Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-01-21 · Heft 6 (21.1.1886) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 6 (21.1.1886)
Date
1886-01-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449607--23632-2513307
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die vielgeplagtcn Florentiner Juden ausgegangen sind, den Beschluß gefaßt, daß der alte Ghetto der roscanifchen Hauptstadt niedergcriffen werde, damit an Stelle eines labyrintdischen Bauwerke«, eines Gewirres von Dutzenden düsterer Hose, lichtloser, halsbrecherischer Treppen, dunkler Gänge, übereinandergethürmter Stockwerke von schmutzigen Wohnräuinen, zu denen Sonne und Vuft wenig Zutritt hatten, damit an Stelle eines, in jeder Hinsicht monströsen Bauwerkes, in welches, gleichwie in ein Gefängniß, ehedem fast tausend Menschen ihres Bekenntnisses wegen cingesperrt waren, neue gesunde, luftige Quartiere entstehen. Am letzten Tage des Jahre« aber hat man die Räume des alten Ghetto- Baues dem Publikum gegen ein kleines Eintrittsgeld, dessen Ertrag zum Besten der Armcn-Asyle verwendet wird, geöffnet, und die Florentiner von heute strömen herbei, um mit Staunen und Widerwillen Räume zu betrachten, in welche ihre intoleranten Vorfahren Jahrhunderte hindurch die Angehörigen einer Race, die Bekenner eines Glaubens verbannten, aus dessen Wurzeln die herrschende Kirche emporgesprossen ist, die dicht neben dem versperrten Ghetto ihre prunkvollen Feste, mit Gebräuchen, die denen eben jenes bedrückten Volkes nachgcbilder waren und sind, in marmornen Domm celebrirte. Der Ghetto, welcher bestimmt ist, in einigen Wochen oder Monaten unter dem Hannner und der Hacke des Maurers zu verschwinden, ist in Florenz selbst fast zur Legende geworden, denn nachdem die neue Zeit den Juden die Thore desselben geöffnet, hatte sich, ähnlich, aber in ärgerem Maße noch, als in Rom, der Abhub der Bevölkerung hier eingenistet. Der Florertincr Ghetto liegt dem Erzbischöflichen Palast gegenüber, kaum hundert Schritt vom Dom, und dem marmornen Thurm des Giotto entfernt, völlig im Eentrnm der Stadt, und die eine Seite des Ghetto-Baues sieht auf den „AJercato vwcbio“ hinaus. Ob wohl unter den gebückten Gestalten, die den Ghetto bevölkerten, Männer von antiguarischen Kenntnissen waren? Es kann kaum bezweifelt werden, daß die Mütze mit dem runden gelben Fleck, die sie als „r^xiw" tragen mußten, häufig Köpfe voll Scharfsinn und Gelehrsamkeit barg, denn, freilich, che diese Barbarei anfkam und che sich in Florenz, wie in Rom die Mauern des (Ghetto hinter den schlossen in. der Zeit der Renaissance, begegnen uns in Florenz, jüdische Schriststelicr von Ruf nnd Bede», laug, wie Elia de! Medigo, der Freund nnd Lehrer im hebräischen des berühmten Pico della Mtrandola war. Wenn mm die Kenntnisse anch ln anderen. als dogmatischen und talmudischen Dinge» hinter den Ghetto-Mauern wcitergcpflegt wurden» dau» konnte ein oder der andere Alte, der die Vergangenheit, und nicht nur die des eigenen Stammes kannte seinen Glaubens- und Schicksalsgenossen in der beschaulichen Ruhe des Sabbath-Abends, m der Rast- und Feierstunde des geplagten Volkes, erzählen, daß man hier in dem mißachteten Ghetto sich auf derselben Stätte befinde, wo das tempelgekchmuckte Capitol der römischen Florentia gestanden, und daß vielleicht dieser Boden noch jetzt die gestürzten Götterbilder der gestürzten Götter berge. Er konnte ihnen sagen, daß sich ihr Ghetto an dem ^Königs- Forum" der Langobardenzeit befinde, und er konnte vielleicht, indem er daran erinnerte, wie die Herrlichkeit jener Tempel und dieser Herrscher spurlos dahingegangen, sich selbst und seine Genossen in dem Gedanken aufrichten, daß vom Wechsel und dem Strome der Zeiten anch ihre Bedränger und auch ihre Bedrängnisse fortgeschwemmt werden, und daß späteren Geschlechtern eine hellere Zukunft beschieden sein werde. Ueber einem der Eingänge zu den elenden Wohnungen des Ghetto fand ich, fast verlöscht, die Worte Dante» eingekritzelt, die dem Thore seiner Hölle'eingeschrieben sind: „Lasciate ogni aperanzä“. *) Aber aus welcher Zeit auch diese, an sich dem Orte gemäße Inschrift stammen mag — dies war niemals ein Merkwort der hinter den Ghetto- Mauern verschlossenen Juden. Ihr Gkauben lehrt sie da« Erwarten. Eines, der da. kommen. fj9B„, und sie haben niemals „die Hoffnung gelassen". Die Niederreißnng des Ghetto gehört zu dem System der „Assanirrmg" von Florenz, und, wie der Ghetto, fallen die benachbarten engen, schmutzigen Quartiere rings um den Mercato vecchio* den ehemaligen Stadtmittelpunkt. Denn Florenz, eine der blühendsten und gesundesten Städte Europas, umfaßte, Neapel nicht ganz unähnlich, ganze Stadtgegenden, deren Schilderung Grauen, Ekel und Mitleid zugleich erregen müßte. Nur darin übertrifft Florenz Neapel noch, das hier diese elenden Quartiere — Brutstätten für Krankheiten und für Verbrechen - inmitten der Stadt, dicht an den belebtesten Straßen, umsänmt von monumentalen Prachtbauten liegen, die seit Jahrhunderten die Bewunderung der Welt erregen. Noch ei» Jahr, noch zwei Jahre, und von all' dem mehr oder minder malerischen Elend, von der Schmutz-Romantik rings um den Akt nmtt» vcixhin wird nichts mehr als die Erinnerung übrig fein. Mit de» Barouak-Thttrmcit begann in Florenz in diesem Jahrhundert *) Vnfjrl jrbr Hognunst broiiprrt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.