Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1886)
- Date
- 1886-01-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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als die Zahl der Ausländer in Deutschland; und wenn jene Deutschen alle zu uns zurückkehrcu, so würde das für die deutsche Arbeit eine ganz andere Konkurrenz geben, als durch die jetzt ausgcwiescnen Polen erwachsen war. Sie wissen alle, tuic schon seit Jahren die russische Presse, an der Spitze das Blatt des einflußreichsten Mannes in Rußland,, des Katkow, gegen die Deutschen hetzt. Dort sagt man, Rußland sei jetzt mündig, die Deutschen müßten hinaus. Sie äßen sonst den Russen das beste Brod weg n. s. w. Man hat ja auch bereits in Finnland mit den Ausweisungen Deutscher begonnen. Wenn Sie die Kehrseite der Medaille betrachten, so sehe» Sic also, daß die Maßregel kein Schutz der nationalen Arbeit ist, vielmehr eine neue wirthschaftliche Schädigung. Das Prinzip, welches die neue Wirthschastspolitik in der Zollnnd Eisenbahnpolitik verfolgt, wird nun vom Maarenauf den Personenverkehr ansgedehnt, und das zu einer Zeit, wo man viele Millionen daran wendet, um durch Dampferlinicn und Eisenbahnen neue Berbindungcn mit fremden. Ländern herznstcllen. Wenn Sie wirklich jetzt die Hand dazu bieten, Deutschland Tnit“"cmcr chinesischen Mauer zu umgeben, dann möchte ich zwanzig Jahre in die Zukunft voransblickcn, das Bild dürfte kein erfreuliches sein. Der Abgeordnete Windthorst weist darauf hin, daß die Gerechtigkeit die Grundlage des Staats sein muß. Er behauptet, daß von den »0,000 Ausgewiesenen mindestens 20,000 Katholiken sind. (Da nur eine ganz verschwindend kleine Anzahl Protestanten ausgcwicsen wurde, so wäre man demnach zu der Annahme berechtigt, daß beinahe 10,000 Juden von dieser harten Maßregel betroffen wurden.) Der Abgeordnete von Hamm er st ein bemüht sich, die Ausweisungen von seinem antisemitschen Standpunkte aus zu vcrthcidigen; er bezieht sich auf den „Osservatore Komano", der als Grund für, die Ausweisungen den Zuzug der polnischen nnd galizischen Juden bezeichnet habe. — Dem gegen-! über constatirt der Abg. Windthorst, daß das genannte römische Blatte schlecht unterrichtet gewesen, die Maßregel sei namentlich gegen den KatholocismuS gerichtet. — Der Abgeordnete Ba mberger sagte in seiner vortrefflichen, mcisterhaften Rede unter Attdrrm: „Wenn der Abg. Böttcher sagt, die jetzige harte Maßregel der prenß. Regierung sei zur Beseitigung der Folgen fviilH'Kr Mißgriffe notlnvendig gewesen, so mchtc ich doch im Gegentheil. dag der, der diese Mißgriffe begangen bat und dafür verantwortlich ist, mm tMlh die Folgen tragen miiffr, nicht aber ganz Nustßnff'ige büßen lassen darf. Den Familienvätern gegenüber, die Jahrzehnte lang bei uns im Lande gelebt haben und annchmen mußten» daß sie auch fernerhin friedlich cxistireu könnten, hat man eine moralische Verbindlichkeit dadurch übernommen, daß man ne so lange hier wohnen ließ; sie plötzlich zu vertreiben, das ist eine hartherzige, verblendete, einseitige, barbarische Art des Vorgehens. (Lebhafter Beifall links.) Ob die Königlich Preußische Regierung auf die Stimme der Vertreter des deutschen Volkes hören und die noch bevorstehenden, bereits angcdrohten Ausweisungen zurücknehmen wird? Gebe es der allgütige Gott, der die Herzen der Herrscher lenkt! — Zeitungsnachrichten und Correspondcnzen. Den t s ch l a n d. Berlin, Ui. Januar. Die „Landeszeituug" von Schaumburg-Lippe hatte in einem Hetzartikek nach berühmten Mustern die Behauptung aufgestellt, daß die jüdische Religion indirekt den Meineid gebiete; zum Beweise wurde das „Kol-Nidre" angeführt. Der Gemeindevorstand hat von höherer Seite veranlaßt, den Strafantrag gegen das, genannte Blatt gestellt, Berlin, 15. Januar. Am letzten Montag beging die „Hochschule für die Wissenschaft des Jüdcnthums" ihre M en d e l s s 0 h n s-F er er". Die „Festrede", welche P r 0s. M0ses Lazarus hielt, bot nichts Neues; sie war eine einfache Hetzrede gegen den Talmud und das talmudifche Judenthum. Der Redner sprach wieder einmal, geistreich wie immer, von der „Verdummung des Talmuds", er spottete wieder einmal, witzsprühc'nd wie immer, über das „Böcklcin in der Milch der Mutter" und flocht noch manche andere schöngeistige Bemerkung ein 11t seine „Gcdächtnißrcde" ans Moses Mendelssohn. Alan sicht, es sind die alten Witze, mit denen der Herr schon einmal in der Nepräfentantenversammlung bei der Becrdignngsfrage so glanzvoll abgefatten war. Wir würden Herrn Prof. Moses Lazarus und seinen lieblichen Ergüsse» zu viel Ehre anthttn, wollten wir sic einer Entgegnung würdigen. Die beste Antwort ans derlei Schmähungen ist das Schweige« der Berachtnttg. Wir haben auch die ganze Angelegenheit nur berührt, um zu konstaüren, daß die Reformer, die jede Gelegenheit bei de» Haaren herbeiziehen, um das traditionelle Indenthnnl zu beschimpfen, G. f. D. tmr in Einzelerem«- plaren vorhanden sind.