Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1886)
- Date
- 1886-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXVIL Jahrgang. Erste SeUage zu Nr. 8 des Israelit. Leitender Artikel. Me Merßandtungen im deutschen Reichstage über die in Preuße« erfolgten Ausweisungen. Berlin, 17. Januar. Gestern Abend habe ich Ihnen telegraphisch das Resultat obiger Verhandlungen mitgcthettt. (Siehe die vorige Nnmmer). Heute will ich aus denselben Dasjenige wiedergebeu, was für uns Jude» von besonderem Interesse ist. Der Abgeordnete Möller sagte etwa Folgendes: Bei uns in Königsberg waren fast alle Ausgewiesene« jüdischer Religion. Nun bedicireu sich aber die polnische» Juden, wie ich mich kurz ausdrücken will, alle der deutschen Sprache; sie haben mit den polonisirenden Bestrebungen nichts gemein; cs sind auch nicht alle Handelsleute. Diele hat nur der Drang nach deutscher Cultur, das Bestreben, ihre Kinder besser zu erziehen, zu «ns geführt. Entweder bedeuten diese Ausweisungen also einen Schlag gegen das liberale Judcnthum, oder sic sind eine neue Variation des Themas von» Schub der nationalen Arbeit. Vielleicht Neffen auch beide Gründe zugleich zu. Schon vor den Massenausweisunge» sind einzelne der jüdischen Religion angehörige Correspondenten ausländischer Blätter ausgewiesen worden. Offiziöse Mitarbeiter hiesigerBlätter werden allerdings dafür bei uns importirt. Ob das das Zeichen einer starken Regierung ist, erscheint mir zweifelhaft. Cs sind russische Unterthanen ausgewiesen, welche irrthümlicherweise an der letzten Reichstagswahl theilgenomnren. (Redner führt hierauf eine Reihe besonders eklatante Ausweisungsfälle an. Man hat einen Studenten ausgewicsen, der 1870 als Krankenpfleger mit in den Krieg gezogen ist, für seine Verdienste mit einer Medaille dekorirt wurde und auch später in der Presse für das Deutschthum eingetrelen ist. Man hat Greise vertrieben, die, krank und hinfällig, sicher für die deutsche Nationalität keine Gefahr bildeten.) Daß alle die Autzgtwiesenen in wtrthschaftllcher Beziehung ln's Clrnd gestürzt sind, bedarf nicht erst des Be» weises. Ich weist wohl, dost es bei vielen heistt: was gehen uns die frcnibrti Renten aii V Darauf antworte ich, daß am Anfänge aller Kultur das Gastrecht steht uitd am allerwenigsten kommt eö I einem Volke, wie den Deutschen, zu, das Prinzip des Gasirechts zu verleugnen. Mit diesen Ausweisungen ist, wie Liebknecht mit Recht bemerkte, eia Flecken auf den deutschen Namen geworfen, der den Haß des Auslandes gegen uns verschärfen wird. Bei denSlaven, Romanen, ja selbst bei denstammverwandten Dänen, Schweden und Norwegen ist die feindselige Gesinnung gegen uns gesteigert, zwar mit Unrecht, aber der Hast ist blind. Zwar kann man sagen: „Odermt, dum metuant“. Aber der Tag kann kommen, wo dieser Haß zur That wird. Die Leidenschaften der Volker spielen in den politischen Konstellationen eine wichtigere Rolle, als die Berechnungen der Diplomaten. Das Beispiel Spaniens hat uns in dieser Beziehung soeben eine wichtige Lehre gegeben. Aber ich will nicht Gefühlspolitik tteiben. Ich kann Ihnen Nachweisen, daß selbst vom Gesichtspunkt des Schutzes der nationalen Arbeit betrachtet, die Ausweisungen nur schädlich waren und nichts genützt haben. In den ohnehin dünn bevölkerten Kreisen der östlichen Provinzen fehlt eS namentlich in der Erntezeit oft an ArbeitermDa sind' die über die Grenze kommenden polnischen Arbeiter den deutschen Grundbesitzern sehr willkommen und nützlich. In diese ganz natürlichen, für beide Theile ersprießlichen Verhältnisse wird nun mit rauher Hand eingegriffeu. Cs sind aber auch angesehene russische Kaufleute, die sich nur vorübergehend in Königsberg aufhielten, ausgewiefen worden. Diese Herren haben nun erklärt, daß sie jede Geschäftsverbindung mit Königsberg lösen und in Zukunft sich lieber nach Riga und Odessa wenden würden. Schon jetzt hat unser Handel durch die Ausweisungen sehr gelitten. Das ist auch einem höheren Beamten, der kürzlich unseren Osten bereifte, überall gesagt worden. Unsere Kaufleute haben sich ferner bisher für ihren Handel mit dem Innern Rußlands russischer Korrespondenten bedient, bie der für einen Deutschen so schwer zu erlernenden russischen Sprache mächtig und mit den russischen Verhältnissen vertraut waren. Auch diese sind zum größten Schaden unseres Handels fast alle ausgewiesen. In Königsberg stehen zur Zeit in Folge der Ausweisungen über 200 Wohnungen leer; einem einzigen Hausbesitzer allein 2:1. (Hört, hört l) Und wenn intti Rußland und OesterreichWen Spieß um« kehren, und die bcutfdicn Unterthanen anSlvetsenV Die Zahl der dort Icüctibctt Deutschen ist viel größer