Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1886-01-18 · Heft 5 (18.1.1886) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 5 (18.1.1886)
Date
1886-01-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449600-2449606--23609-2513283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sinn Schluffe möge dann auch das hier für solche Fälle übliche Gebet rv nsh, sc dr« gesprochen werden. DerMuley selbst begab sich, von einigen der angesehensten Chachamim begleitet, auf den alten Friedhof hier, wo die b'enrtp (Märtyrer für ihren Glauben und ihre Nation) begraben liegen, warf sich dort auf sieben verschiedene Gräber nieder und flehte hier für die Wicdergencsung oder ein schmerzloses Hinscheidcn des hohen Patienten. Dasselbe thaten nach ihm der Reihe nach auch die mitgckommenen Chachamim. Während dieses auf dem Friedhöfe vorging, wurden im jüdischen Gcmeindehause Brot, Fleisch und Geld an die Annen vertheilt. Jndcß, das Ende Muzzafar Eddin's war schon besiegelt und nach einem zweitägigen Todeskampfe — der Kranke wollte noch auf dem Sterbebette von einem christtichen Arzte nichts wissen — schied er aus dem Leben. Wie man sich hier erzählt, soll derselbe in der Nacht vor feinem Tode seinen Imam (Vorbeter) zu sich gerufen und ihm unter Thräncn gestanden haben, daß er es bereue, noch in feinen-alten Tagen christliche Sitten und christliche Kleidung angenommen zu haben (Muzzafar Eddin, der sich ftüher ganz wie die alten Sultane mit hohem Turban, langem Kaftan, Gürtel und Sandalen trug, begann nach 1874, als die Besuche russischer Gesandten und Generäle an seinem Hofe sich mehrten, den Bart zu stutzen, auch setzte er sich einen Fez auf und ttug einen kurzen mit Epaulettcs besetzten Waffenrock und goldbordirtc Pantalons) nur sei er leider durch das Kismeth (Schicksal) dazu gezwungen worden. Hierauf segnete er noch seine Söhne und ermahnte sie, stets eifrige Moslims zu sein, und wenige Stunden nachher war er schon eine Leiche. Sogleich eilten berittene Herolde durch die Stadt und verkündeten mit lauter Stimme : „Emir Muzzafar Eddin hat soeben seine Seele Gott znrückgegebcn und hat auch schon der Prinz Abdul-Achad den Thron bestiegen. Möge Gott Erstercm seine Sünden verzeihen und Letzterem wieder eine lange und glückliche Negierung gewähren! Amin, Amin, riefen dann die Unrherftehenden und reichten den anwesenden Bettlern und Derwischen, von denen die Straßen Bockharas wimmeln, kleine Kupfermünze» hin, als cme Fidwch (Anslösnng) für hie arme Heimgegangene Seele. Wieder traten die Vorsteher nnd Chachamim der Synagogen beim Mulcy zu einem Conciltnm zusammen, in der beschlossen ward, daß alle jüdischen Geschäfts- und Handwerkerläden als Zeichen der Trauer unverzüg. lieh geschlossen werden sollen. Biele Bewohner des Fttdkttvlerlkls hatten jedoch nnlerdessen schon ans freien Stücken ihre Läden nnd Hänfer geschlossen, da in der Stadt das Gerücht verbreitet tvar, die 4 ■ - - . '; fanatische Bevölkerung wolle das Leichcnbegängniß, das noch am selben Tage stattfand, dazu benützen, um ein Blutbad unter den Juden hier anzurichten, das selbstverständlich auch eine Plünderung der Jndcnhäuser zum Gefolge gehabt hätte. Dieses Gerücht war auch in den Residenzpalast gedrungen — derselbe liegt auf einer Anhöhe und ist von mit Kanonen armirten hohen Wällen umgeben — und sogleich wurden von dessen Wällen herab siebM Kanonenschüsse über die Stadt hinwegefeuert, zum Zeichen, daß die regulären Truppen sich bereit halten sollen, um nötigenfalls mit gefälltem Bayonet in die Stadt zu eilen und hier Alles, was sich ihnen widerfetzt, uicderzustoßen. Diese sieben Schüsse waren nicht umsonst abgefeuert worden; denn die Fanatiker bekamen Furcht und gaben ihr bluttgeS Vorhaben auf. Das Leichenbegängniß ging dann in allerRuhe vor sich, doch ließ sich kein Jude bei demselben sehen, um nicht den Fanatismus zu reizen. Die Leiche des Emirs wurde nun, nachdem man sie vorher noch gebadet und in den weißen Turban, den der Verstorbene bei Lebzetten auf dem Kopfe gettagen, gehüllt hatte, zu Grabe gebracht. Hunderte von Derwischen, darunter auch , einige, deren Oberkörper gänzlich entblößt war, schritten hinter der Leiche einher und heulten oder recitirten Koranvcrse. Den Zug bcschloßen dann einige mit Speisen (Brot, Datteln ns. w.) und Trank (Scherbet, Honigwaffer 2c.) beladene Kamele, deren kostbare Last nach dem Leichenbegängnisse an die Derwische und Armen vertheilt wurde. Vor der Stadt wurden drei Ochsen geschlachtet und gebraten und deren Fleisch gleichfalls an die Armen und Derwische vertheilt. Man setzte sich dann auf den nackten Bodcn^nieder und hielt hier ein förmliches Gelage für den Verstorbenen ab. Nach Beendigung desselben wurden von der Menge Gebete für den Heimgegangenen Fürsten gesprochen, worauf sich alles wieder zerstreute. Ihre geehrten Leser werden aus dieser Schilderung ersehen können, unter welch einem wilden und fanatischen Volke die Söhne Jakob's hier leben, und daß es ein Wunder ist, wenn man sie noch nicht auSgerottet hat. Indeß, der Hüter Israels wacht auch i» Bockhara über fein Volk. Feuilleton. BHaöltttkrt. arz8h1>n«g von griedrtch Dt&tt. XXVI. Wir haben es bereits erwähnt, daß Mrs. Trefoils erster Gatte, Arthur Trefoil» den größten Thetl seines Vermögens durch glückliche Börsen-Spekula

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.