Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 27 (1886)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1886)
- Date
- 1886-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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würdig wie Rabbi Hirsche! war, gestattete er dem Manne das Wort; was dieser aber sagte, war so durchdacht, so tretend, daß es die Debatte entschied, und Rabbi Hirsche! war so entzückt, daß er ansrief: „Daß Berlin diele Lomdün hat, habe ich gewußt, daß aber im Eigäßchcu rin so großer Laindan wohnt, das habe ich bis jetzt noch nicht gewußt!" In dieser Zeit^ der Abgeschlossenheit gegen außen und eines reichentsaltcLeu inneren Lebens wagte es nun cm Jude von unscheinbarem Aeußcrn, ein Jude ohne einflußreiche Lebensstellung, ein Kommis, der es noch nicht einmal zur Stellung eines Schutzjuden gebracht und daher jeden Augenblick der Ausweisung gewärtig fein konnte, sich am Wettstreite deutscher Denker zu betheiligen, ein Wagniß, das er dann mtt der Krönung seiner Arbeit belohnt sah, wagte es. durch stets neue Beweise von der Fruchtbarkeit seines schaffenden Geistes zu zeigen, daß er der Mitgliedschaft der deutschen Gclchrtcnrepublik würdig sei. Das war für seine Glaubensgenossen von nicht zu unterschätzender Bedeutsamkeit. Jüdisches Denken machte sich hier zum ersten Male nach Außen hin in einer Weise geltend, wie man sie nie gekannt, nie geahnt. Von einem Juden hatten sich in den Köpfen der Nichtjuden die seltsamsten Vorstellungen gebildet; daß der Geisteshorizont eines Inden über Schacher und Erwerb hinausginge, glaubte Niemand. And nun war es Mendelssohn, der, aus eigner Kraft das geworden, was er war, zum Erstauneu aller als glänzender Stern am Himmel deutscher Wissenschaft aufging. Wir wollen gleich, um Mißverständnissen zu begegnen , bemerken, daß wir nicht sagen' wollen, Mendelssohn sei der Erste gewesen, der in der Wissenschaft etwas geleistet, wir begegnen auch andern jüdischen Einzclpersönlichkeiten, .die sich in wissenschaftlichen Fächern hcrvorgethan, aber Mendelssohn war der Erste, der es nach außen hin zur Geltung gebracht und in Folge dessen von den Größen seiner Zeit als vollgtttigcr Mitarbeiter anerkannt wurde. Dazu kam noch, daß er, selbst ein tüchtiger Talmudgelchrter, voll und ganz auf dem Boden des talmudischen Jndcnthums, wie man cs bezeichnet, d. h. des unverfälschten, überlieferten Judentums stand, und dies mußte seinen Bewunderern und Freunden — wir sprechen von seinen zeitgenössischen, christlichen Freunden — die Ucberzeugung geben, daß im Gebiete talmndisch-jüdischer Lebensanschauung mid Lebensweise Raum genug für wissenschaftliches Denken und Streben sei, daß Judcnthum und Wissenschaft nicht sich ansschiießcnde Gegensätze leien. Kant noch da.;», daß Mendelslohn persönlich liebenswürdig und fern von jeder Ilrbechcbung war. daß er sich Lurch Ehrlichkeit, Osseoheit und Charakterfestigkeit auszeichnete, und daß alle diese Eigenschaften zusammengenommen, ihm einen Kreis von Fr.undea warb, die schon von ihren Zettgcnossen als die Ersten deutscher Literatur und Wissenschaft verehrt wurde: so mußte diese Anerkennung des eiueo Juden das bisherige Urtheil über Juden und Judenthum nach der besser» Seite hin ändern: Mendclssohn's Persönlichkeit selbst war eine Apologetik für Inden und Judenthum; war cs doch seine Persönlichkeit, welche um ihn und Lessiug die engen Freundschaftsbande wob, die der unsterbliche „Nathan der Weise" fiir alle Zeiten verewigt und verherrlicht. Das Wort eines solche» Mannes mußte schwer in» Gewicht fallen, sei cs, wo es galt, den Fcindseligkciten einzelner Judcnhasser, wie Kölbele, eutgcgcnzutretcn, oder wo cs darum zu thun war, Bedrückungen von Glaubensgenossen , wie sie in? Sachsen, und in der Schweiz geplant wurden, abzuwenden. Wir kommen nun zu der That Mendclssohn's, die man gewöhnlich als sein Hauptwerk nennt, wenn man von seiner Bedeutung für Juden und Judenthum spricht: die Bibelübersetzung. ' Diese, ur-! sprünglich von Mendelssohn nicht zur Veröffentlichung bestimmt, sondern zum Zweck der Lcctüre ' für seinen Sohn geschrieben, vermittelte den Juden ein Bildungsidiom, an ihr lernten sie deutsch sprechen -und sie ermöglichte cs der großen Masse, aus der? bisherigen Jsollrung hcrauszutrctcn.'; Nun war es aber gerade die Bibelübersetzung, die auf großen Widerstand stieß. Was war der Grund? War cs Bkldungsfcindlichkekt? Hielt man in competcntcn Kreisen Bildung und Judenthum für unvereinbar? - Einbekannter Mendelssohn-Biograph hat nichts. Besseres zu thun, als mtt Keuleuschlägcn über die „Zeloten" hcrzufahren, die Widerspruch gegen die Mendelssohn'sche Nebersctzung erhoben; aus den Grund der Bewegung einzugehen, hielt er nicht der Mühe' werth. Sein Wettern aber beweist, daß er bei der Abfassung der Biographie keine Ahnung von der Bedeutung der Männer hatte, über die sich sein Zorn ergießt, daß er ihre Geistesgröße nicht zu begreifen im Stgnde war, und daß er wohl auch nicht wnßte, welche Cbaraktergrößen es waren, die er so leichtfertig angriff. NnmalS ist cs Einem von den damaligen Nabbinen eingefallen, Mendelssohn seine Studien und sein Philosophieren zu verübeln, auch während der Kampfzeit richtete sich nur die Gegnerschaft gegen die Ncbcrsctzung und gegen nichts Anderes. Die