche Autorität zu stützen. Welcher Fälschungen man sich dabei schuldig machte (lebhafte Zustimmung), welche Verlogenheit dabei im Spiele war, mit welcher Frechheit man die Löge mit dem Mantel der Wahrheit drapirte, das beweist unser verehrter College Ko pp mit seinem Buche über die Judenfrage, für welches ihm die moderne Bildung und Culrur zu tiefem Danke verpflichtet ist. (Bravo! Bravo! Ruf auf der Anttscmitenbank: Wo ist die Leiche der Eszter Solymossy? Abg. Bloch: Dieselbe wurde Za gefunden! Ruf auf der Antisemitendank: Die Juden sollen sich selbst vertheidigcn und nicht immer Andere für sich reden lasten!) Der Antisemitismus ist die Verleugnung der Bildung und der Cultur unserer Zeit, die Verleugnung der allgemeinen Menschenliebe, die Verleugnung der. Sittlichkeit und Christlichkeit. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. Ruf von der Antisemitenbank: Er wird zum Ehrcnjuden ernannt!) Ich werde auf die Einwürfe von dieser Seite nicht antworten; ich will Niemanden bekehren und bclchren, aber das werden Sie mir doch erlauben, daß ich einmal meinem Gefühle Ausdruck gebe, das peinlich berührt ist über gewisse Scencn, die sich auch in diesem Hause abgespielt haben. (Lebhafte Zustimmung.) . Wir sind in unserer Jugend Alle in den Traditionen der allgemeinen Menschenliebe erzogen worden; wir haben mit Stolz die Glaubens-und Gewissensfreiheit auf unsere Fahne geschrieben; wir haben uns fteudig dem Gedanken hingegcben, daß diese Ideen sich immer weiter Bahn brechen werden; und nun kommt der Antisemitismus! Die allgemeine Menschenliebe gilt ihm nichts, die Glaubens-und Gewissensfreiheit gilt ihm nichts, die Gleichheit der Staatsbürger vor den Gesetzen gilt ihm nichts; er verzichtet lieber auf die ganzen Sraatsgrundgesetze; ihm ist es lieber, wenn er auf die Juden schimpfen, die Juden hassen und verfolgen kann. (Sehr gut! links.) In immer weiteren Kreisen macht sich der Antisemitismus geltend. In Büchern wird aufgehctzt, bei Juden nicht zu kaufen, mit Juden nicht zu verkehren, sie ans der Gesellschaft auszuschließen. Präsident (unterbrechend): Ich möchte bitten bei dem Gegenstände der Debatte zu bleiben. Abg. D r. H a a s c (fortfahrcnd): Ich habe geglaubt, daß, nachdem es dem Abg. Türk gestattet war, seinen Antrag aus Erlassung einer Börsensteucr vom antisemitischen Standpunkte aus zn'begründen, cs auch mir gestattet sein muß, die antisemitischen Grundsätze zu beleuchten vom christlichen Standpunktc ans.

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