Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1886)
- Date
- 1886-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Gerlis, 1. Januar. Der frühere Fellhändler „Dr." Simon May, „Ntttarbetter" Stöckers und Säule des D. Zl. B. (Deutschen Antisemitenbundes) Hat fich am 2. Weihuachtsseiertage durch Pastor Schwarz m der Srmeonskirche taufen lassen. Dieser Aebertritt ist sicherlich die vortrefflichste That, die May, ein würdiger Genosse von Elias Cohn und Nathan Schlesinger, je in seinem Lebe» begangen hat; das Judenchum votirt ihm seinen innigsten, tiefgefühltesten Dank. — Die hiesigen Antisemiten haben sich aus Mangel an eigenenHetzkrästen einen Dr. Capistrano aus Cassel in der vergangenen Woche verschreiben lassend Dieser hessische Antisemiterchäuptling, ein Jüngling von 30 Jahren, der nach dem „Reichsboten" mit äußerster Nervosität und einem umfangreichen Gebehrdenspiel begabt ist, gab zwei Vorstellungen vor dem bekannten „Publikum" mit mäßigem Erfolge. Natürlich fallt es uns nicht ein, über. die ebenso abgeschmackte, wie veraltete Komödie zu referiren; nur einen interessanten Punkt wollen wir hervorheben. Nachdem der Redner verkündet, daß im Jahre 1886 ein „großer" Antiscrnitenkongreß zu Berlin stattfinden werde, zahlte er die deutschen waschechten Hetzblätter auf; zu diesen gehören außer den bekannten hics. Antisenntenorganen die von heute ab hier erscheinende „Deutsche Volksstimme", das. „Geldmonopol" in Kassel, die „Wucherville" in Mainz und der „Kulturkämpfer" von Otto Glagau. Diese Blätter sollen das Vaterland erretten und ihre Leser werden zu großen Judenfeinden heraublühen vor dem Herrn. Die Vorstellung endete mit einer solennen Prügelei, und in dem erhabenen Bewußtsein doch wenigstens etwas erreicht zu haben, dampfte Dr. Capistrano nach Cassel zilrück. — In Ergänzung und Berichtigung unserer ersten Zlotiz über die Bewilligung von 2000 Mark seitens der hies. jüdischen Gemeinde für die „Historische Commission des D. I. G. B." iheilcn wir mit,.daß die Repräscntantenversammlung, auf 2 Jahren einen jährlichen Beitrag von 2000 Mark, also im Ganzen 4000 Mark bewilligt hat, allerdings unter der Bedingung, daß der D. I. G. B. seinen Namen in dem Titel der Commission streiche. Soweit unsere Informationen reichen, ist es mehr als zweifelhaft, ob das Präsidium des D. I. G. B. dieser eonäiiw sine qua non zustimmen wird. Frankfurt a. M. Die Jubiläumsfeier unseres allverehrtcn Kaisers und Künigö wurde auch in den hiesigen orthodoxen Synagogen tu würdiger Weife begangen, in der Neuen Gemeinde - Snnagoge am gesttigen Sabbat durch eine Predigt nebst einem sich au dieselbe schließenden Gebete, m der Synagoge der israelitischen Keligionsgesellschaft durch eine besondere, heute ftattgehabte Feier. Dieselbe schloß sich unmittelbar dem Morgengottesdieuste an und begann mit der Recitaüon des 118. Psalms, dessen zweite Hälfte, ein Wechselgefang zwischen Vorsänger und Chor, von dem Dirigenten de« Synagogen-Chors, Herrn Japhet, compomrt, vom Oberkantor Herrn I. Friesländer und dem Chore sehr ansprechend ausgeführt wurde. Namentlich', wurde von dem Hrn. Oberkantor die Solostelle imu vh „Nicht werde ich sterben, sondern leben, und von Gottes Allmacht Zeugm'ß geben!" und orn m „Diesen Tag hat Gott gemacht; freud'ger Dank sei ihm gebracht!" verständmßinmg und mit vieler Wärme vorgettagen. Hierauf wurden noch verschiedene Psalmen von Vorsänger und der Gemeinde reciürt und das Gebet für den Kaiser;nin verricht tct, um mit Absingung des hundertsten PfalmS, dessen Composition wir ebenfalls Herrn Japhet verdanken, die erhebende Feier zu beschließen. Wehrheim, 31. Dezember. Im „Usinger Anzeiger" wird bittere Klage darüber geführt, daß so viele Israeliten von hier fortziehen. „Im Sommer", heißt es im erwähnten Artikel, „ist schon eine Familic nach Frankfurt übergcsicdelt, bald zieht Herr S. H., bekannt durch seine Lieferungen an die Consumvereine im Usinger Laude, nach Homburg, weiter schüttelt Herr Em.J. den hiesigen Staub von seinen Füßen, um als höherer Verwaltungsbeamte in Funktion zu treten. Sind) Herr M. H., durch feine Leistungen in der niederen und höheren Bäckerkunst bcrühmt, soll eine Luftveränderung beabsichtigen. Wird dann noch die Kultusgemeindc bestehen können wegen der zu.großen pekuniären AnforderANgen, die an die Ueberbleibenden gestellt werden müßten V Und so spricht man denn auch schon von dem Ueberzuge des Herrn Lehrers G. nach der Kreisstadt Usingen. Es verbliebe uns dann nur noch ein kleines Restchen des intelligenten Völkchens. Wenn endlich einmal das schon so lange besprochene Projekt einer Eisenbahn seiner Verwirklichung sichtbarlich entgcgenginge, so daß wir mit der Welt leichter und billiger in geschäftlichen Verkehr tteten könnten, so würden nutz solche Verluste gar nicht treffen. Nur die Abgeschlossenheit unserer Lage und der vollständige Mangel der industriellen Etablissements sind die Ursachen solch trauriger Dezkmirung.. Der friedfertige und gefällige Charakterzug der Bevölkerung dürfte eher anziehend als abstoßend wirken."