Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1885)
- Date
- 1885-12-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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17 U tni -zur rechten ^eit zr>zustellcn. Beim Schreiben der Briefe gab cs große Verlegenheit, denn dieselben inußten der strengen Eensnr der Vorsteher unterzogen werden und so mußte Jeder sich enthalten, in seinem Briefe solchen Gefühlen Ausdruck zu geben, die Gefahr liefen, von der Zensur einfach gestrichen zu werde». An dem Tage, welcher zur Abreise des Boten (SÄcliach) bestimmt war, trat in der kleinen Gemeinde, statt der gewöhnlichen Ruhe, ein bewegtes Leben ein. Jeder drängte sich, dem Boten noch einige Aufträge für die Heimath mitzngeben; ihm nochmals gewissenhafte Obacht ans den mitgcgebenen Brief einzuschärfen. Wenn der Bote endlich die Reise antrat, so begleitete ihn die ganze Gemeinde bis außerhalb der Stadt, um ihm den Schutz Gottes für die weite und gefahrvolle Reise zu wünschen. Gin ganzes Jahr blieb der Bote fort, bis er dann wieder die „Ghalnka" und Briefe brachte. So konnte die indische Gemeinde nur einmal im Jahre mit den Verwandten in Europa Briefe wechseln. Jerusalem war nicht blos für Europa, sondern auch für Palästina selbst abgeschlossen. Das Weichbild der Stadt glich einer Wüste; weit und breit war kein Hans, keine Hütte zu sehen. Die Bewohner der Stadt, Inden wie Türken, wagten sich nicht weit von der Stadt hinaus. Die Stadtmauer bildete eine unübcrschreitbarc Grenze und die vier Thorc wurden mit Souncunntcrgange geschlossen. Eine nach Souuennntergang ankonmrcnde Karawane musste die Nacht außerhalb der Sradt und unter freiem Himmel zubringcn. An Sabbaten und Feiertagen wagte sich die jüdische Gemeinde, um sich zu ergehen, kaum weiter als eineu halben Kilometer von der Stadt hinaus. Ein grobes Ereignis; bildete der an den Festtagen veranstaltete Umzug um die Stadt und aalt für eine Heldenthat. Dabei hütete man sich wohl, weiter als 20 Meter sich von der Stadt zu entfernen. Eine Reise nach Jaffa oder Hebron galt für ein großes Wagnis; und wurde nur im Rothfallc nnternoinmen. Dabei unterließ inan selten beim Gouverneur um die Begleitung eines Reiters, gegen hohe Besoldung, nachznsnchen.' So war die Stadt für Palästina selbst abacschloffen. Die kleine jüdische Gemeinde bildete chic große Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig alle mögliche Liebesdienste leisteten. Die innige Zusammengehörigkeit der Gememdc zeigte sich am schönsten bei einem cintretende» Krauk- Yeitsfalle eines ihrer Mitglieder. Da cs keine Aerzte gab, eilten die Erfahrensten herbei, mn alle ihnen bekannten Arzneimittel anzuenipfehlen. Bei dieser Gelegenheit lohnt es sich einiger solche Mittel aufzuzählen. Als Mittel gegen das Fieber galt das Sitzen des Kranken ans einem Misthaufen, der eine;; Fetzen Leder enthielt. Später wurde an die Thür geschrieben, daß der Kranke abwesend sei, um. den Fieber bringenden „Sched" zu täuschen. Einige ahuitcn den Gebrauch der Araber nach, die dnrch's schmerzenden Theile des Körpers mit einem glühende» Eisen zu brennen. Ucbrigens gab cs fast keine andere als Ficbcrkrankheiten. Schulen gab cs nicht. Zuerst unterrichtete Jeder selbst sein Kind, später bildete sich ein kleines „Ehedcr". So sah Jerusalem vor weniger als 50 Jahren aus. II. Jerusalem jetzt. Den riesenhaften Fortschritt, welchen Jerusalem in dieser kurzen Zeit gemacht hat, verdankt es dem ungeheuren Zuzug von Israeliten und Andersgläubigen. Die jüdische Gemeinde hat sich seitdem um mehr als das t2fachc vermehrt; fast in demselben Verhältnis; nahm die Gesammtbevölkernng zu. Im Maaßc als die Bevölkerung znnnahm erhoben sich an Stelle der alten Ruinen, schöne Gebäude. Halbzerfallene Häuser wurden reparirt und die Weideplätze verschwanden nach und nach. Die Straßen wurden mehr oder weniger gut gepflastert. Die Lebensmittel und der Preis der Hausmiethe wurden immer thcncrcr und die „Ehaluka" genügte nicht N'.ehr, um die Mitglieder der jüdische» Gemeindc zu ernähren. Der Handel mit den umliegenden Dörfern war ebenfalls nicht ausreichend. Er nahm größere Dimensionen an. Es cntftaiibcu nach und nach verschiedene Geschästshänfer. Um den Verkehr mit dem übrigen Palästina und den umliegenden Ländern zu erleichtern, mußte die Regierung sich entschließen, die Straße von Jerusalem nach Jaffa, den Hafen Palastina's, zu bauen, Posten und Telegraphen ciuzurichtcn. Die auswärtigen Großmächte dehnten das Postwesen, das sie in der übrigen Türkei bereits besaßen, bis nach Jerusalem aus. Auch das Gewerbe erfuhr eine bedeutende Reform. Unter den Angekommenen befanden sich tüchtige Handwerker, die bald die alten verdrängten. Dadurch und dnrch das Jmportiren des Petroleums erhielt das Innere der Wohnungen einen europäischen Anstrich.