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Der Israelit · 1886-01-21 · Heft 6 (21.1.1886) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 6 (21.1.1886)
Date
1886-01-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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gut oder böse, ein Frommer oder ein Frevler zu werden. Wir haben aber nachgewiesen, daß wenn Gott gleichsam Halachah sagt im Namen eines Menschen, dieser ein vollkommen Frommer sein muß, ja nicht allein sein, sondern stets geblieben sein muß. Deßhalb mußte Rabba bar Nachmeni vorher sterben, ehe er droben die Halachah entscheiden durfte. Wenn nun Gott im Namen eines lebenden Menschen Halachah sagen würde, so würde Er demselben gleichsam die Willensfreiheit abschneiden und ihm die Möglichkeit nehmen, sündigen zu können. Deßhalb fragt Moscheh verwundert: Herr der Welt, die oberen und die unteren Wesen gehören Dir, Du bist der Schöpfer deVWeltalls, der Erhalter und Lenker desselben. Deine Allmacht hat keine Schranken, und nur die Freiheit des Willens hast Du dem Menschen gelassen und jetzt willst Du einem Menschen die Freiheit zn sündigen, dadurch nehmen, daß Du Halachah sagst in seinem Namen und ihn dadurch zwingst, fromm und gut zu bleiben?" Und Gott antwortete ihm: T&jra -nsjft ins* pns "pny ,n»o nicht rede Ich von einem jetzt lebenden Menschen; der Elieser, in dessen Namen Ich die Halachah sage, wird erst in zukünftiger Zeit erstehen. Keines Icbcnbeii Menschen Willensfreiheit wird dadurch. beschränkt. — Und Moscheh versteht, was Gott sagt, und ist durch die Antwort befriedigt; er knüpft nur die Bitte daran, daß der große Lehrer Israels, der Elieser heißen wird, von ihm abstammen möge. Die Fragen, die wir in Bezug auf diesen Midrasch gefragt, sind nunmehr beantwortet. Aber, wenn auch unser großer Lehrer Moscheh durch die ihm gewordene Antwort befriedigt war, so können wir es noch nicht sein. Wohl haben wir erfahren, daß Gott keines lebenden Menschen Willensfreiheit beschränkt; aber damit ist der Widerspruch zwischen der göttlichen Doransbestimmung und der menschlichen Selbstbestimmung noch nicht ganz gehoben. Scheint es doch zu sein, daß mehr als 1400 Jahre zuvor bestimmt gewesen, daß Rabbi Elieser den Horkinas, dem unsere Weisen bcti Beinamen des Großen gegeben, ein vollkommen Frommer und einer der bedeutendsten Lehrer Israels hat werden müssen! Wo bliebe da des großen Mannes Selbstbestimmung, seine Freiheit des Willens? Wie kann man seine Thaten und sein Wirken rühmen, wie kann er selbst Lohn dafür empfangen, wenn Gott schon dem Moscheh die Frömmigkeit und Gelehrsanlkeit Rabbi Eliescrs voransgesagt batte? Die Geschichte berichtet uns von den siuchlbarcil Kämpfen und Leiden Rabbi Eliesers. Sein Vater Horkinas war dem Wissen abgeneigt und wollte den Sohn zum Ackerbauer erziehen. Aus Liebe zur Thora entfloh der Jüngling dem Elternhause und schlug es für nichts an, daß er dadurch wahrscheinlich sein reiches Erbe verscherzen würde. Unter den schrecklichsten Entbehrungen und Kümmernissen, bei Tage sein karges Brod im Dienste eines Schmiedes erwerbend, widmete er den größten Theil seiner Nächte mit unermüdlichem Eifer dem Thorastudium; und als er groß geworden in der Gotteslehre, als sein Lehrer Rabbon Jochanan ben Sackai ibn mit seinem zürnenden Vater ausgesöhnt hatte, da mußte Rabbi Elieser die schrecklichste Katastrophe der jüdischen Geschichte, die Zerstörung Jerusalems und die Verbrennung des Heiligchums durch die Römer, erleben. Ihm war es beschicken, in Verbindung mit seinem großen Lehrer und seinen nicht minder großen Genossen bas jüdische Volk zu erhalten, ja, in gewisser Beziehung neu zu begründen. Welche Kämpfe, Sorgen und Mühen erforderte das! Das verzweifelnde Volk mußte für die Thora erhalten und zu der Thora emporgehoben werden. Gefahren ringsum. Hier die verfolgenden, unterdrückenden Römer, dort die Sekttrer in der eigenen Mitte: Saddncäer, Kuthäer und Minäer (Judenchristen). Wie ein Fels im Meere ragte Rabbi Elieser durch FrömmiAeit und allumfassendes Wissen" empör. TröWrn mußte er es erleben, daß er von den eigenen Freunden und Schülern verlassen wurde, und nichts schmerzte ihn mehr als daß er von den unendlichen Schätzen seines Wissens den Schülern nichts mehr mittheÜe» durste. Gerade Rabbi Elieser erscheint uns als ein Ideal der Willensstärke. Den schwierigsten Verhältnissen gegenüber siegt die Kraft seines Willens. Er entzieht sich als Jüngling der Tyrannei des Vaters, er kämpft gegen die schreckliche Armuth, ihn kann der Zusammensturz des jüdischen Staates nicht Niederdrücken, und selbst den eigenen Genossen gegenüber beharrt er bei dem, was er für wahr erkannt hat. lind in allem Diesem sollte Rabbi Elieser nicht nach eigenem Ermessen gehandelt haben, sondern im Voraus dazu bestimmt gewesen sein? Daß dem nicht so ist, sondern daß auch Rabbi Elieser wie jeden, andern Menschen die Freiheit des Willens ungeschmälert zu Theil geworden» das wollen wir unter göttlichem Beistände im nächsten Kapitel nachzuweisen versuche». (Forisevuttg folgt.)

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