Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 19 (8.3.1886)
- Date
- 1886-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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324 Bald aber suchten die Vertriebenen sich eine neue Hcimath schaffen im fremden Lande. Die Vergehen der Juden während der babylonischen Gefangenschaft , welche den Mordanschlag Hamans gegen sie vcranlaßren, waren sechsfacher Art. Zunächst vergaßen sie die heftige Sprache. Wohl mußten ne die Sprache des Volkes erlernen, in dessen Mitte sie nun wohnten; aber sie hätten daneben . da- Studium der hebräischen Sprache pflegen und ihre Kinder in der Gotteslehre unterrichten sollen. Sie tbaten es nicht, so daß ihre Kinder nicht mehr wußten, was in der Thora steht, wie wir aus den Büchern Esra und Ncchcmja erfahren. — Inmitten der fremden Völker vergaßen sie den allwöchentlichen Ruhetag, so daß, als sie nach Jerusalem zurnckkchrtcn, die Krämer am Tage des Herrn ihre Waaren feil halten wollten im Vorhofe des heiligen Tempels. — Viele von ihnen, sogar die Söhne eines fronimen und heiligen Mannes, vermählten sich mit heidnischen Frauen, ohne daß diese zum Jndenthnme übergetreten waren. Esra und Ncchemja waren gezwungen diejenigen, welche in Mischehen lebten, in den Bann zu thuu und aus der Gemeinschaft der Gemeinde Israel auszuschließen. — Eine große Anzahl von Inden meinten, nicht nöthig zu haben, in fremden Lande die Speiscgesetze zu beobachten cnnrns. bv .rnyona - iru. — Die Meisten vergaßen im Laufe der Jahre die alte Heimath und weigerten sich, als die Stunde der Befreiung schlug, dorthin zurückzukchrcn, und als die Prüfung an sie hcrantrat und sie gezwungen werden sollten, dem Götzenbilde des Nebnkadnezar zu dienen, da waren cs nnr drei Männer, (5 hanania, Michael und Asarja, welche der Versuchung widerstanden und entschlossen waren, mit Aufopferung ihres Lebens dem einzigen Gotte die Treue zu bewahren. So waren die Zustände während der babylonischen Gefangenschaft. Nur schlimmer und schlimmer wären Sünde und Abfall geworden im Laufe der Zeiten, immermchr wären die Thora und ihre Gesetze vergeben worden und die in Mischehen gczeugten Kinder würden allmählich dazu beigetragen haben, das ganze Volk dem Judcnthnm zu entfremden. Israel wäre geistig verloren gewesen, wenn Gott es nicht durch Roth und Elend zu sich zurückgeführt hätte. Wie ein Blitz ans heiterem Himmel traf sie plötzlich des drohende Verderben. Alle, alle sollten sie gelobtet werden, weder der Greis noch der Säugling sollten Gnade finden. Da sollte kein lltlterschied gemacht werden zwischen arm und reich, zwischen vornehm und gering. Dieienigen, welche sich mit den Persern verschwägert hatten, welche mir ihnen aus einer Schussel aßen, welch: sich bestrebten, in Kleidung, Spräche. Sitten und Gewohnheiten ganz zu sein wie die Eingeborenen des Landes, sollten ebenso dem Tode preisgegeöen werden, wie Diejenigen, welche sich «och einen Theft der Besonderheiten des Judcmhnms bewahrt hatten. Nicht gegen die iUcIigian Israels richtete sich die Vcrfolgnngswuth Hamans, sondern gegen den Stamm. Ter Jude sollte umgebracht werden, weil er Jude war, mochte er in Gesinnungen, Thaten und Lebensgcwohnhcfteu den übrigen Bewohnern des Landes vollkommen gleichen. Der mächtigste Gewalthaber des großen Reiches hatre den Untergang der Juden beschlossen, und der König, der allgewaltige, unumschränkte Herrscher harte dem wuthentbrannten Verfolger die weitgehendste Vollmacht ertheftt. Kein Ausweg, keine Rettung schien möglich. Mit jedem Tage, der dahinzog, rückte der Termin der Ausrottung näher. Immer trüber und dunkler wurde der Blick in die Zukunft. Aber mächtiger als alle Gewalthaber der Erde ist der einzige Gott; zu Ihm wandte sich das Volk in seiner Roth und Bedrängnis;, und Gr brachte Hilfe. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. ElbeszelGsek a niult-es jelenbol. irta Dr. Lehmann mainzi rabbi 6s az „Israelit4* szerkesztüje, fordit otta, G rusz Victor Sx6kesfeli6rvarott» 18Sti. Unter den zahlreichen politischen, sozialen und kulturellen Fragen, welche gegenwärtig unsre Zeit beschäftigen, ist wohl keine so' wichtig, als die nach den richtigen Mitteln der sittlichen Förderung nnd Erziehung unserer Jugend. Die weitreichendste wissenschaftliche Durchbildung des Geistes, welche der Schulunterricht gegenwärtig erstrebt, pflegt, wie die Erfahrung beweist, nnr von geringem Einfluß für das Verhalten der Jugend zu sein; zur Festigung des religiösen Bewußtseins im Herzen der Kinder dagegen trägt sie gar nichts bei, wenn sie derselben nicht geradezu cntgegcnarbeitct. Die wenigen Neligionsstundcn, selbst-wenn sie in der richtigen und geeigneten Weise benützt werden, erweisen sich nach dieser Richtung hin unzureichend, um die Belebung des religiösen Sinnes, die Erweckung des Gefühls der (Glaubens- und Stammcsangchörigkeit nnd die Stärkung des Eharakters nach dieser Seite hin allein zu bewirken. Hier kann nnr das lebendige und metaphorische Beispiel allein fördernd emgrciscn, letzteres nämlich. indem man der Jugend Bücher!n die Hand gibt, die sie in Form von Erzähttmgcit mit den Tugenden und Eharaktercigen-