Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-02-08 · Heft 11 (8.2.1886) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 11 (8.2.1886)
Date
1886-02-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449612--23735-2513415
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

K c n i 11 e t o b. Miefe aus dem Heikgen Laude. i (Zwarer Brief.) Geliebte Eltern! Es war einer der schönsten Tage meines Lebens, den ich am ersten Freitag Abend in dem Kreise meiner Glaubensgenossen im heiligen Lande zudrachte. Ich vermag cs Euch nicht zu beschreiben, wie cs mir an diesem Tage des stillen Sabbats zu Muthe war, als mir die Hausfrau Wasser zum Waschen gebracht und der Hausherr mit den männlichen Tischgenossen Kidusch gesprochen hatte. Die goldgelben Orangen, die nran mir vorgelcgt, dufteten lieblich, das Sabbatbrod war wohlschmeckender denn je, und die Flasche köstlichen Weines wurde bis zur Neige geleert. Unmittelbar vor unserem Zimmer führten einige Stufen auf eine kleine Terrasse, mit der freien Aussicht nach dem in der Nähe des Hauses gelegenen Baumgartcn und nach dem der Stadt gegenüber gelegenen Berge, welchen einst ein Thcil von Mamres geheiligsten Hain um-, schattete. Den folgenden Abend genossen wir das Abendbrod unter einem großen Weinstocke, dessen Stamm ungefähr Vjg Fuß im Durchmesser hat. Die Höhe erstreckt sich auf, 30 Fuß, , er bedcckt mit seinen Zweigen und Nebenränken eine Hütte von mehr als 50 Fuß Breite niio Länge. Mir siel dabei der Vers in Micha (4, 4) ein „Sie werden wohnen jeder unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbäume." Der Wein, der hier auf dieser Höhe von einheimischen Glaubensgenossen gepflanzt wird, ist sehr gesucht. Der Hebronwein geht bis nach Egypten und ist ein beliebter Handelsartikel im Oriente. Der Geschmack des Hebronweines gleicht unserem lieblichen Rheinwein, nur ist er reicher an Zucker und natürlichen! Gewürz. Auch steht er dem Eypern- oder Libanonwein au Feuer und Lieblichkeit nicht nach; der schönste Theil wird zu Rosinen getrocknet und noch ein anderer zu Traubensyrup gepreßt und eingekocht. Dieser Syrnp war auch unter den Geschenken, welche Jakob, unser Erzvater, an Joseph nach Egypten sandte (l. M. 43,'li). Tie Trauben sind außerordentlich groß,, so daß sie ein einzelner Mann nicht unversehrt fortbringen kann. Man findet zwölf Pfund schwere Trauben, welche Beeren von der Größe unserer Pflaumen haben und keine Kerne besitze». Ich dachte beim Anblick dieser großen Trauben an die Kundschafter, von >enen zwei zur Zeit der erstes Weintrauben vom Bache Esko! eine Traube auf einer Stange trugen (4. M. 13. 24. 25). Der Wein ist von rocher Farbe, daher in der heiligen Schrift der Ausdruck „Traubenblut"'). Die Weinberge um Hebron sind sehr ausgedehnt. Ruch ist die Art des Weinbaues rrgenthömlich, doch hierüber mündlich bei nrcinem Eintreffen im Rheinland?. Auf den Bergböhen stehen die Wachterhütten der Winzer, die oft als Thnrrne mit kleinen Thürcn weithin leuchtend, die Landschaft eigenthümlich beleben. Zur Zeit der Weinlese beziehen die Bewohner von Hebron diese Wachthäuschen oder richten Hütten und Zelte auf. Tie Stadt ist dann wie Verlagen, während auf den Bergen und im Thale ein fröhliches Leben, Gesang und Jauchzen wiederklingt. Es gibt hier etwa 500 unserer Glaubensgenoffcn, Sephardim und Aschkcnasim» wenig oder gar keine Christen, und etwa 10,000 Muhamedaner. Viele Inden besitzen außer dem eignen Hanse auch Oel- und Weingärten, sowie andere Grundstücke. Tie Wohnungen sind einfach, ebenso die Synagogen, eine für die Aschkcnasim, die andere für die Sephardim. Unter den Kleidungsstücken der hiesigen Frauen fiel uns ein weißes Stück Zeug auf, welches schleierartig. um den Kopf geworfen war. Ich besuchte selbstverständlich die Synagoge der Aschkeliatint und bot der Vorstand dieser Gemeinde Alles auf, mir de» Aufenthalt in feiner Mitte so angenehm wie möglich zu machen, und gestattete es der Vorstand nicht, daß ich auß meiner Tasche zehrte. Die Häuser der Stadt liegen im grünen Grunde, und rings herum sind diese von Oliven-, Feigeniiüb Weingärten umgrenzt. An dem Anhänge des östlichen Berges liegt das Hauptviertc! der Stadt. Nördlich davon, durch Felder getrennt, liegt eine andere Gruppe von Häusern und auf dem Abfall des westlichen Berges ein drittes Viertel der Stadt. Zwei Teichen im Becken von wohlgefügten Steinen liegen in der Stadt, der eine am Südende, der andere im Norden. Die Umgebung Hebrons ist freundlich. Die Wohnungen sind aus Stein erbaut, eine Seltenheit im heiligen Lande. Ans den Dächern dehnen sich Gärten aus, die mit Blumen bepflanzt sind. Manche Häuser sind auch mit Kuppeln besetzt, die in dem Blcndglanzc der scheinenden Sonne glänzen. Das Thal von Hebron ist wafferreich und durch künstliche Wasserleitungen wird das Trinkwasser bis in *) 1. B. M. 49. n.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.