Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1886)
- Date
- 1886-01-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449600-2449607--23633-2513308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
97 Lik Dcmolinmg zu Gunsten des- Verkehre, und mit dem Abbruch der elenden Brutstätten jeden Elends und jeden Lasters, um den „alten Markt" feyt sic verständigerweise das Municipio fort ttoy der Millionen, die diesen Zwecken geopfert werden müssen. Die Geschichte der Juden von Florenz geht nicht so weit zurück, und sie ist auch nicht so schicksalsrcich, wie die ihrer Römischen Glanbensbrüder. Die Florentiner .,«drei" können sich nicht gleich den Römischen rühmen, — wenn die Berufung auf eine, zwei Jahrtausende des Leidens umfassende Geschichte ein Rühmen zu nennen ist — daß ihre Gemeinde auf die Zeit der Scipionen und Gracchen znrückreicht. (Denn aus dieser Periode sind schon Maßnahmen der Bedrangung der Römischen Israeliten bekannt.) Sie können nicht vermelden, daß ein Abkömmling ihres Ghetto die Tiara getragen hat, wie jener Anaklet II., der Jahre hindurch über Rom herrschte, und den, obwohl er freilich als nicht kanonischer Papst galt, der Heereszug eines deutschen Kaisers nicht zu stürzen vermochte. Dafür brauchten sie indeß auch —mcht,wiclhrc Römischen Brüder, unter dem Hohn dcsWöbels neugewählten Päpsten verachtungsvoll aufgenommene Huldigungen darbringen, noch halbnartt zum Earneval zum Ergötzen des Volkes gleich Pferden und Eseln auf dem Corso Wettrennen. Die Geschichte der Florentiner. Juden ist kürzer und weniger reich an Bedrängnissen. Sic wurden förmlich, und mttcr vielerlei Clauseln zuerst 1430 in Florenz von der.Signorie zugelasscn. 1439 gab cs schon zwei „Banken", die von Juden geführt wurden. Unter einem .,banco*‘ versteht man noch heute in Italien ein privates Bank - und Wcchslergcschäft Ihre Zahl stieg, und ihre Geschäfte vermehrten sich in der primkvollen, genußsüchtigen, leichtsinnigen, verschwenderischen, lcbensfrischcn Zeit, die man heute die der „Renaissance" nennt. Die ersten Medici, Cosimo wie Lorenzo, hatten sie geduldet, wenn nicht begünstigt: aber in der erregten Zeit der Büßpredigten Giralamo Savonarola's kehrte sich der Zorn des Volkes auch gegen sie. Sic wurden vertrieben, doch finden wir sic nach bcm Fcucrtode des Dominicaners von San Marco wieder in Florenz. Die Mitte des scchszehnten Jahrhunderts war in allen Ländern für die Juden eine traurige Zeit. Der fanatische Neapolitaner Earassa, Papst Paul IV.» wnthcte gegen sie in Rom, und seine Bulle 1 bestimmte ihr Schicksal auch in der Ferne. ES lag, wie im Zuge der Rcactlons-Epochen aller Zcil len, auch gegen die Juden zu wüthen. Nicht lange nach der Zeit jenes Pan! IV. llmt sich beim auch den Juden von Florenz dieser Ghetto ans, der jetzt lnr Immer verschwinden sott. Es war im Jahre 1571, und schon zuvor hatte man den Männer» jenes Barett, den Frauen den gelben Flicken auf den linken Aermcl als Abzeichen gegeben. Papst Paul IV. hatte solche Maßnahmen zuerst m Rom cingcführt, und sie erschienen offenbar den Machthabern der Zett sehr nachahmenswerth. Doch das Loos der Florentiner Juden wurde durch die Fürbitte der schönen Denetianerin Bianca Capello bei ihrem Gemahl, dem Großhcrzog Francesco, gemildert. Es scheint, daß sie in ihrem Palazzo jenseits des Arno oft Frauen ans dem Ghetto empfing, die ihr Salben und seltene Wohlgerüche, schöne Stoffe und Geheimmittel für die Toilette brachten, denn die Ghetto-Frauen waren für derlei Dinge und für mancherlei Rathschläge berühmt. Bianca Capello setzte wichtige Erleichterungen für ihre Schützlinge durch, aber mit ihrer und ihres Gemahls Vergiftung endete auch zunächst die bessere Periode im Dasein der Ghetto-Bewohner. Freilich war ihre Bedrängung in dcnr milderen und freundlichen Toskana nicht nur niemals eine so harte, als inmitten der wilden und zuchtlosen Römischen Bevölkerung, sondern nicht einmal so arg, wie in Venedig, Ferrara und Pisa. Die Mauern des Ghetto's umschlossen sie zugleich als die eines Gefängnisses und eines Zufluchtortes, und es ist nicht bekannt, daß der Pöbel in* Florenz, wie io häufig in anderen Städten diesseits und 'jenseits der Alpen, den Ghetto zu stürmen und zu plündern versuchte. Es sind sogar Maßnahmen .energischen Schutzes seitens der Behörden bekannt. So ließ die Signorie einmal einen Bruder Franziscancr, obwohl er aus. dem Mailänder Fürstengeschlccht der Visconti.stammte, weil er sich darauf verlegte, von der Kanzel das Volk gegen die Ghetto-Bewohner aufzuhetzen, als Ruhestörer in mitternächtiger Stunde aus der Stadt hinausführen mit der Weisung, binnen dreier Tage nicht niehr im Toscanischen Gebiet angetroffen zu werden. Doch solche Maßnahmen zur Aufrcchterhaltung der Ruhe können nicht über den Druck und die Verachtung täuschen, die auf den, durch ihre Geschäfte meiftcntheils wohlhabenden, und dennoch so elenden Bewohnern jenes düsteren Gcbäude-Eompleres lasteten. Eine lateinische Inschrift, die der „große und erlanchteftc" Großherzog Eosimo M. über dem nach Osten gelegenen Thorc des Ghetto anbringen ließ, und die wir hier nicht wiederholen wollen — sie enthielt in hochfahrenden Worten die Mahttung zur Bekehrimg — gicbt hinreichenden Aufschluß darüber. Solcher Art blieben die Zuslände, bis Pietro Leopoldo, dessen Andenkcii noch heute ln Toscana gesegnet wird, gleich seinem Bruder, dem Kaiser Joses II., die Baude mittelalterlicher Aussassuugeu