Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-01-28 · Heft 8 (28.1.1886) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 8 (28.1.1886)
Date
1886-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449609--23668-2513345
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

122 Da wird ein Kuäblcm geboren; nach zwanzig Jahren ist es zum Jüngling geworden und wieder nach zwanzig Jahren zu einem kräftigen Manne» der körperlich und geistig auf der Höhe des Lebens steht, und wieder nach dreißig Jahren ist er ein hinfälliger Greis. Was ist nun in den verschiedenen Lebenspbasen, was uns den Betreffenden als eine und dieselbe Persönlichkeit erscheinen läßt? Ist es derselbe Körper? Die Physiologie lehrt uns, daß durch den Stoffwechsel schon nach wenigen Wochen kein Atom des menschlichen Körpers derselbe bleibt. Sind es die Formen des Körpers? Wer würde in dem Greise, in dem Manne, in dem Jünglinge das neugeborene Knäblem wieder erkennen! Noch größeren Veränderungen und Umwandlungen ist der menschliche Geist unterworfen. Tie Anschauungen wechseln manchmal häufiger als die physischen Stoffe. Ist es der Charakter? Auch dieser ist nur zu häufig dem Wechsel unterworfen. Ioasch, der König von Juda, war viele Jahre lang ein frommer, edler, gottesfürchtiger Monarch und wurde später zum Götzendiener und Mörder. Menascheh hingegen, ebenfalls König von Juda, kehrte, nachdem er viele Gräulthateu verübt, reuig und büßend zu Gort zurück. Auch der Name thut es nicht, wie wir vorhin dargelegt haben. Was also ist das Bindende 'und Einende in einer und derselben Persönlichkeit vom Anfänge bis zum Ende? Ein großer Denker unserer Zeit, der berühmte Philosoph Hegel behauptet, der Mensch sei nichts als die Ncihe seiner Thaten. In diesem Ausspruche liegt eine tiefe Wahrheit; doch ist sie unserer Meinung nach, nicht präcis genug ausgedrückt. Nach dem, was wir bisher auscinandergeseyt haben, ist es der persönliche Wille, die Freiheit des persönlichen Willens und die Bethätigung derselben, welche die einzelne Persönlichkeit, vorn Jnslebcntretcn bis zum Aufhören zu dem macht, was sie ist. Kein Mensch kann der Freiheit seines Willens beraubt werden: wohl kann nran ihn hindern, seinen Willen anszuführen; mau kann ihn aber nicht hindern, Dieses oder Jenes zu wollen. Wie nun der Mensch die Freiheit seines Willens benützt und entwickelt, vom Anfänge bis zum Ende, das ist die gesammte Persönlichkeit. Aber Freiheit ist nicht Gesetzlosigkeit, nicht Willkür. Daher muß der Wille des Kindes geschult, gezähmt und an die gesetzmäßigen Normen gewöhnt werden. Daher müssen der Jüngling, der Mann, der Greis oft die heftigsten Kämpfe bestehen gegen den Mißbrauch der eigenen Willensfreiheit. Gott beschränkt die menschliche Willensfreiheit in keiner Weise, und Seine Äorattsbcftimmung verhindert nicht die Elltschlikßuogm der einzelaeu Menschen. Nunmehr ist auch die Frage gekost» wie Pharao und die Aegypter für die Knechtung Israels verantwortlich gemacht werden konnten, da GE doch schon Abraham diese Knechtung vorhergesagt hatte. Tie Antwort ist nunmehr einfach: Es war für die Entwickelung Israels nothwendig, daß es, che es zum Goüesvolk erhoben wurde, geknechtet werden mußte. Aber Pharao und die Aegypter warm nicht gezwungen gewesen, sich an Israel zu versündigen. Das war ihr freier Wille. Hatten fie es nicht gethan, so hätte irgend eine andere Nation das Vorausgesagte ausgeführt. Nicht hatte Gott dem Abraham gesagt, daß Fremdlinge fein sollen seine Nachkommen in Aegypten, sondern in einem ftemden Lande. Das köstlichste Geschenk, das uns Gott gegeben, ist die Freiheit, die Freiheit des Willens, die Freiheit des Entschlusses; benützen wir sie, um aus freiem Antriebe das Gute zu thun und das Böse zu meiden, Gott zu dienen, und Seine Helligen Gebote zu beobachten*). *} ämncrfur.g: Aus Ssfedrcife fssmstm »n$ über Einiges in dieser Abhandlung Gesagte Einwendungen zu. die zu widerlegen wir nicht unterlassen wollen. Wir haben gesagt, daß die Thora unabänderlich sei und daß selbst, wenn die Engel vom Himmel kämen, um Eines oder daS Andere abzuschaffen rc., wir ihnen nicht gehorchen durften, xn mV, die Thora ist nicht mehr im Himmel, sondern sie ist «ns gegeben. Dagegen macht man nun geltend, daß doch Elisahn auf dem Berge Karmel geopfert zü einer Zeit, da eS verboten war, anderswo alsim -heiligen Tempel zu Jerusalem Opfer darzubringen; ferner, daß die Weisen des Talmuds daS Gebot von rrcr-c rVar abrogirt haben. — Die beiden angeführten Thalsachen widersprechen dem von uns Gesagten durchaus nicht. Der erste Fall war njt? nsmn, daS heißt, eine vorübergehende Bestimmung, nur für das einzige Mal. Die Thora, die wir besitzen, enthalt die Vorschrift, daß es einem Propheten gestattet ist, vorübergehend aus Gottes Geheiß, eine oder die andere Vorschrift der Thora auszuheben. Hatte Elijah« behauptet» eS sei von nun an gestattet, ständig aus dem Berge Karmel Opfer darzubringen, nran hätte nicht auf ihn Horen dürfen. — Der zweite Einwand beweist ebenfalls nicht, daß an der Thora etwas geändert werden darf. Die Thora, die wir besitzen, enthalt die Vorschrift, daß die Rabbinen eine Unterlassung anordncn dürfen, nvxr, S« wenn im Laufe der Zeiten die Ausführung des betreffenden Gebotes nspn n« zu einer Gesetzesübertretung führen konnte. Da das rfart zur Zeit des Talmuds schon imirirl wurde und von mit Indigo gefärbter Wolle nicht mehr zu unterscheiden war, so hätte man dazu kommen können» mir Indigo gefärbte Wolle, anstatt des rV-.-. an ein leinenes Gewand zu heften, was dann »«rs fein würde. Daher haben die Weifen geboten, nicht mehr an die Zizioth zu heften. — Aehnlich verhält eS sich mit dem Cchofarblasen. wenn :w> ans einen Sabbat fällt, und mir dem Feststrauß, wenn der erste Tag des HüttensesteS am Sabbat ist. — DaS Alles ist nichts ReneS, sondern ist so von» Sinai her durch die münd» licht Lehn normirt. .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.