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Der Israelit · 1886-01-04 · Heft 1 (4.1.1886) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
27 (1886)
Issue
Heft 1 (4.1.1886)
Date
1886-01-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Schriften (Leipzig 1880, Voß)*) vorausschickt, zusamuiengcftcllt finden, von hohem Interesse. Christian Garve, einer der besten Prosaiker des 18. Jahrh., schreibt an Pros. W eisse in Leipzig: „Als L es sing» eigener phllosophischer Witz, sein schneidender Scharfsinn und seine Gedankenfülle sich unter uns zeigten, war allen Besonderheiten seines Stils unsere Sprache so angemessen, und sie nahm die seltsamsten Formen seiner Ideen mit solcher Geschwindigkeit an, als wenn nur er ein recht originell deutscher Schriststcllcr wäre. Und doch bot zu eben dieser Zeit eben diese Sprache dem ruhigen Denker Moses Mendelssohn, der die größte Deutlichkeit mit dem sanften Flusse der Rede suchtealle Wörter und Redensarten eines rein philosophischen Stils an." Bon ganz hervorragender Bedeutung ist da» Urtheil des Altmeisters der neueren Philosophie, Kant. Dieser sagt: „Man soll zwar ebenso wenig allen Verfassern Einen Stil, wie allen Bäumen Eine Rinde wünschen; aber dennoch scheint uns Mendelssohn's Schreibart für die Philosophie die zuträglichste zu sein. So frei von aller Sucht nach blendenden! Schmuck und doch so elegant; so scharfsinnig und doch so deutlich; sowenig ans Rührung dem Scheine nach arbeitend und doch so eindringend. Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen sollte, so würde sie diese wählen." Der Etatsrath ». Hennings, dem Mendelssohn seine „Morgenstunden" übersandt, schreibt an diesen: „Wenn man Ihnen auch recht geben wollte, daß Ihre Philosophie nicht mehr die Philosophie der Zeiten ist, so müßte man nicht wissen, daß Sic in Ihren Briefen zuerst den attischen Ton mit dem Ticfsinn des spcculativen Nachdenkens verbanden und der Schönheit und Wahrheit sowie Sokrates den Grazien opferten, daß Sie in den „Literaturbriefen" Deutschlands Geschmack bildeten und zeigten, wie gerade auf dem schlichten Pfade der Vernunft die Blumen blühen." So erkennen wir in Mendelssohn einen nationalen Schriftsteller in seiner wahren und besten Bedeutung, und dies allein berechtigt ihn schon zu dem Anspruch, im Herzen der Deutschen in dankbarer Erinnerung gehalten zu werden. llm aber Mendelssohns Verdienste um die Iudenhcit richtig würdigen 51 können, um nicht für die durch das Znsamnicntreffen verschiedener Verhältnisse hervorgernsenen Erscheinungen die Ursache auf falscher Fährte zu suchen und dadurch die Wirtsamkcit •) Nackt»«,, N'igrs jdjon im tniif erslchrrn wir. das, Verasch hkiitistri» l^kdrttltaftk chtr »»ufilf VlirdM'r van M.'a £rtuHlm Drrmtiinltd!,n,, ans tucldic wir liimnil inulitiiißlid) aufmctlfani machm. Mendelssohn» nicht richtig zu begreifen, dazu ist es nörhig die Zeit, in welcher Mendelssohn zu wirken begann und den Boden, «ms dem er wirtte, näher rn's Auge zu fassen. Als Mendelssohn aufing eine» Ruf zn erlangen, da waren die Juden noch von der Außenwelt abgeschlossen und durch die Staatsgefetze zumeist auf dm Handelserwerb hiugewiesen. Es ist wahr, daß ün Staate und unter der Herrschaft Friedrich d. Gr. Jeder nach seiner Faxon selig werden, aber nicht Jeder nach seiner Fa^on leben konnte. Die Juden wenigstens lebten unter einer großen Zahl von Beschränkungen, und erst gar nichtpreutzische Juden konnten jeden Augmblick gewärtig sein, ausgewicsen zu werden und mußten sich noch glücklich schätzen, wenn sie als Schutzjuden sich einer bessere» als einer Kainsexistenz erfreuen dursten. Wir brauchen hier wohl nicht ausführlich dwtzuthun, wie hier dieselben Erscheinungen wie überall hervortaten, wie die Zurückdrängung der Juden aus dem öffentlichen Verkehr sie bis auf wenige Ausnahmen von jeder zeitgemäßen Bildung aus- und abschloß, wie ihre äußere Erscheinung darum tcr litt und wie die wenigen von ihnen, die durch den Handel, ans den sie angewiesen waren, mit der christlichen Welt in Verbindung traten, weder durch ihre Persönlichkett noch durch ihr Auftteten dazu geeignet waren, dem Judmthum oder der Judmheit die gebührende Achtung zu gewinnen. Dagegen trieb es innerhalb des jüdischen Kreises lebensvolle Blüthen, innig fiihlten die Genossen sich an einander geschlossen, hier blühte das Familienglück, hier waltete die jüdische Wohlthäügkeit in großartigem Maßstabe, hier bewährten sich alle die Tugenden der Nächstenliebe, der Opferfreudigkcit, der Pietät, wie sie dm jüdischen Stamm auszeichnm, hier herrschte ein durch das Thorastudium stets rege gehaltenes Geistesleben und eine Gciftesfrische, von der die Außenwelt keine Ahnung hatte. Charakteristisch hierfür ist folgende als wahr verbürgte Anekdote. Bei einem Festessen, bei dem R. Hirschel Lew in, der Berliner Oberrabbiner, zugegen war, entspann sich eine eingehende Discusfion über eine schwierige talmudische Materie, die sich endlich so verwickelte, daß nur noch der Rabbiner nnd einige der talnmdifchm Koryphäen das Wort ergriffen. Ein kleines Männchen, das bisher nur als stummer Hörer dagesessm, der Debatte aber nufutcrffam gefolgt war, ein Männchen, das in der Elgasse, einen! kleinen Scitengäßchen, einen armseligen Kram besaß, bat bescheiden darum, seine Meinung äußern zn dürfen. AUgcmciues Erstaune», ja ans einigen Gesichter» Ausdruck des Unwillens. LtebenS-

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