Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1886)
- Date
- 1886-01-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ausbrüchc zu hören bekömmt, die meist mit der Behauptung schließen, daß der „Rabbi ein Gelehrter, wie eine Katz sei.- Doch der Rabbi ist auf solche Auftritte anscheinend gewöhnt, und ein Schluck des „Besten" hilft ihm den Aerger unterdrücken. Das Merkwürdige aii dem gelehrten Manne ist, daß er in jedem Hause, das er betritt, zu verdienen weiß; kann er nichts erodervcrhandcln, so erregt ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit, den er auf seine Bitte meist als Geschenk mit von dannen nimmt. Eine alte Pfeife, die schon des Ocftern den Besitzer wechselte, ist ihm nicht minder wenhvoll, wie ein; kurz er ist Liebhaber für Alles. Die Hauptsache ist, daß er sein „gutes Leben" macht und im behaglichen Heim sorgt sein liebendes Weib in ausreichendster Weise dafür, daß er für die llnannehmlichkeiten seiner vielseitigen Berufsgeschäfte, lohnenden Ersatz am häuslichen Heerde findet. Wenn der gelehrte Mann an seinem Predigerpull sicht, sieht ihm Niemand an, daß er der geriebene Geschäftsmann ist und wenn seine Ermahnungen nicht immer den guten Boden finden, so ist sicher nicht ihm die Schuld beizumessen; wenn er predigt keine Zinsen zu nehmen, reell zu sein n. s. w. sollte man ihm doch folgen, wenn er auch selbst nicht feinen Worten die That folgen läßt. Mein. letzter Besuch bei dem Rabbi galt dem Wunsch eines Freundes, der Geschäftliches mit ihm zu regeln hatte und nicht selbst gehen konnte. Es ist nicht leicht mit dem Manne in's Reine zu kommen; so klug der Mann ist, so dumm vermag er sich zn stellen und als ich endlich fettig war und mich aus dem Hause entfernt hatte, dachte ich diese Gestalt schildern zn müssen; ist doch eine Verkettung des Amerikaner und Russen, des Rabbi und Geschäftsmannes nicht leicht besser zn finden. Vergangenheit und Gegenwart spiegeln sich in dem Manne ebenso trefflich wie die Zeit, die solchen Gestalten zur Entwicklung verhilst. — Bon dem gelehrten Rabbi folge mir der liebe Leser zu einem andern Bilde, das neben der Sparfaitifcit die Klugheit so manchen Freundes in der „Gasse" zeigt. Während der politischen Wahlen herrscht hier zu Lande die Gepflogenheit, daß die verschiedenen Eandidaten ihre Bilder den Wählern zur Verfügung stellen nitd in Wirthschasten, Schanfciiftmi n. s. w. sieht man diese Bilder in großem und kleinem Formal prangen. Ein wackerer Schneider ans den! fernen Galizien hatte seit Langem das Bedürsniß gefühlt, seinen Lieben in der Heimath fein liebliches Eontresei zn schicken und nur der thenre ainerilantsche Photograph hatte seinem Lieblingsplan ein Hinderniß bereitet. Die lente Wahlperiode gab dein Mann eine Zdee, deren Ausführung ihm und seine» Lieben in der Ferne Befriedigung gewähre» sollte. Ter gute Mann verschaffte sich ein Bild eines jungen schonen Eandidaten und ging hiermit freudestrahlend zn einem des Schreibens kundigen Freunde, ihn bittend das Bild gnt zu verpacken und mit der richtigen Adresse zu versehen. Auf die Frage, woz» das Bild des zukünftigen amerikanischen Senators feine Wanderung nach dem fernen Szadagora oder sonst wohin unternehmen sollte, antwortete der gute Mann mit einem verschmitzten Lächeln: „Daheim kennen sie mich nicht mehr, und da der Mann mir ähnelt, spare ich das Geld; cs wird eine große Freude daheim geben." Vielleicht war der bekannte Schriftsteller Karl Emil Franzos zufällig in der Nähe, als die Angehörigen das Bild empfingen; die treffliche Feder dieses Mannes würde die Empfangssccne in köstlicher Weife schildern. Einen Hauptanziehungspunkt für die Bevölkerungsklasse im Viertel bietet das unter dem Namen: „Russisch-jüdische Theatergesellschast" bekannte Theater, in welchem von einem Mitgliede dieser Gesellschaft verfaßte Schau- und Lustspiele, sowie Operette» zur Aufführung gelangen. Die Vorstellungen der Gesellschaft, die zwar hauptsächlich für das Publikum des Viertels bestimmt sind, erfreuen sich auch Seitens der andern jüdischen Kreise eines recht lebhaften Besuchs und machen die lieben Leute ganz gute Geschäfte. Das gemiethete Theater befindet sich in der Nähe der „sogenannten" jüdischen Gegend und umfaßt mehr denn 1000 Personen in seinem Innern. Die Stücke» die zur Aufführung gelangen, sind meist der jüdischen Geschichte entnommen und weift das Repettoire manche effektvolle Stücke, wir: „Bar Kochba", „Esther nnd Haman", „Joseph und seine Brüder" u. s. w. auf. Man hött recht günstige Ansichten über dieses Theater, allein es werden auch manche berechtigre Kritiken laut, von denen ich in erster Reihe das Vorkommen des göttlichen Namens bei den Stücken und Aehnliches hervorhcbe, und welche Dinge vom jüdischen Standpunkte ans entschieden zu veruttheilcu sind. Allein auf der andern Seite darf nicht außer Acht gelassen tverden, daß sich bisher in der hiesigen Presse eine Stimme nicht hören ließ, nnd da die Akteure nicht zu den Gianbensgenossen gehören, die sich religiös nennen, kann man nicht erwarten, daß solche den vercinzciten Stimmen von Pttvatpersonen Gehör schenken. Bon diesem Punkte abgesehen, ist das jiniernchmen als ein recht gutes zu bezeichnen nnd ist das Eii«e schon ein erfreulicher Umstand, daß durch die Gelegellheit die hier del» »ilnbcr Bemittelten geboten wird, sich killen Abrrrd hilldnrch billig